Zeitung Heute : Aufstand der Armut

Susanne Güsten

Beißender Rauchgeruch liegt noch über dem Kücükarmutlu-Viertel in Istanbul. Abgeknickte Strommasten und niedergewalzte Barrikaden zeugen von den Ereignissen des Vortages. Vor der halb ausgebrannten Ruine eines Hauses liegen zwei Rollstühle umgekippt auf der Seite. Respektvoll teilt sich die schweigende Menge vor dem Haus, als eine ältere Frau in bäuerlicher Kleidung herangeführt wird. Zwei Begleiter helfen ihr durch die Trümmer in die Hütte hinein; kurz darauf gellt ein hoher Klageruf durch die zerborstenen Fenster. "Mein Kind, mein wunderschönes Kind, ach, all ihr schönen Kinder", hallt es aus dem Haus. "Wir werden für euch weitermachen", schwört die verschleierte Anatolierin drinnen ihrem toten Sohn.

Fünf junge Leute lagen bis zum Montagnachmittag im hinteren Zimmer dieses Häuschens und hungerten sich langsam dem Tod entgegen. Der Hungerstreik, der vor gut einem Jahr als Protestaktion linksradikaler Häftlinge aus dem Umfeld der terroristischen Organisation "Revolutionäre Volksbefreiung" (DHKC) gegen die Verlegung in Kleinzellen begann, ist inzwischen zu einem Aufbegehren gegen Armut und Polizeigewalt geworden. Aus den Gefängnissen hat sich das Zentrum der Bewegung nach Kücükarmutlu verlagert - einem Istanbuler Elendsviertel, in dem jede zweite Hauswand mit linksradikalen Parolen bemalt ist. Seit Monaten hat die Polizei das Viertel umstellt und kontrolliert alle Besucher, ohne bisher allerdings eingegriffen zu haben. Am Montag war damit Schluss. Offenbar von den hämischen Schlagzeilen einer Boulevard-Zeitung angestachelt, schlug die Staatsgewalt zu - mit mindestens tausend Mann, schwerem Gerät und offenbar auch mit scharfer Munition.

Vier der fünf Bewohner des Hauses liegen nun auf den Intensivstationen der nächsten Krankenhäuser - von der Polizei mit Gewalt aus dem Haus geholt und zur Zwangsernährung gebracht. Die fünfte ist tot, ebenso wie drei Unterstützer, die zur Angriffszeit im Haus waren. Der Polizeipräsident sagt, die vier Todesopfer hätten sich selbst verbrannt; die Einsatzkräfte hätten eigentlich nur die Barrikaden räumen wollen. Die Anwohner sagen, alle vier seien von der Polizei erschossen worden - vom Dach des gegenüberliegenden Hauses aus. Der Augenschein spricht ebenfalls gegen die Version der Polizei: Am Schlafzimmer der Hungerstreikenden ist das eiserne Fenstergitter aus dem Mauerwerk herausgerissen. So konnten die Angreifer in das Haus eindringen. Um die Barrikaden allein ging es ihnen wohl nicht.

"Sie wollen unseren Widerstand brechen", sagt ein 39-jähriger Aktivist namens Ahmet. Zwischen verkohlten Lattenrosten und durchweichten Kopfkissen ist im verwüsteten Zimmer der Hungerstreikenden noch das gerahmte Porträt einer jungen Frau zu sehen, das hinter zersprungenem Glas am Boden liegt. "Eine Märtyrerin des Hungerstreiks von 1996", sagt Ahmet. Zwölf Menschen starben damals bei dem Hungerstreik linksradikaler Häftlinge, bevor der Staat einlenkte. Diesmal sind schon 78 Menschen gestorben, und der Staat will nicht nachgeben. Doch mit jedem Toten gesellen sich weitere Landfrauen in Pluderhosen und alte Männer mit Bärten zu den jungen Männern und Frauen, denen es vor allem darum geht, dem Staat die Stirn zu bieten. Für jeden Toten, den der Hungerstreik forderte, haben sich viele weitere Menschen dem Todesfasten angeschlossen. "Vielleicht sterbe beim nächsten Polizeiangriff auch ich", sagt ganz beiläufig der 24-jährige Ulus, der an den hastig wiedererrichteten Barrikaden wacht. "Der Preis wird hoch sein", sagt auch Ahmet. "Aber wir werden diesen Kampf gegen den Staat gewinnen."

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