Zeitung Heute : Aufwärts – aber wie

Die Bundestagswahl ging verloren – mit einem schwachen Ergebnis der CDU. Jetzt will die Partei sich neu ordnen. Die Chefin Angela Merkel gibt den Weg vor. Aber nicht alle stehen hinter ihr. Manch anderer vertritt eher eigene Interessen.

Robert Birnbaum

Es war ein kleiner Fingerzeig mit großem Anspruch. Als sich die CDU im Juni zum Wahlparteitag in Frankfurt traf, war auf der Bühnen-Rückwand ein Foto-Ausschnitt vom Reichstag zu sehen: Die Widmung über dem Hauptportal. „Dem deutschen Volke“ stand so über den Köpfen von Kanzlerkandidat und Parteichefin zu lesen. Es war das heimliche Motto einer Partei, deren Selbstbild seit Jahrzehnten von der Überzeugung geprägt ist, der einzig wahre Vertreter dieses Volks zu sein. Das Volk hat das am 22. September anders gesehen. Trotzdem hält sich das alte Selbstbewusstsein zäh. In der CDU herrscht weithin das Gefühl, nur dummer Zufall und böswillige rot-grüne Wählertäuschung habe die Union ganz knapp ihr Ziel verfehlen lassen. Daran ist sogar Richtiges: In den Kurven der Demoskopen ist die CDU seit dem Moment gesunken und die SPD gestiegen, als erst die Elbe anschwoll und dann das Kriegsgeschrei. Nur ist diese vordergründig schlüssige Erklärung kein rechter Trost. Politische Dämme, die bei der ersten Flut brechen, müssen vorher schon dünn gewesen sein.

Marsch in die Niederungen

Tatsächlich hat die CDU – anders als die CSU – bei Licht besehen miserabel abgeschnitten, kaum besser als bei der „Kohl-muss-weg“-Wahl 1998. Dass das mehr als ein zweiter Augenblicksbefund ist, zeigt der genauere Blick auf das Ergebnis. Die Wahlanalytiker, von den professionellen Instituten bis zur CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, sind sich in einem einig: Der Marsch in die Niederungen der 30-Prozent-Partei folgt klaren Mustern. Und jeden dieser Trends gibt es schon länger. Die jüngeren Frauen laufen der CDU seit Jahren weg. In den größeren Städten sind Christdemokraten längst nicht mehr hipp. Die Generation der Umweltbewegten hat schon Helmut Kohl verloren. Die Alten, einst das Kinder-Küche-Kirche-Bataillon der CDU, sind heute anders. Vor allem aber bekommt die Partei der Einheit am stärksten zu spüren, wie anders Wähler in den neuen Ländern sind: Dort dominiert die SPD mit weitem Vorsprung.

Öffentliches Schweigen

Die Frage, was man selber so falsch gemacht hat, dass alle diese Trends ungebremste Wirkung entfalten konnten, ist in der Union tabu. Über den Kandidaten zum Beispiel – kein Wort. Dabei haben alle CDU-Spitzenleute genau gelesen, dass etwa die Demoskopen von Infratest dimap in ihrer internen Analyse für die CDU den Bayern höflich vernichtet haben: „Vergleichsweise geringe Impulse gingen vom Unionsspitzenkandidaten aus“, heißt es da. „Ein Bruderkrieg mit der CSU – das wäre so ungefähr das Letzte, was wir jetzt brauchen können“, erklärt einer der stillen Zweifler das öffentliche Schweigen. Das zweite, stärkere Motiv hat mit der ferneren Zukunft zu tun. Wenn Edmund Stoiber der Falsche gewesen wäre, hätte sich nicht nur die gesamte Unionsspitze vertan, als sie Angela Merkels Lauf zur Kanzlerkandidatur stoppte. Daraus könnte ja auch jemand den Schluss ziehen, dass Merkel die geborene Kandidatin 2006 sei.

Von dem Gedanken aber sind viele Spitzen-Christdemokraten ganz und gar nicht angetan. Die Skeptiker treibt nicht immer nur persönlicher Ehrgeiz, auch nicht allein die Sorge, die rasante Aufsteigerin Merkel könnte mit dem Job der ersten deutschen Kanzlerin dann doch überfordert sein. In dem unerklärten Wettstreit zwischen Merkel und dem starken Mann aus Hessen, Roland Koch, personalisiert sich auch ein Richtungskampf. Es geht dabei nicht um konkrete Politik, sondern um Emotion. Es geht, auch wenn das vielleicht ein etwas zu großes Wort ist, um politisches Heimatgefühl. Der Jungkonservative Koch verkörpert das Versprechen auf eine zeitgemäß technokratische Neuauflage der alten, starken, ihrer selbst gewissen CDU. Wie die CDU aussehen könnte, für die Merkel steht, ist viel schwieriger zu sagen. Nur eins ist sicher: anders.

Patchwork-Gesinnungen

Die Personalie ist offiziell mindestens bis zur hessischen Landtagswahl am 2. Februar 2003 kein Thema. Danach wird sie eins, so oder so – wenn Koch seine schwarz-gelbe Mehrheit verliert noch schneller als bei einem Sieg. Der Ministerpräsident in Wiesbaden könnte regieren, im Bundesrat agieren und abwarten. Der Verlierer, das ist Merkel durchaus bedrohlich klar, müsste einiges dafür tun, um im Gespräch zu bleiben.

Aber es geht eben nicht nur um zwei Personen, sondern auch um zwei Musterentwürfe dafür, wie die CDU sich selbst sehen will. Die Partei müsse, hat dazu Merkels Antipode Friedrich Merz vor dem Parteitag in Hannover gefordert, wieder deutlicher unterscheidbar werden von der SPD. Gebraucht werde ein „Koordinatensystem“. Abstrakt wird keiner widersprechen. Konkret hat die Forderung nach Unterscheidbarkeit bisher meist nur die Sachwalter der reinen, etwas angestaubten Lehren auf den Plan gerufen. Im Ruf nach Koordinaten steckt Sehnsucht nach Gewissheit. Aber der CDU-Hit „Freiheit oder Sozialismus“ lässt sich nicht neu auflegen. Die klar umrissenen Gesellschaftsentwürfe fehlen, die er widerspiegelte. Patchwork-Gesinnungen treten an ihre Stelle, nicht weniger Gesinnung als die alten Groß-Weltbilder, aber anders. „Dem deutschen Volke“? Der Anspruch jedenfalls war zu groß. Die infratest-Forscher vermuten sogar, dass er sich endgültig erledigt hat: „Die klare Dominanz der Union scheint Geschichte zu sein.“

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