Zeitung Heute : Augen zu und durchschlafen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Emma lernt in diesen Tagen, alleine einzuschlafen. Für ein neuneinhalb Monate altes Kind sollte das längst selbstverständlich sein, mögen Sie denken. Ist es aber nicht, wenn seine Eltern in dieser Hinsicht nachlässig gewesen sind. Bisher haben wir Emma abends immer auf dem Sofa geduldet, wo sie an Francescas Brust oder auf meinem Bauch vor laufendem Fernseher wegdämmerte, bevor wir sie vorsichtig ins Schlafzimmer trugen und in die Wiege legten. Damit soll jetzt endlich Schluss sein. Emma hat nämlich längst keine Lust mehr, einfach auf dem Sofa einzuschlafen. Sie hopst lieber auf meinem Bauch, als darauf zu liegen oder – schlimmer noch – ergreift die Macht über die Fernbedienung und schaltet wahllos um.

So weit hätte es nie kommen müssen. Schließlich hatten auch wir das Standardwerk „Jedes Kind kann schlafen lernen“ (Verlag Oberstebrink, 17,80 Euro) schon zu Emmas Geburt geschenkt bekommen. Hin und wieder hatten wir auch mal in das Buch hineingeschaut und uns über die Erfahrungsberichte hilfloser Eltern und ihrer notorischen Schreihälse amüsiert. Wir beschlossen also, die Empfehlungen der Diplom-Psychologin Annette Kast-Zahn und von Dr. med Hartmut Morgenroth auch an unserem Kind konsequent zur Anwendung zu bringen.

Jetzt sitzt Francesca abends mit dem Funkwecker neben mir auf dem Sofa und zählt die Minuten bis zum nächsten Gang ins Schlafzimmer, wo Emma schreit, dass es einem das Herz zerreißt. Wissenschaft ist grausam. Besonders grausam daran ist, dass Emma uns das elterliche Versagen ins Gewissen schreit.

Dabei hatten wir – wo wir gerade von Versagen sprechen – unserer Tochter doch extra ein neues Kinderbett gekauft, um ihr den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt des unbeaufsichtigten Einschlafens mit einem altersgemäßen Schlafmöbel schmackhaft zu machen. Wir waren zum Baby-Korb in die Bundesallee gefahren und hatten uns ein Bett aus Kirschbaumholz ausgesucht, das farblich sehr schön zur elterlichen Ruhestätte aus orientalischer Rotbuche passt. Nach der Lieferung machten wir uns sofort an den Aufbau. Emma sah uns aufmerksam dabei zu, während sie sich immer wieder mit Begeisterung in Lebensgefahr brachte, in dem sie sich die Plastikfolie der Verpackung über den Kopf zog. Nach einer Stunde hatten wir die vier Wände endlich montiert und den Bettrahmen zum Stehen gebracht. Doch beim Einpassen des Lattenrosts stellten wir fest, dass er sich nicht mit Front- und Rückwand verbinden ließ. Entweder waren die vorgesehenen Schrauben oder aber der Lattenrost selbst zu kurz geraten.

Der Mann vom Baby-Korb, bei dem ich mich telefonisch über den Konstruktionsfehler beklagte, schickte am nächsten Tag zwei Kollegen, die sich das Bett ansahen. Zum Glück war ich im Büro. Meine Frau rief mich danach an und erklärte mir, wir hätten die Rückfront des Bettes falsch herum eingebaut. Gestern ist Emma übrigens ganz allein und ohne Tränen eingeschlafen.

Im Baby Fachmarkt Friedenau in der Saarstraße 1 (Ecke Rheinstraße) ist noch bis zum 30. November Räumungsverkauf. Dort gibt es auch Kinderbetten zu Sonderpreisen.

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