Zeitung Heute : AUFSTAND IN IRAN: Auch diese Revolution frißt ihre Kinder

RÜDIGER SCHEIDGES

Die islamische Republik ist zwar auch 20 Jahre nach der Revolution eine finstere Festung der Mullahs - trotz der machtvollen Studentendemonstrationen. Aber die Macht richtet sich jetzt gegen sich selbst. Noch vor wenigen Wochen hatte das Mullah-Regime mühelos und skrupellos aller Welt vorführen dürfen, wie leicht es ihm fällt, Gegner im In- und Ausland (mund)tot zu machen. Der Geheimdienst und andere Sicherheitsorgane, wie auch der Nationale Sicherheitsrat waren brutale und verläßliche Unterdrückungsinstrumente. Wer sich ihnen und dem Religiösen Oberhaupt widersetzte: dessen Zukunft, dessen Leben gar war verwirkt. Dieser Tage gehen Heerscharen mit früher selbstmörderischen, heute revolutionären Forderungen nach Freiheit für alle politischen Gefangenen, nach Aufhebung jeglicher Zensur und bislang unerhört: nach Vergesellschaftung der mächtigsten aller mächtigen Stiftungen, die die finanzielle Machtbasis des Regimes bislang ist, auf die Straße. Aber nicht diese Systemfeinde, sondern jene, die das Regime mit angeordneter und eingeübter Brutalität sichern und den Ruf nach Freiheit abwürgen wollen, werden jetzt bestraft. Wenn das keine Umkehrung der Verhältnisse ist.Wir erleben die Endphase der Selbstzerstörung einer weiteren Gewaltherrschaft, - rechtzeitig zum Ausgang des 20. Jahrhunderts. Die Studenten, die 1979 den Schah hinwegfegten, bedrohen nun auf kuriose Weise das Gewaltmonopol der Klerikalen: Die mächtigsten Männer, das Religiöse Oberhaupt Chamenei und Staatspräsident Chatami müssen beide ihre Hände schützend über die Demonstranten halten. Der eine, Chamenei, aus Angst und Schwäche, der andere, Chatami, aus Not. Chamenei erkennt plötzlich die poröse Machtbasis, die ihn nicht länger sicher trägt. Und Chatami darf sich jetzt, da die Studenten - auch ihn - auffordern: "Sprengt die Ketten der Despotie!" nicht länger als großer Zauderer erweisen. Der frappierende Umstand, daß die verfeindeten Brüder an einem Strick ziehen und die Studenten vor der Staatssicherheit bewahren müssen, ist Zeichen einer fatalen Schicksalsgemeinschaft. Da wollen die Studenten Chatami auf ihre Seite ziehen, ihn dazu zwingen, endlich und eindeutig Farbe zu bekennen.Es ist kein Zufall, daß das Aufmucken der Generation, die nichts als Unterdrückung erlebt hat, am Verbot einer Zeitung und an der Zensur ansetzt. Die Presse erweist sich als verblüffend versiert in der Ausdehnung des Prinzips Öffentlichkeit. Sie scheut nicht die Publikation von Dokumenten, die das Regime des Ruchlosigkeit überführen. Der Ursprung des studentischen Aufruhrs liegt in dem Versuch der Obrigkeit, der Öffentlichkeit die Geheimdienstbeweise dafür zu entwinden, daß die jüngsten Ermordungen der Schriftsteller und Politiker von ganz oben angeordnet wurden. Das Verbot war kein Zeichen von Stärke, sondern ein jäher Schwächeanfall, der Versuch zu retten, was nicht zu retten ist: die Macht.Die Mullahs reihen sich selbst in die Galerie der gescheiterten Tyrannen ein. Sobald diese, um Druck abzulassen, die Ventile öffnen müssen, verflüchtigt sich ihre Macht. Die Studenten, die wie vor 20 Jahren großen Zulauf aus dem Volk erleben, könnten nur um den Preis tödlicher Friedhofsruhe zurückweichen. So geht der Gottesstaat auf Erden, der sein eigenes Fundament, den Islam, im Westen erfolgreich als Gewaltideologie denunziert hat, weder am großen Satan USA noch an der zionistischen Weltverschwörung ein. Das, wenigstens das, schaffen die Theokraten ganz alleine.

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