Zeitung Heute : Aufwärts mit Wind und Sonne

Solar- und Windenergie werden immer stärker genutzt. So entstehen zahlreiche neue Jobs

Ina Brzoska

Stromlinienförmig hängen weiße Rotorblätter in der riesigen Fertigungshalle des Flügelherstellers Vestas im brandenburgischen Lauchhammer. 44 Meter lang sind sie, aber weil sie aus Glasfasern und Karbon bestehen, sind sie relativ leicht. Das müssen sie auch sein, denn bald schon sollen sie ihre Runden an einer Windenergieanlage drehen.

Davor aber bringt Sebastian Staudy die Enden der Rotorblätter noch in Form. 2002 fand der gelernte Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik bei Vestas eine berufliche Perspektive und sorgt nun in der Rotorblattfertigung für den nötigen Feinschliff. Von der Größe der Flügel ist er immer noch fasziniert. „In meiner Lehrzeit habe ich vor allem Mülltonnen und Regentonnen aus Plastik hergestellt. Da haben die Rotorblätter hier ein ganz anderes Kaliber“, sagt der 21-Jährige.

Eine große Anziehungskraft haben aber nicht nur die Rotorblätter. Erneuerbare Energien erleben derzeit eine Hochkonjunktur. Neben Biomasse, Wasserkraft und Solarenergie boomt vor allem die Windkraftbranche. Das Land Brandenburg spielt dabei ganz vorne mit. Allein hier hat sich die Zahl der Windräder seit 1996 versechsfacht, inzwischen liegt es bundesweit auf Platz zwei hinter Niedersachsen. Zahlreiche Firmen haben sich hier in den letzten Jahren angesiedelt und Arbeitsplätze geschaffen. Neben dem Rotorblatthersteller Vestas mit mittlerweile 450 Beschäftigten gibt es die Repower AG in Trampe bei Barnim mit derzeit 110 Mitarbeitern. Und im uckermärkischen Nechlin planen und betreiben rund 70 Techniker und Ingenieure die Windkraftanlagen für die Enertrag AG.

Und auch weiterhin suchen Unternehmen aus der Windenergiebranche nach geeigneten Arbeitskräften. Gefragt sind beispielsweise Maschinenbauer und Elektrotechniker. Neben Uni-Absolventen werden aber auch Lehrlinge für spezielle Ausbildungsberufe wie Mechatroniker, Kautschuktechniker oder Spengler sowie Monteure oder Servicedienstleister gesucht.

Viele Unternehmer bemängeln jedoch, dass es an Nachwuchs mit den passenden Qualifikationen fehlt. Das geht aus einer Umfrage des Wissenschaftsladens in Bonn aus dem Jahr 2005 hervor. Die derzeitige Ausbildung werde den Anforderungen der Branche nicht gerecht, beklagt auch Daniela Puttenat, Pressesprecherin vom Windanlagenhersteller Repower Systems aus Trampe. „Besonders der Markt um Ingenieure ist hart umkämpft“, sagt sie. Bis zum nächsten Jahr will das Unternehmen 200 neue Arbeitskräfte einstellen.

„Noch gibt es wenig spezifische Ausbildungsangebote für Jobs im Geschäft mit den erneuerbaren Energien“, bestätigt Matthias Hochstädter vom Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE). Durch das Wachstum seien neue Berufsbilder entstanden, die genau definiert werden müssten. Doch gebe es viele Studienangebote, die sich von Uni zu Uni stark unterscheiden würden (siehe Kasten unten) .

Mangel an Nachwuchs beklagt auch die Solarwirtschaft. Denn neben Windenergie liegt auch diese Branche im Trend. Auf 50 000 Beschäftigte bundesweit wird die Branche bis Ende 2006 ansteigen, schätzt der Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW). Derzeit gibt es bereits 7 000 Solarunternehmen in Deutschland.

Eines davon ist die Solon AG mit Sitz in Berlin. Der Hersteller von Photovoltaikanlagen ist seit seiner Gründung vor knapp zehn Jahren kontinuierlich gewachsen; waren ursprünglich drei Mitarbeiter beschäftigt, sind inzwischen 550 Beschäftigte für das Unternehmen tätig. Und auch derzeit werden weitere Mitarbeiter gesucht, vor allem Ingenieure.

Rund 70 Prozent der Regierungsgebäude hat die Solon AG mit Photovoltaikanlagen ausgestattet. Derzeit arbeiten Ingenieure an der Weiterentwicklung von Solarmodulen, die sich der Sonne entgegen bewegen. Eine Forschungsabteilung befindet sich am Wissenschaftsstandort Adlershof, wo sich auch zunehmend kleine Dienstleister und Serviceunternehmen ansiedeln. Etwa solche, die Solaranlagen montieren, reparieren, warten oder säubern.

„Die besten Erfahrungen haben wir mit Leuten gemacht, die neben dem Studium gejobbt haben. Nicht solche, die Praktika-Hopping gemacht haben“, sagte Thomas Krupke, Vorstandsvorsitzender der Solon AG kürzlich in einem Interview. Einen Studiengang für erneuerbare Energien hält er jedoch nicht für notwendig. Sein Unternehmen setzt auf Mitarbeiter, die klassische Studiengänge wie Physik, Chemie und Prozessingenieurwesen absolviert haben. Dennoch lehren seit einigen Jahren immer mehr deutsche Hochschulen das Fach Umwelttechnik, so zum Beispiel die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin. Absolventen dieses Studiengangs werden gute Chancen in Unternehmen, aber auch bei Behörden und in der Beratung eingeräumt.

Mit erneuerbaren Energien beschäftigt sich der Tagesspiegel auch im Rahmen eines Sonderthemas, das Sie in der morgigen Ausgabe finden.

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