Zeitung Heute : Augenblicke

Die WM hatte Deutschland verzaubert, nun ist sie vorbei. Kleine Geschichten über ein großes Fest

Armin Lehmann

Vier Wochen lang hat Deutschland sich und den Fußball gefeiert, nun ist die Weltmeisterschaft zu Ende. Was werden wir vermissen?


EMOTIONEN: Das freudig schreiende Gesicht von Angela Merkel, das jubelnde von Wolfgang Schäuble, zum Beispiel. Die bunten Gesichter der Fans, bemalt, beflaggt, verziert. Eine Kreativweltmeisterschaft der Farben, auf den Gesichtern von Fans aus aller Welt. Schauen wir bei einem Gesicht genauer hin: In Tränen aufgelöst sitzt ein Mann auf der Tribüne von Leipzig, er ist Mexikaner, gerade hat sein Land im Achtelfinale gegen Argentinien verloren. Das Gesicht liegt in den Händen seines Sohnes, der Blick ist verzweifelt, der Sohn tröstet, so gut er kann. Das Gesicht des Sohnes wirkt sehr erwachsen – der Junge ist vielleicht acht.

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RESPEKT: Es wird dem Fußball nachgesagt, er sei verkauft und verraten worden – an den Kommerz. Die Spieler seien satt und selbstzufrieden, nicht mehr fähig zum schlichten Pathos des Spiels. Aber es gibt ihn noch, den Respekt vor dem anderen, vor dessen Größe und dessen Kunst. Halbfinale, Frankreich besiegt Portugal. Der Trikotwechsel der Spieler ist zwar obligatorisch, wird aber nur noch selten so ausgeführt, wie es die Tradition verlangt: Das Trikot des Gegners muss, und sei es noch so verschwitzt, übergestreift werden. Der große Zinedine Zidane tauscht sein Trikot mit dem großen Luis Figo. Für Figo war es das vorletzte Spiel im Nationaldress, vor dem Spiel um Platz drei, genauso wie für Zidane vor dem Finale. Deshalb tauschen sie, ziehen sich das nasse Hemd über. Die Geste besagt: Respekt!

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LACHEN: Überall wurde gelacht, eine große Lachparade, lauter Lachgeschichten! Die Japaner in den vollen Zügen standen dicht gedrängt – und kicherten. Die Mexikaner in den vollen Zügen lachten, weil sie die Deutschen übersingen konnten. Hatten einfach die besseren Lieder. Die Australier schieden auf dem Spielfeld unglücklich aus, dann lachten sie und feierten, weil es doch der größte Erfolg aller Zeiten war. Die Ordner, die Freiwilligen haben gelacht, sich bemüht, freundlich zu sein. Nürnberg, Stadionnebeneingang, ein asiatischer Journalist steht an der Gepäckkontrolle. Kameras, Objektive und auch die Privatsachen, weil keine Zeit mehr war, zum Hotel zu gehen. Der Ordner sagt: „Wir müssen Ihr After Shave einbehalten.“ Darf nicht rein, ist eine Flasche, schreibt die Fifa so vor, sorry. Der Asiate versteht nicht, aber er denkt sich, dem Ordner gefalle das After Shave. Er lächelt: „Please take it, no problem.“

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STOLZ: Es gab Menschen, die waren zum ersten Mal in einem Fußballstadion. Sie tasteten sich herein, erst ängstlich, erschrocken, und dann immer erstaunter über so viel Lärm und Gewusel. Links singen die Schweizer ununterbrochen, rechts haben die Franzosen Mühe, mithalten zu können. Man ist stolz, dabei zu sein. Wenigstens bei einem Spiel. Stuttgart, Katakomben, kurz vor Anpfiff: Mike kann nicht mehr still stehen, zappelt herum. Mike ist sieben Jahre alt, kommt aus Heilbronn, jetzt steht er im Gottlieb-Daimler-Stadion zusammen mit 21 anderen Kindern. Alle sind aufgeregt, gleich dürfen sie die Spieler aufs Feld begleiten. Dann erklingen die Hymnen Frankreichs und der Schweiz. „Ist mir egal, die Hymne“, sagt Mike. „Ich will Zidane.“ Dabei ist Mike doch Stürmer zu Hause, Kreisklasse, und seine Vorderzähne sehen aus wie die von Ronaldo. Ein paar Minuten später hält ihn Thierry Henry an der Hand. Mike ist das jetzt egal, er ist, man sieht es, so stolz!

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MÄNNLICHKEIT: Werden wir vermissen, klar doch, geht ja um Männerfußball. Spielerbeine, Spielerfrisuren, Spielertrauben. Und Randspieler wie Jürgen Klopp zum Beispiel. Die Fußballer wissen ja, den finden sie jetzt wieder auf der Trainerbank von Mainz 05. Aber die anderen, ein paar Ehefrauen oder Schwiegermütter oder eben Fußball-Neulinge, werden sich fragen: Dieser Typ da mit dem Dreitagebart, der hat mir etwas erklärt, das hab ich verstanden. War im ZDF, war in Ordnung. Frankreichs Tor gegen Brasilien – und der Henry steht da rechts völlig frei. Warum nur? Hat der Klopp erklärt. Hat er gut gemacht, soll mal weitermachen.

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WEIBLICHKEIT: Männer grölen beim Fußball und saufen und reden über Frauen. Was denn sonst? Frauen aber gehen auf Fanmeilen und ins Stadion, sammeln Panini-Bildchen, kaufen den Kicker und das „Sport-Bild“-Sonderheft. Selbstverständlich! Sie sind bestens vorbereitet, sie analysieren streng, und wenn es dabei ums Aussehen geht. Ist ja wohl erlaubt! Männer laden Frauen jetzt zum Fußball ein, und müssen sich ziemlich wundern, die Feiglinge! S-Bahnhof Frankfurt am Main West, eine Frau, deutsch, kommt mit ihrem Mann, ebenfalls deutsch, und brüllt: „Brasil, Brasil, oleole.“ Der Mann sichtlich pikiert: „Hey, da sind Brasilianer.“ „Na eben, lass uns rübergehen, Brasil, Brasil, oleole.“ „Nee, das ist doch peinlich.“ „Brasil, oleole.“ Geht die Frau eben alleine.

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MAGIE: Philipp Lahms Tor, linke Seite, rechter Winkel, Argentiniens Zauberfußball, 25 Ballkontakte, der Gegner kommt nicht ran, ab Kontakt 18 wird es immer schneller. Saviola-Riquelme, Riquelme-Saviola, Saviola-Cambiasso, Cambisso-Crespo, Crespo-Cambiasso – Toooor! Da wurde uns so schön schwindlig. Dann noch Zidanes Antritt gegen Brasilien, vier Spieler lässt er stehen, der alte Mann, mit 34 Jahren. Und am Ende wieder Gesichter, magische Gesichter. Klinsmanns Augen, Ballacks Tränen, Schweinsteigers weit aufgerissener Mund zum Siegesschrei. Vorbei, vorbei. Was bleibt, sind Erinnerungen.

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