Zeitung Heute : Aufstand gegen die eigene Seele

Hanjo Lucassen, Landtagsabgeordneter in Sachsen, plant die Gründung einer neuen Linkspartei – und ist seit 40 Jahren treuer Sozialdemokrat

Matthias Meisner

Selbst den Namen hat er schon im Kopf. Sächsische Arbeiterpartei soll sein Traum heißen. Und Hanjo Lucassen ist sich sicher: Das könnte eine Erfolgsgeschichte werden. Eine neue Linkspartei, glaubt er, würde bei der sächsischen Landtagswahl im Herbst so viele Stimmen wie die SPD holen. Und damit nun niemand den DGB-Vorsitzenden von Sachsen als tollkühn abstempelt, muss man wissen, dass die SPD nirgendwo sonst so schlecht dasteht wie in Sachsen – bei der Wahl 1999 kam sie auf 10,7 Prozent, und die Umfragen vor der Wahl im September verheißen kaum Besserung.

Ausgerechnet im einst „roten Sachsen“ ist die SPD auf historischem Tiefpunkt. „Was soll ich dazu sagen?“, fragt Lucassen, selbst seit 40 Jahren in der SPD, eingetreten im Alter von 19, damals in Düsseldorf. Doch dann ist er gern zu einem Treffen bereit, um über seine Ideen zu reden, über die Hinterzimmergespräche im vergangenen Herbst mit anderen Sozialdemokraten, mit Parteilosen und mit PDS-Leuten. Die Debatten um die Gründung einer Linkspartei im Westen haben ihn ermutigt. Lucassen selbst sitzt seit viereinhalb Jahren für die SPD im sächsischen Landtag, und weiß ziemlich gut, wie wenig Heimatgefühl die Sozialdemokraten im Lande gerade vermitteln. Für ihn geht es um „frischen Wind“ in der politischen Landschaft. Schon seit Wochen provoziert er seine Genossen in Sachsen mit dem Hinweis, es sei noch nicht ausgemacht, dass er im Herbst wieder auf der Landesliste der SPD kandidieren werde.

Das Gespräch findet statt beim Italiener am Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg, kaum 200 Meter vom Willy-Brandt-Haus entfernt. Lucassen hat nachher noch einen Termin bei Manfred Stolpe, der die ostdeutschen DGB-Chefs zu einer Beratung zum Aufbau Ost nach Berlin eingeladen hat. Aber das Café in der SPD-Parteizentrale selbst war dem Gewerkschafter als Treffpunkt für ein Gespräch über eine neue Linkspartei dann doch zu heikel.

So löffelt er nun Tiramisu, bestellt Kaffee und Selters. Er trägt ein braunes Cordjackett, die DGB-Nadel am Revers. Seit 34 Jahren arbeitet der gebürtige Westfale hauptamtlich für den DGB, erst als Jugendsekretär in der Düsseldorfer Zentrale. Nach der Wende schickte ihn die Gewerkschaft nach Dresden, um auf den Ruinen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der DDR einen neuen DGB-Landesbezirk aufzubauen, seit 1992 ist Lucassen der Vorsitzende. Durch seinen Posten beim DGB ist er finanziell abgesichert – für Landtagsabgeordnete, die um ihre Mandate kämpfen müssen, keine Selbstverständlichkeit. „Der Hanjo, der ist wirklich frei“, sagen Sozialdemokraten aus Sachsen. Und „der Hanjo“ lässt die das jetzt auch spüren.

Doch auch für einen linken Sozialdemokraten wäre es zu einfach, alle Hoffnung auf die SPD jetzt schon fahren zu lassen. Dafür hängt auch Lucassen zu sehr an der Partei, dafür erinnert er sich zu gern an die „schönen Zeiten“, vor allem damals als Juso in Düsseldorf. „Heimat“, „ein Stück Familie“, das alles fällt Lucassen ein, wenn er an die SPD denkt. Und bevor er jetzt über seine Abweichler-Pläne redet, will er doch eines auf jeden Fall klarstellen: dass die SPD sehr wohl das Ruder noch herumreißen könne. Es ist der tiefe Wunsch, dass mit der SPD doch alles wieder gut werden soll – das ist die eine Geschichte des Hanjo Lucassen.

