Zeitung Heute : Aufstand der Huren

SCHAUBÜHNEVolker Lösch inszeniert „Lulu – Die Nuttenrepublik“ mit Schauspielern und einem Chor von Sexarbeiterinnen

PATRICK WILDERMANN

Eigentlich hätte es ums Bare gehen sollen. Für seine Inszenierung des Georg-Kaiser-Stücks „Von morgens bis mitternachts“ suchte Volker Lösch Menschen, die extreme Erfahrungen mit Geld gemacht haben, Banker zumal. Zu Recherchebeginn vor einem Jahr stieß der Regisseur, der seinen Schauspielern gern Laienchöre vom Fach zur Seite stellt, im Milieu der Monetenjongleure auch auf große Offenheit, „das Trauma der Finanzkrise hatte den Leuten die Münder geöffnet“, sagt er. Doch je näher die Produktion rückte, desto weniger Auskünfte bekamen er und sein Team. Die Stimmung habe sich gedreht, so Lösch, Maulkörbe seien verteilt worden, um den miserablen Leumund der Branche nicht noch weiter zu ruinieren, während es an der Börse wieder aufwärtsgeht.

Der Regisseur beschloss, ein Projekt vorzuziehen, das eigentlich erst fürs kommende Jahr geplant war, Frank Wedekinds „Lulu“, in der Urfassung gespielt. Lösch erzählt, sie hätten diese Geschichte nicht, wie verbreitet, als Femme-fatale-Fabel, sondern rückwärts gelesen. „Was Lulu im letzten Akt ist, eine Hure, das ist in sämtlichen bürgerlichen Beziehungen vorher schon angelegt. Die Vereinnahmung ihrer Erotik durch die Männer, die sie als Projektionsfläche ihrer Begierden missbrauchen, unterscheidet sich nicht wesentlich vom Verhalten der Freier, auf die sie im letzten Akt stößt.“ Was in seinen Augen wiederum viel mit einem sich wandelnden Liebesbegriff der heutigen Zeit zu tun hat, der schon Jugendliche dazu bringe, Partnerschaften unter Verwertungsaspekten einzugehen: „Alles im Sinne einer durchkapitalisierten Lebensplanung, die am Ende möglichst wenig Verlierer übrig lassen soll in einer Gesellschaft, die Gewinner fordert.“

„Lulu – Die Nuttenrepublik“ ist Löschs Fassung betitelt. Auch um seine Hauptdarstellerin vom Erwartungsdruck der Frage „Wie spielt man einen Mythos?“ zu entlasten, hat Lösch Spezialistinnen auf dem Gebiet der käuflichen Liebe dazuengagiert, Berliner „Sexarbeiterinnen“, die sämtlich „Professuren an einer Sex- oder Liebesschule haben müssten, wenn es so etwas gäbe“, findet Lösch. Es war kein einfaches Casting. Nicht wenige der Frauen fürchteten, eine Teilnahme an dem Projekt könnte sich geschäftsschädigend auswirken. Freier mögen es nicht, wenn über sie, zwar nicht namentlich, aber doch öffentlich geredet wird. Ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen Stigma, das mit dem Bekenntnis zur Prostitution noch immer verbunden ist. Eine Doppelmoral wie zu Wedekinds Zeiten sieht Lösch darin.

Gefunden hat er schließlich eine Gruppe von Frauen, die ein höchst diverses Bild des Rotlichtmilieus zeichnet. Angefangen bei der Stricherin von der Kurfürstenstraße bis zur hoch bezahlten Escort-Dame. Aber man wird vor allen Dingen Intimes über Männer erfahren. Über „Liebeskasper“, die große Gefühle vorgespielt bekommen wollen, ebenso wie über Kaltschnäuzige, die im Internet Prostituierte in „Verkehrsberichten“ bewerten. Was Lösch bei alldem als Gefahr erkennt und vermeiden will: „Dass man diese Geschichte voyeuristisch verhandelt, auf RTL-2-Niveau.“

So oder so, Vorwürfe werden kommen, sie bleiben nie aus, wenn Lösch inszeniert. Er ist nach wie vor der am meisten polarisierende Regisseur der Republik. Neuerdings steht er sogar abseits der Bühne in der Kritik, als Mitorganisator der Proteste gegen Stuttgart 21. Dass Lösch, Hausregisseur am Stuttgarter Staatsschauspiel, mit Bürgerchören gegen den Bahnhofsneubau zu Felde zieht, halten manche für eine ungute Vermischung seiner Positionen als Regisseur und Privatmann. Als Lösch mit den Chören im Theater proben wollte, wurde dem Intendanten Hasko Weber jedenfalls mit Abmahnung gedroht. Lösch betont indes, eine Trennung zwischen Kunst hier und Freizeit dort habe ihn nie interessiert. Das Schöne an seinem Beruf sei doch, sagt er, „dass er mein Leben ist“.PATRICK WILDERMANN

Premiere 11.12., 20 Uhr

Vorstellungen 13., 14. und 15.12., jeweils 20 Uhr

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