Zeitung Heute : Augenblick, verweile doch

Axel Vornbäumen würde gerne alle WM-Züge anhalten

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Es sind die ersten Abschiedsbriefe rausgegangen in diesen Tagen, 16 Stück nach der Vorrunde. Franz Beckenbauer hat das veranlasst, der Allgegenwärtige, schon deshalb, weil gute Gastgeber ihre Freunde eben nicht nur freundlich empfangen, sondern sie auch auf den ersten Schritten des Nachhausewegs begleiten, wenigstens bis zur Tür. Mit der WM ist es im Grunde wie bei jeder Party – manche gehen früh, dafür wird es für die, die bleiben, zu später Stunde umso intensiver. Bunt ist das Land geworden, multikulturell, aber monothematisch. Eine Zeitmaschine wäre nun gut, die alles auf halber Geschwindigkeit laufen ließe, mindestens, damit der Augenblick verweilen möge, weil er so schön ist. Rastlos hat sich die globale Familie bewegt in den vergangenen zwei Wochen. Oben der Kaiser, im Hubschrauber, so begeistert von der Schönheit dieses Landes, dass er jedem seiner Untertanen einen Helikopterflug ans Herz gelegt hat. Unten aber, pendelnd zwischen den Fifa-WM-Bahnhöfen, begleitet von freundlichen Schaffnern und aufmerksamen Kellnern, da hockt die WM-Familie eng zusammen, neugierig an- und nie böse aufeinander. „Es ist wie ein Rausch“, sagt der Schaffner, der an diesem Morgen im EC 175 von Hamburg nach Prag und Budapest die Tschechen nach Hause begleitet, die tags zuvor an Italien gescheitert sind – „es dürfte nie zu Ende gehen“. Selten hatte er so viel Spaß an seinem Dienst, sagt der Mann. Von den Mexikanern hat er sogar einen Sombrero geschenkt bekommen – „die haben am meisten gefeiert“. Die Australier haben ihm ein Ständchen gesungen. Und auch von den anderen Nationen gab es durchweg freundliche Worte. Eigentlich hat nie einer gemeckert, keine Zeit, der Fußball musste diskutiert werden, mit dem Holländer von gegenüber oder dem Franzosen oder dem Ghanaer.

Ein bisschen ist das alles wie früher, als die Jugendlichen noch „Interrail“ gemacht haben, halb Europa in zwölf Tagen, um andere Länder kennen zu lernen – nur dass heute dazu niemand mehr aus dem Zug aussteigen müsste. Vorne, in der ersten Klasse des EC 175, sitzen die Tschechen. Ein paar Australier haben sich dazugesellt. Jan Polak ist noch mal ein Thema. Wenn der kurz vor der Halbzeit nicht den Totti umgesäbelt hätte, wer weiß, dann könnte man nun gemeinsam bis nach Kaiserslautern fahren, morgen schon ist dort das Achtelfinale gegen Italien.

Die Tschechen fahren weiter. Und wir müssen raus, das Verkehrsmittel wechseln. Heisingen hat keinen Fifa-WM-Bahnhof.

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