Er stehe noch ganz unter dem Eindruck der Großdemonstrationen vom Samstag, sagt Lucassen. Allein 12000 Menschen hat der sächsische DGB nach Berlin gebracht, und natürlich ist er als Landesvorsitzender vorn mitmarschiert. „Eine halbe Million ehemalige Wähler von SPD und Grünen“, rechnet Lucassen vor, etwas vereinfacht, wie Politik so ist. „Eine halbe Million, die enttäuscht waren.“ Wird die Regierung nun den Reformkurs korrigieren, hat Franz Müntefering verstanden? Jetzt wird der Gewerkschaftsfunktionär richtig kämpferisch, und in dem fast leeren Restaurant redet er so, als ob er auf der Bühne am Pult stünde. „Wenn die Regierung glaubt, dass man nach 500000 zur Tagesordnung übergehen kann, dann irrt sie“, schimpft er.

Die andere Geschichte des Hanjo Lucassen dreht sich darum, dass eben so schnell nichts gut wird mit der SPD, dass die Zeit reif ist für Alternativen. Mit Sympathie verfolgt der DGB-Chef, dass ein anderer aus dem Westen nach Sachsen gekommener Gewerkschafter, der Chemnitzer IG-Metall-Bevollmächtigte Sieghard Bender, gerade eine Art Pilotprojekt für seine Sächsische Arbeiterpartei gestartet hat. Zur Kommunalwahl im Juni hat das langjährige SPD-Mitglied Bender in Chemnitz eine kommunalpolitische Wählerinitiative gegründet, „um etwas gegen die Politikverdrossenheit zu tun“. Die Landes-SPD empfand das als „schallende Ohrfeige“ und drohte Bender mit Parteiausschluss.

Lucassen dagegen spricht von einem „Erfolgsmodell“ und nennt Bender einen „schlauen Fuchs“. „Da die SPD schwach ist, sollte sie auf solche Initiativen eingehen, das stärkt doch die Linke.“ Lucassen grinst, offenbar gefällt ihm der Vorgeschmack auf das, was ihm selbst noch drohen könnte, sollte er ernst machen. Erst mal hat er dem neuen Generalsekretär Klaus Uwe Benneter nach Berlin geschrieben, damit der einen Parteiausschluss von Bender abwendet.

Und Lucassen, wird er es wagen? „Die nächsten Wochen werden das zeigen.“ Die Ohnmacht gegenüber einer in Sachsen „übermächtigen, schrecklichen CDU“ treibe ihn an, sagt er. Hin und her überlege er, ob die Sache gelingen könne. Bei den Meinungsforschern von Emnid hat er sich erkundigt, doch die hatten die Frage nach einer Linkspartei bis dahin gar nicht gestellt.

Als im vergangenen Jahr im Dresdner Landtag der Schriftsteller Erich Loest die Festrede zum 17. Juni hielt, sprach der Lucassen richtig aus dem Herzen. Von wegen glänzende Opposition, schimpfte Loest. Er sagte der PDS den Untergang voraus, wenn ihr weiter nichts einfalle, als sich für Kindertagesstätten stark zu machen. Die Sozialdemokraten erwähnte Loest schon gar nicht mehr. Und Lucassen dachte sich, so einen wie Erich Loest könnte eine Sächsische Arbeiterpartei als Zugpferd brauchen. Bisher hat Lucassen ihn noch nicht zu fragen gewagt.

Gewinnt das Projekt an Dynamik, findet sich auch Lucassen womöglich bald vor den Schiedsgerichten der SPD wieder, so wie es einigen der Linkspartei-Initiatoren aus Bayern bereits angekündigt ist. Aus der Partei austreten, „das könnte ich nie“, sagt Lucassen. Er erwarte vom Vorstand, auch mit „kritischen Genossen“ umzugehen. „Bangemachen gilt nicht.“

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