Zeitung Heute : Augenblick, verheile doch

Robert Birnbaum

In den jüngsten Umfragewerten hat die SPD erstmals seit Amtsantritt der großen Koalition die Union überholt. Warum stehen die Sozialdemokraten bei den Bürgern besser da als ihr Regierungspartner?


Es gibt Überschriften, die sind korrekt und trotzdem falsch. „SPD erstmals seit vier Jahren stärkste Partei“ betitelte dieser Tage eine Nachrichtenagentur die jüngste Meinungsumfrage unter deutschen Wählern. Das war mathematisch schon richtig, nur führt das Wörtchen „stärkste“ in die Irre. Beim Stand von 33 Prozent für eine Volkspartei kann von Stärke keine Rede sein. Dass die zweite Volkspartei, die Union, noch weiter in den Keller gerutscht ist, bestätigt den seit längerem anhaltenden Trend: Die große Koalition hilft der SPD nicht aus ihrem Tief und zieht CDU und CSU nach unten.

Übermäßig verblüffend ist das nicht. Das Sprichwort „The winner takes it all“ – oder starkdeutsch: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen – gilt in der Umkehrung genauso. Von Erfolgen profitiert die Kanzlerpartei meist stärker als der Regierungspartner – Misserfolge, Streit und Ärger werden ihr aber in der Regel ebenso überproportional angerechnet. Da der Zank um die Gesundheitsreform in erster Linie innerhalb der Union stattfand, zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten, CDU und CSU, waren Minuspunkte vorprogrammiert. Denn solche Differenzen werden vom Publikum nie als Streitkultur verstanden, sondern als Zeichen von Richtungslosigkeit und Führungsschwäche gedeutet. Die SPD hat in dieser Phase offenen Zank vermieden und hat es dadurch geschafft, in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Art unbeteiligter Zuschauer zu erscheinen. Darum hat sie relativ gesehen im Stimmungsbarometer profitiert.

Ob solche kurzfristigen Schwankungen in einen längerfristigen Trend münden, ist sehr schwierig zu beurteilen. Nicht zufällig unterscheiden Meinungsforscher penibel zwischen der aktuellen Stimmung im Wahlvolk und dem, was daraus vermutlich für das wirkliche Wahlverhalten zu folgern ist. Wie falsch sie selbst bei aller Vorsicht dabei immer noch liegen können, hat einmal mehr der Ausgang der Bundestagswahl gezeigt.

Tatsächlich wird es für Demoskopen immer schwieriger, brauchbare Daten zu liefern. Das hat damit zu tun, dass immer weniger Menschen sich einer Partei verpflichtet sehen. Das hat damit zu tun, dass Wähler vermutlich stärker aus dem Augenblick entscheiden als früher.

Und es hat damit zu tun, dass auch Demoskopen manchmal nur sehr schwer sagen können, was sie eigentlich messen. Ein Musterbeispiel sind die Beliebtheitsskalen für Politiker. Dass dort der Bundesaußenminister stets weit vorne rangiert, egal, wie er heißt, verrät ebenso wie der eingebaute „Kanzlerbonus“ mehr über das Staatsverständnis der Befragten als über die beurteilten Personen. Überdies ist der Verdacht begründet, dass diese Skalen oft weniger Beliebtheit als schlicht Bekanntheit messen.

Auffällig jedenfalls, dass Politiker meist dann nach oben rücken, wenn in der „Tagesschau“ tagelang ihr Gesicht zu sehen war – wie unlängst Wolfgang Schäuble mit seiner Islamkonferenz. Umgekehrt kann Unbekanntheit nützen. Als der Niedersachse Christian Wulff monatelang die Umfrage-Nummer-Eins der Union war, verdankte er das nicht zuletzt der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Befragten überhaupt keine Meinung hatte, sondern ankreuzte: „Ich kenne diesen Politiker nicht.“

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