Aufwachsen in Ost und West : Wie wir wurden, was wir sind

Aufgewachsen in Ost und West Schweigen, um keinen Schaden anzurichten. Lücken mit Leben füllen. Die Mauer stets und ständig im Blick, aber nicht auf den eigenen Bildern. Und dann – selbst nach drüben

Robert Ide (Ost)

Schon als kleines Kind sehe ich die Mauer. Unsere Familie bekommt einen Kleingarten am Nord-Ost-Berliner Stadtrand: ein Stück Feld an der Grenze zum Märkischen Viertel, einem futuristischen Neubaugebiet in Nord-West-Berlin. Wir Kinder leben draußen; sehen zu, wie die Erwachsenen Handgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg ausgraben, helfen mit, wenn nach Herbststürmen die Lauben aus Pressholz neu errichtet werden. Bei Gartenfesten gibt’s Bowle und Musik, in den Hochhäusern drüben gehen die Fenster auf. Einen Schuss hören wir nie, nur das Plantschen eines fernen Freibads. Einmal bringen Grenzpolizisten meine Schwester mit ihrem tarnfarbigen Trabbi-Cabrio zur Laube zurück. Sie hat mit ihrer Spielzeugschaufel ein Alarmkabel ausgegraben. Niemand in der Familie verliert ein Wort darüber.

Schweigen, um keinen Schaden anzurichten – das bringen mir meine Eltern schnell bei. Erziehung geschieht in Zwischentönen. In der Schule gebe ich als Berufswunsch an: Erich Honecker. Zu Hause lachen die Tanten über meine Trafen-sich-Honecker-Gorbatschow-und-Reagan-Witze. Einmal bekomme ich einen Schultadel für das Erzählen politischer Witze. Meine Eltern, die sonst jeden Ärger mit Taschengeldabzug bestrafen, tun diesmal nichts. Ein Schweigen, das mir etwas sagt.

Lücken mit Leben füllen, darum dreht sich meine Kindheit. Schon der brave Schüler Ottokar, einer meiner Kinderbuchhelden, schreibt: „Manchmal haben wir es schwer mit den Erwachsenen. Sie sagen schwarz und denken in Wirklichkeit weiß, und wir Kinder müssen herausbekommen, was sie denken.“ Ich brauche Tage, um einen Zettel unseres Fleischers zu verstehen. Er hat sein Geschäft geschlossen und hinterlassen: „Sind umgezogen – nach gegenüber.“ Auf der anderen Straßenseite ist aber kein Fleischgeschäft. Erst später geht mir auf, dass er in den Westen übergesiedelt ist. Gegenüber heißt drüben.

Was ist da drüben? Die größte, die faszinierendste Lücke. Selbst meine Lieblingsfernsehserie „McGyver“ kann sie nicht füllen. In meinem Schulatlas sind die Hochhäuser neben unserem Kleingarten nicht eingezeichnet, West-Berlin ist nur ein rot umrandeter grauer Fleck mit dem Kürzel WB. Als ich zum zwölften Geburtstag einen Fotoapparat bekomme, schieße ich Bilder von unserem Kleingarten und auch welche von der Mauer. Als ich sie aus dem Laden abhole, sind alle Fotos entwickelt – nur die von der Mauer nicht. Wieder was gelernt. Mit Schulfreunden spare ich Taschengeld, um auf den Fernsehturm zu fahren. Von dort oben sieht man WB.

Draußen sind die Lücken am größten. Im Kleingarten hängt das Radio am Apfelbaum, Udo Lindenberg singt: „Hinterm Horizont geht’s weiter.“ In Bulgarien treffen wir echte BRDler, sie stecken mir ausgelesene „Kicker“ zu – nun will ich Sportreporter werden. Kleine Freiheiten: Im Erzgebirge rase ich mit dem Moped des Onkels übers Feld. Im Ferienlager werde ich Tanzkönig, auf einer Nachtwanderung verliebe ich mich in Nancy.

Immer mehr bricht auf. In meiner Schülerzeitung schreibe ich über Freundschaften von Jungs und Mädchen, obwohl ich davon keine Ahnung habe. Ich mache Umfragen übers Schulessen, bis mir die Direktorin erklärt: „Umfragen sind in der DDR verboten.“ Das ist mir neu. Dann geht die Mauer auf und eine neue Welt. Lücken zählen nichts mehr. Ob ich noch Sportreporter werden kann? Der letzte Familienausflug geht in den Westen – über die Bornholmer Brücke. Angekommen in Wedding ruft meine Mutter entsetzt: „Hier sieht’s ja aus wie bei uns.“

Robert Ide leitet heute die Sportredaktion des Tagesspiegels.

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