Zeitung Heute : Aufstand gegen Ägyptens Herrscher

 Martin Gehlen[Kairo]
Aufmarsch. Präsident Hosni Mubarak hat am Freitagabend die Armee zu Hilfe gerufen, nachdem die Polizei mit den Demonstranten nicht fertig wurde und mehrere Gebäude im Stadtzentrum Kairos in Brand gesteckt wurden. Die Demonstranten ignorierten die nächtliche Ausgangssperre. Foto: Amr Abdallah Dalsh/Reuters
Aufmarsch. Präsident Hosni Mubarak hat am Freitagabend die Armee zu Hilfe gerufen, nachdem die Polizei mit den Demonstranten nicht...Foto: Reuters

Die Proteste gegen das Regime des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak eskalieren. Trotz Demonstrationsverbots gingen am Freitag mehr als 100 000 Menschen im ganzen Land auf die Straßen. Bei Zusammenstößen mit der Staatsgewalt sollen nach unbestätigten Berichten mehrere Menschen getötet worden sein. Der Sender Al-Dschasira berichtete von landesweit 870 Verletzten. Am frühen Abend rief Mubarak die Armee zu Hilfe, die eine Ausgangssperre in Kairo, Alexandrien und Suez durchsetzen sollte, welche die Demonstranten ignorierten. In Kairo kam es zu Plünderungen und Brandstiftungen. Mehrere öffentliche Gebäude und die Zentrale der Regierungspartei NDP wurden in Brand gesetzt. Der am Donnerstag nach Kairo zurückgekehrte Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei wurde unter Hausarrest gestellt.

Kurz nach Mitternacht wandte sich Präsident Mubarak erstmals seit Beginn der Demonstrationen am Dienstag in einer Ansprache im staatlichen Fernsehen an die Bevölkerung. Er kündigte die Bildung einer neuen Regierung und demokratische Reformen an, die er aber nicht genauer benannte. Er machte deutlich, dass er seine Aufgabe als Staatschef weiter wahrnehmen werde. Den Einsatz der Sicherheitskräfte und der Armee rechtfertigte er, um Chaos zu verhindern und verurteilte die Brandstiftungen. Mubarak versprach außerdem größere Bemühungen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.

Die Polizei setzte am Freitag in Kairo Gummigeschosse, Wasserwerfer und Tränengas ein, die Regierung schaltete das Handynetz ab und kappte Internetverbindungen.  Der Vorsitzende der kleinen liberalen Wafd-Partei in Ägypten, Sajjid al-Badawi, forderte am Freitagabend die Bildung einer Übergangsregierung und eine Änderung der Verfassung.  Sie ist die erste politische Gruppe, die sich in der unübersichtlichen Situation zu Wort gemeldet hat.

Das ägyptische Staatsfernsehen meldete am Freitagnachmittag, dass die Ausgangssperre von 18 Uhr bis 7 Uhr Ortszeit in den Provinzen Kairo, Alexandria und Suez gelte. Gleichzeitig wurden Einheiten der Armee mobilisiert, um der Polizei zur Seite zu stehen, die in einigen Stadtvierteln von Kairo, Ismailia, Alexandria und Suez von Demonstranten überrannt worden war.

Nach den kleineren Kundgebungen der vergangenen Tage hatten die Demonstranten am Freitag zu einem „Tag des Zorns“ gegen die 30-jährige Herrschaft Mubaraks aufgerufen. Nach den Freitagsgebeten gingen Tausende auf die Straße der Hauptstadt und skandierten „Geh, geh, Mubarak, dein Flugzeug wartet auf dich“. Augenzeugen berichteten von Demonstranten, die auf Postern mit Fotos des Präsidenten herumtrampelten.

Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei setzten regierungskritische Demonstranten in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria den Sitz des dortigen Gouverneurs in Flammen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, stiegen aus dem brennenden Gebäude riesige Rauchsäulen in den Himmel. Zudem stürmten zahlreiche Demonstranten ein Polizeirevier im Stadtzentrum. In der Hauptstadt Kairo gingen zwei Polizeistationen in Flammen auf. Nach unbestätigten Angaben von Ärzten sollen in in der Stadt Suez bis zu 13 Menschen getötet worden sein.

Der Protest wird vor allem von jungen Menschen getragen, die über Arbeitslosigkeit und Korruption klagen. Die Demonstranten haben sich dabei insbesondere über soziale Netzwerke wie Facebook organisiert. Am Freitag gingen jedoch kurz nach Mitternacht die ägyptischen Internetserver vom Netz. Das Telekom-Unternehmen Vodafone teilte mit, die Behörden hätten alle Mobilfunkbetreiber zum Abschalten des Funksystems in bestimmten Gebieten aufgefordert.

Am Donnerstag war der ehemalige Leiter der UN-Atombehörde IAEO, El Baradei, von Wien nach Kairo geflogen, um sich den Demonstranten anzuschließen. Der Friedensnobelpreisträger, der für viele Ägypter als Hoffnungsträger gilt, hat Mubarak zum Rücktritt aufgefordert.

Die Gewalt löste weltweit Besorgnis und Kritik aus. Die USA prüfen angesichts der eskalierenden Proteste gegen das Regime Mubaraks ihre Hilfen für das arabische Land. Die Ereignisse „könnten einen Einfluss auf unsere Unterstützung haben“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, am Freitag. Das Krisenland ist ein enger Verbündeter Washingtons und erhält jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar an amerikanischen Hilfen.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte, Markus Löning, nannte das Vorgehen der ägyptischen Polizei einen „Schlag ins Gesicht“ all jener, die für Menschen- und Bürgerrechte einträten. Die Revolte in Ägypten hat auch Auswirkungen auf den internationalen Flugverkehr. Egypt Air stellte den Flugbetrieb für die Dauer der Nacht ein, Lufthansa strich Flüge in die ägyptische Hauptstadt. mit rtr/dpa/AFP

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