Zeitung Heute : Auge um Auge, Zaun um Zaun

Es ist das erste Selbstmordattentat in Israel seit einem Jahr – die Öffnung von Gaza nach Ägypten hat den Terroristen neue Schleichwege eröffnet

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Es ist Morgen im verschlafenen Wüstenstädtchen Dimona. Im alten Einkaufszentrum, in dem auch die Stadtverwaltung untergebracht ist, kommen die Menschen zur Arbeit. Plötzlich knallt es. Später werden Zeugen sagen, sie sahen „Fleischstücke durch die Luft fliegen“. Vor einem Geschäft im Erdgeschoss liegt die Leiche einer Frau. „Viel Blut, fast ohne Bein, Hirn, schlimm“, stammelt der Bürgermeister, der aus seinem Büro hinuntergelaufen ist.

In der Nähe liegen die Leichen der beiden Terroristen. Nur einer hat seine Bombe zünden können, er hat die Frau mit in den Tod gerissen, einen weiteren Israeli lebensgefährlich und mehr als 30 Menschen leicht verletzt. Der zweite Attentäter ist durch die Explosion umgeworfen und verletzt worden. Er versucht noch, den Knopf zu erreichen, aber ein Polizei-Inspektor hat mittlerweile den Tatort erreicht. Er sieht, wie sich die Hand des Terroristen zum Sprengstoffgürtel bewegt, zielt auf den Kopf des Mannes und schießt. Die Hand zuckt noch einmal. Der Polizist schießt weiter, vier Kugeln. Nur Stunden später wird er befördert.

Es ist das erste Selbstmordattentat auf israelischem Boden seit einem Jahr. Die Al-Aksa-Brigaden der Fatah-Bewegung von Präsident Abbas und die linke Volksfront PFLP übernehmen die Verantwortung. Abbas verurteilt den Anschlag – ebenso wie die Vergeltungsaktion der Israelis, die kurz darauf Gaza beschießen und zwei Extremisten töten.

Alles wie gehabt also. Und doch ganz anders. Der Anschlag hat die Menschen überrascht – und trotzdem war er zu erwarten. Der israelische Geheimdienst hat bereits seit Tagen vor Anschlägen von Extremisten aus Gaza gewarnt. Mit den hunderttausenden Palästinensern, die am 23. Januar während eines spektakulären Massenausbruchs von Gaza nach Ägypten geströmt waren, seien auch militante Palästinenser auf die Sinai-Halbinsel gelangt. Und von dort aus sei es ein Leichtes, durch die lange, durchlässige Grenze mit Ägypten nach Israel einzudringen.

Schon 24 Stunden vor dem Anschlag hatte Verteidigungsminister Barak den Bau eines Zaunes in der Wüste verlangt, und Ministerpräsident Ehud Olmert hatte zugestimmt; Kostenpunkt 50 Millionen Euro. Er soll in erster Linie Terroristen abhalten – aber nicht nur.

Über die bisher offene Grenze schmuggeln Menschenhändler schon seit Jahren junge Osteuropäerinnen nach Israel, die dann zur Prostitution gezwungen werden. Außerdem haben gerade in den letzten Monaten tausende Flüchtlinge aus Dafur, Eritrea und dem Sudan auf diesem Weg versucht, dem Elend zu entkommen. 3000 sind von der Armee abgefangen, unzählige nach Ägypten zurückgeschickt worden, aber rund 10 000 Menschen sollen es auch geschafft haben.

Juval Diskin, Chef des Inlandgeheimdienstes, hatte noch am Sonntag vor der Regierung von diesen Wegen erzählt. Auf einer Karte hat er sie gezeigt. 30 Schleichwege führen vom Sinai in den Negev, zwei Drittel würden von Terroristen genutzt. Einen Tag später explodiert in Dimona die Bombe. Es sei eine schmerzliche Erinnerung daran, sagt der Ministerpräsident, dass wir weiter aufmerksam sein müssen.

Es ist wie ein teuflisches Spiel – öffnet sich irgendwo im Nahen Osten eine Grenze, entsteht woanders eine neue.

Nun soll also der nächste Zaun gebaut werden. Wie üblich wird es langsam gehen, teuer werden, und vermutlich wird er nicht einmal fertig. Aber es ist wie mit dem elektronischen Grenzzaun im Norden. Der hat zwar nicht verhindert, dass die Hisbollah im Sommer 2006 zwei israelische Soldaten entführt und danach tausende Katjuscha-Raketen auf Nordisrael abgefeuert hat. Aber er gibt der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit, genau wie die weltweit kritisierten Sperranlagen zwischen Israel und dem Westjordanland. Gewaltige Lücken klaffen noch darin, trotzdem sind aus dem Westjordanland seit gut zwei Jahren keine Selbstmordattentäter mehr nach Israel gelangt.

Auch der Gazastreifen im Südwesten ist seit langen Jahren mittels modernster Technik von Israel abgetrennt. Die Palästinenser haben unzählige Tunnel gegraben, aber es ist ihnen bisher nur einmal gelungen, vor rund 20 Monaten, unbemerkt auf israelisches Territorium zu gelangen. Damals haben sie den Soldaten Gilad Schalit entführt. Am Sonntag, am Tag vor dem Attentat, hat Ehud Olmert ebenfalls zugestimmt, die Kriterien für die Freilassung inhaftierter Palästinenser zu lockern, damit der Austausch von Schalit endlich klappt. Doch der Anschlag von Dimona kompliziert die Sache, wenn er ihn nicht gleich wieder unmöglich macht.

Israels Handelsminister Eli Jischai jedenfalls hat keine Stunde nach dem Anschlag bereits gefordert: Alle Verhandlungen müssten sofort eingestellt werden. Und außerdem sollte man die Grenze zwischen Gazastreifen und Ägypten zurückerobern. Israel hat sie 2005 geräumt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben