• Aufstehen, hinfallen, aufstehen Boxer mit Köpfchen: Witali Klitschko, der Doktor im Ring, beendet seine Karriere – als Weltmeister

Zeitung Heute : Aufstehen, hinfallen, aufstehen Boxer mit Köpfchen: Witali Klitschko, der Doktor im Ring, beendet seine Karriere – als Weltmeister

Michael Rosentritt

Oscar-Preisträger Denzel Washington steuerte auf Witali Klitschko zu. „Du bist der Beste. Ich weiß es. Ich habe es gesehen.“ Der Boxer bedankte sich höflich – und antwortete: „Vor meinem Kampf gegen Lennox Lewis warst du bei mir im Gym. Und ich habe in deinen Augen gesehen, dass du nicht an mich geglaubt hast. Du hast nicht geglaubt, dass der weiße den schwarzen Mann schlagen kann. Du bist eben nur ein sehr guter Schauspieler.“ Dann lachten beide und umarmten sich an diesem Boxabend vor zwei Jahren im Madison Square Garden in New York.

Witali Klitschko hat im Boxring viele Jahre lang viele schwarze Männer geschlagen. Er, der weiße Mann aus der Ukraine, der Adoptivsohn Hamburgs, hat die Schwergewichtsszene aufgemischt. Er war einer der ganz wenigen Helden, die dieser Sport noch hatte. Witali Klitschko wird nicht mehr boxen. Der Weltmeister im Schwergewicht hat gestern seine Karriere beendet.

Gestoppt hat den 34-Jährigen nicht die Faust eines Gegners, sondern ein unsichtbarer Gegner, einer, der in seinem eigenen Körper steckt. Bei einer Operation am Dienstag in den USA hatte sich eine Knieverletzung als Kreuzbandriss herausgestellt. Vor wenigen Tagen hatte er schon seine für Samstag in Las Vegas angesetzte Titelverteidigung abgesagt. Klitschko blieb keine Wahl. „In letzter Zeit habe ich mich leider mehr mit meinen Verletzungen als mit meinen Kontrahenten im Ring auseinander setzen müssen“, ließ er mitteilen. „Ich möchte meine Karriere auf dem Gipfel beenden.“

Klitschkos Aura war ungewöhnlich für einen Boxer. Der promovierte Sportwissenschaftler spricht eloquent und denkt politisch. Als in der Ukraine die demokratische Revolution ausbrach, engagierte er sich mit seinem Bruder Wladimir für die Opposition. Das brachte den Klitschkos, die auch Unesco-Botschafter sind, zusätzliche Sympathien ein. Nach Deutschland kamen sie, nachdem sie 1996 beim Hamburger Box-Promoter Klaus-Peter Kohl unterschrieben hatten. Bis vergangenes Jahr blieben sie Kohl treu, dann machten sich der große Witali und der kleine, fünf Jahre jüngere Wladimir selbstständig.

Als Klitschko den Schauspieler Denzel Washington traf, hatte er gerade den Kanadier Kirk Johnson k. o. geschlagen. Am Ring feierte Amerikas Prominenz wie Donald Trump, Sylvester Stallone und Tom Hanks den neuen Helden des Schwergewichtsboxens. Klitschko aber hatte nicht vergessen, dass ihm dieselben Leute, die ihn jetzt in eine Reihe mit Größen wie Ali, Foreman und Frazier stellen wollten, ein halbes Jahr zuvor gar nicht gut über ihn gesprochen hatten. Im Juni 2003 boxte Witali Klitschko in Los Angeles gegen den britischen Überweltmeister Lennox Lewis. Als Klitschko bei Halbzeit mit mehreren klaffenden Gesichtswunden aus dem Kampf genommen wurde, lag er auf den Punktzetteln klar vorn.

Witali Klitschko hat seinen Gegnern immer zuerst in die Augen geschaut. Dann wusste er Bescheid. „Die Augen spiegeln die Seele wider“, sagte er. Wenn die Augen des Gegners nach links oder rechts gehen, sei es ein Zeichen, dass er unkonzentriert und nervös ist.

Lange galt dem jüngeren Klitschko, der 1996 in Atlanta Olympiasieger im Schwergewicht geworden war, die größere Aufmerksamkeit. Witali war weit weniger talentiert und elegant. Da er vom Kickboxen kam, musste er umgeschult werden. Seinem langjährigen Trainer Fritz Sdunek gelang es, Klitschkos Bewegungsablauf zu verfeinern. Der Koloss aus Kiew (2,02 Meter groß, 112 Kilogramm schwer) wirkte längst nicht mehr hüftsteif, er machte sich besser als gedacht. Seine ersten 27 Profikämpfe gewann er durch Knockout, was ihm den Kampfnamen „Doktor Eisenfaust“ einbrachte. „Je schneller ich einen Kampf beende, umso höher ist die Chance, dass ich nichts abbekomme“, hat Witali einmal gesagt.

Witali Klitschko wurde Europameister und im Juni 1999 das erste Mal Weltmeister, verlor den Titel aber im April 2000 in Berlin. Während des Kampfes gegen den Amerikaner Chris Byrd, den er dominierte, riss eine Sehne in seiner Schulter. Wenige Monate später sprang Wladimir ein und holte den Titel von Byrd zurück. Es schien die große Zeit des kleinen Bruders angebrochen zu sein. Während Wladimir von Sieg zu Sieg eilte, warfen Witali Verletzungen immer wieder zurück. Doch dann passierte etwas, das die Boxwelt überraschte. Wladimir Klitschko ging im März 2003 gegen Corrie Sanders k. o. Dieses Mal war es Witali, der die Familienehre wiederherzustellen hatte. Im April 2004 knöpfte der große Bruder Weltmeister Sanders den Titel ab.

Die Klitschkos hatten den Traum, eines Tages die WM-Titel aller vier maßgeblichen Verbände unter sich aufzuteilen. Plötzlich aber hatte Wladimir gepatzt und der körperliche Verschleiß bei Witali war enorm. Die Rückeroberung des Titel hatte ihn allzu viel Substanz gekostet.

Boxen sei der Sport, der dem Leben am nächsten kommt, hat Witali Klitschko einmal gesagt. Die Faszination des Fallens und Wieder-Aufstehens. „Das ist ein Drama, ein Theater. Nur dass man im Theater weiß, was passieren wird“, sagte Witali. „Beim Boxen weiß keiner, was kommt.“ Witali Klitschko hat 37 Kämpfe als Profi absolviert. 35 hat er gewonnen, 34 davon durch k. o., die beiden einzigen Niederlagen gegen Byrd und Lewis erfolgten nach Abbruch durch Verletzung.

Witali Klitschko sucht jetzt die Nähe seiner Frau und der drei Kinder. Der Jüngste ist ein halbes Jahr alt und heißt Max – eine Hommage an Max Schmeling. Wie so oft wird Witali sich Max auf seinen riesigen Brustkorb legen, und vielleicht wird er ihm erzählen, dass der Papa jetzt nicht mehr boxen wird. Der Kleine wird es nicht begreifen, der Rest der Familie wird sich freuen.

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