Zeitung Heute : Aufweichung der Kampfzone

Entwaffnet die Hisbollah, fordern immer mehr Libanesen. Kann sich die Organisation wandeln? Besuche an der Basis

Andrea Nüsse[Chiam] Beirut

Wenn es diesen Mann nicht gäbe, müsste die Hisbollah ihn erfinden. Er ist ruhig und höflich und Christ, maronitischer Christ. Er trägt den kuriosen Namen De Gaulle Abu Tass und besitzt eine kleine Baumwollfabrik in Ramesch, das liegt im Südlibanon. In seinem Treppenhaus steht eine hölzerne Madonna. Man merkt zuerst kaum, wer dieser Mann wirklich ist – erst, als er ins Wohnzimmer bittet. Da steht auf dem Couchtisch ein riesiges Foto von Herrn De Gaulle Abu Tass wie er herzlich einen der gefürchtetsten Terroristen der Welt umarmt: Scheich Nasrallah, Generalsekretär der libanesischen Hisbollah.

De Gaulle Abu Tass ist Mitglied der Hisbollah. Heute kümmert er sich vor allem um deren sozialen Dienste, aber während der israelischen Besetzung hat Abu Tass auch gekämpft. Mehr als ein Jahr lang saß er dafür sogar im berüchtigten Chiam-Gefängnis. Er ist Christ, die Hisbollah gilt als islamistisch – „aber die Besetzung hat Muslime und Christen gleichermaßen betroffen, da haben Konfessionen keine Rolle gespielt“, sagt Abu Tass. Heute stehen christliche Politiker an der Spitze derer, die eine Entwaffnung der Hisbollah-Miliz fordern. Herrn Abu Tass gefällt das gar nicht.

Der Libanon wird friedlicher. Die Massendemonstrationen der jungen Libanesen haben den Rückzug der Syrer erzwungen, und Israel hat den Südlibanon nach 18 Jahren der Besetzung schon vor fünf Jahren verlassen. Die Bedrohungslage, in der die Hisbollah, einst aus verschiedensten Schiiten-Gruppen gegründet, groß geworden ist, hat sich verändert. Und nun stellt der Ruf nach Entwaffnung, der seit dem vergangenen Herbst auch in der UN-Resolution 1559 verankert ist, die mächtige Bewegung vor die Frage: Wie soll die Zukunft aussehen?

De Gaulle Abu Tass zumindest, der freundliche Baumwollfabrikant, würde am liebsten gar nichts verändern. Für ihn hat sich die Bedrohung nicht verändert. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, schaut auf den Scheich im Bilderrahmen und sagt, dass Israel nach wie vor in Schach gehalten werden müsse – und das könne nur eine Untergrundbewegung schaffen. „Israel will unsere Waffen, unser Wasser“, sagt Abu Tass. „Und die libanesische Armee ist dem israelischen Militär unterlegen.“ Entwaffne man die Hisbollah-Kämpfer – ihre Zahl wird auf rund 20 000 geschätzt – so werde das Israel nur zu weiteren Übergriffen ermutigen.

Die Hisbollah versteht es, die bittere Erinnerung an die israelische Besatzung lebendig zu erhalten. Das Chiam-Gefängnis betreibt sie heute als Museum; ehemalige Insassen machen Führungen. Einer zeigt die winzige fensterlose Zelle, in der er drei Monate hatte verbringen müssen, zusammengekauert, dann den Verhörraum, in dem seine Frau sich nackt ausziehen musste. Im Andenkenshop preist er anschließend kanarienvogelgelbe Mützen mit der Aufschrift Hisbollah an. Und die Touristen kommen in Strömen.

Der militärische Kampf gegen die israelischen Besatzer hat der Hisbollah viel Anerkennung gebracht, und sie hat sie genutzt: Schon seit 1992 hat der politische Arm Abgeordnete im Parlament, zwölf zurzeit, und in ihrem Haupteinsatzgebiet, dem Süden – in den südlichen Vororten Beiruts und in der Bekaa-Ebene – hat sie bei den letzten Kommunalwahlen bis zu 75 Prozent der Stimmen gewonnen. Aber: Der militärische Widerstand hat immer noch Priorität vor dem politischen Engagement. Immerhin, so argumentieren die Kämpfer, seien ja noch die „Schebaa-Farmen“ von Israel besetzt, jenes Bergmassiv, das entweder zu Libanon oder Syrien gehört, da ist man sich nicht so einig.

Welche Chancen haben also die jungen Libanesen, wenn sie bei ihren Demonstrationen auf Beiruts Plätzen nach Entwaffnung rufen? Besuch bei Nisar Hamseh, Hisbollah-Spezialist der Amerikanischen Universität in Beirut. „Die Hisbollah“, sagt er, „braucht Garantien für den Fall einer Entwaffnung. Sie hat einfach Angst, dass sie eines Tages vom politischen Leben ausgeschlossen wird.“ In einem Land, in dem staatliche Institutionen schwach sind, wird Politik gering geschätzt. Und so könnte die Umwandlung in eine reine politische Partei die Hisbollah tatsächlich viele Anhänger kosten.

Auch dass die Hisbollah ihre Allianz mit dem Iran aufgibt, sei wohl kaum zu erwarten, sagt Hamseh. Die iranische Regierung habe ihre Unterstützung seit 1992 zwar um etwa 80 Prozent reduziert, aber private Stiftungen spendeten viel, und zusammen mit den Gewinnen aus den Unternehmen, die sie betreibt, verfüge die Hisbollah jährlich immer noch über etwa eine Milliarde Dollar – die sie auch in die Bevölkerung investiert: „Allein 5,5 Millionen Dollar gibt sie jährlich für Schüler- und Studentenstipendien aus“, sagt der Experte. „Die libanesische Regierung hat 2004 dort nicht einmal eine Million Dollar investiert.“

Und trotzdem. Das Dilemma, in dem die Hisbollah steckt, verstärkt sich mit den Forderungen der Opposition nach einem Wandel der Organisation. Mitglieder des Politbüros wie Mustafa al Hajj Ali zum Beispiel betonen eindringlich, dass die Hisbollah sich nicht gegen die breite Oppositionsbewegung stelle. Im Gegenteil, über den Bedarf an innenpolitischen Reformen herrsche völlige Übereinstimmung. Man unterscheide sich nur in der außenpolitischen Agenda. „Wir werden nicht zulassen, dass Libanon zu einem Einfallstor der US-Politik wird und eine Bedrohung für unseren Nachbarn Syrien darstellt“, sagt al Hajj Ali. Aber wie die Hisbollah den Widerstreit lösen will, kann er auch nicht sagen.

Dieses Dilemma beschäftigt die Menschen im Südlibanon nicht. In Chiam ist man glücklich, dass das 1976 von Israel zerstörte Dorf wieder aufgebaut wird, dass überall nagelneue Straßenschilder stehen und eine Straußenfarm mit Ponyreiten in Planung ist, um noch mehr Touristen anzulocken. Die Menschen sind fest überzeugt, dass sie diesen Frieden der „Hisb“ verdanken, so nennen sie die Hisbollah hier. Es ist liebevoll gemeint.

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