Zeitung Heute : Aufstand im Hinterhof

Georgien will sich gegen russische Bombenangriffe wehren – zur Not mit den eigenen Streitkräften

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Von Elke Windisch, Moskau

Der Abbruch diplomatischer Beziehungen ist gewöhnlich der letzte Schritt vor der Kriegserklärung. Eben damit aber und gleichzeitig mit dem Austritt Georgiens aus der UdSSR-Nachfolgegemeinschaft GUS drohte am Montag das Parlament in Tiflis, das vor dem Hintergrund einer erneuten Eskalation der Spannungen mit Russland sogar die Sommerpause vorfristig beendete. Den unmittelbaren Anlass hatten Bombenangriffe auf den Nordteil des Pankisi-Tals am Freitagmorgen geliefert. Dabei gab es einen Toten und sieben Verletzte. In der Region stationierte OSZE-Beobachter bestätigten den Zwischenfall, für den Georgien Russland verantwortlich macht. Moskau dementierte die Angriffe.

Russland wirft Georgien bereits seit längerem vor, auf seinem Territorium nicht für Ordnung zu sorgen. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht. Seit dem Bürger- krieg zu Beginn der neunziger Jahre gibt es Randzonen in Georgien, die kaum von der Zentralregierung in Tiflis kontrolliert werden. Dort haben die Separatisten das Sagen.

Das gilt vor allem für das Pankisi-Tal. Es gehört zu Georgien, liegt aber in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Tschetschenien. In fünf Dörfern des Gebiets stellen zudem ethnische Inguschen die Bevölkerungsmehrheit, die sich dort vor rund 250 Jahren ansiedelten und enge Verwandte der Tschetschenen sind.

Seit Beginn von Moskaus zweitem Tsche- tschenien-Krieg im Oktober 1999 haben im Pankisi-Tal mehrere tausend Kriegsflüchtlinge Unterschlupf gefunden – gemeinsam mit zahlreichen Kämpfern, die sich als Zivilisten tarnten. Sie nutzen das schwierige Gelände der rund 75 Kilometer langen Grenze zu Tschetschenien, um entlang der Demarkationslinie beliebig hin- und her zu wechseln.

Bei schweren Kämpfen im vergangenen Juli hatten russische Regierungstruppen bei mehreren gefallenen Kämpfern erst in diesem Jahr ausgestellte georgische Papiere gefunden, die sie als Flüchtlinge ausweisen. Für Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow war damit das Maß offenbar voll: Nachdrücklicher als je zuvor forderte er im Staatsfernsehen von Tiflis gemeinsame Anti-Terror-Operationen. Die aber lehnt Georgien, das erst auf der Istanbuler OSZE-Konferenz 1999 die Räumung der vier russischen Basen erwirkte, kategorisch ab.

Am Wochenende trat die Regierung in Tiflis die Flucht nach vorn an: Rund 400 Kämpfer aus Spezialeinheiten des Innenministeriums, die seit Mai von US-Ausbildern für Terroristenbekämpfung gedrillt werden, rückten in das Pankisi-Tal ein, um, wie sich Staatschef Eduard Schewardnadse am Montag in seiner traditionellen Rundfunkansprache ausdrückte, „Verbrechern aller Couleur den Garaus zu machen".

Den Erfolg eben dieser Operation wolle Moskau mit den Bombenschlägen torpedieren, wird in Tilflis behauptet. Schlimmer noch: Nach massiver Kritik der USA , inzwischen engster Verbündeter Georgiens, warf Schewardnadse Moskau sogar vor, die tschetschenischen Rebellen in der Anfangsphase des Krieges bewusst geschont und nach Georgien abgedrängt zu haben, um dort bestehende Spannungen aufrechtzuerhalten und damit den Bau einer Pipeline für den West-Transport des Öls aus dem Kaspischen Meer zu vereiteln.

Auch Schewardnadse rasselt mit dem Säbel. Vorerst nur in einem Brief an Putin: Mit dem habe er deutlich gemacht, dass Tiflis „nicht ganz hilflos sei“ und im Fall neuer Bombenangriffe „unsere Streitkräfte das tun, was ein unabhängiger Staat in diesem Fall tun muss“.

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