Zeitung Heute : Augenkontakt

Marianne Wolf war damals 13 Jahre alt

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Weil wir sonnabends immer gut frühstückten, waren wir am Morgen unterwegs, um Brötchen zu kaufen. Es war ein wunderschöner, kalter Tag. Beim Voralarm sind wir mit den Schrippen in einen Keller gerannt, dann weiter zum Kottbusser Tor. Dort kam man im U-Bahnhof unter. Der ganze Bahnsteig war voller Menschen. Viele hatten Koffer dabei mit ihren kostbarsten Dingen, Hunde waren da, Katzen und auch Vögel in Käfigen. Als ein U-Bahnzug einfuhr, fing der Alarm an. Man hörte das Pfeifen, man hörte die Bomben, und dann kamen die Druckwellen. Es war ein Inferno. Alle lagen auf dem Boden, viele beteten, Kinder schrieen, Hunde bellten, Vögel piepten.

Keine Ahnung, wie lang das Ganze gedauert hat. Aber immer, wenn man dachte, dass es vorbei sei, und aufstand, fielen wieder Bomben, und die wahnsinnigen Druckwellen warfen einen wieder zu Boden. Bald glaubten wir nicht mehr, da lebend herauszukommen.

Als endlich die Entwarnung kam, und wir hoch konnten, sahen wir die Sonne am Himmel nicht mehr. Überall brannte es, überall Trümmer und Tote. Unser Haus hat eine Brandbombe getroffen, die gelöscht werden konnte. Die Druckwellen haben nur die Türen und Fenster herausgerissen.

Ich lief dann noch mit meiner Mutter durch die Stadt, um zu sehen, was los war. Es war grauenhaft. Das Schlimmste sahen wir an der Wassertor-, Ecke Lobeckstraße. Es gab da einen großen Berg, der mit Blech bedeckt war, und es stank fürchterlich. Viele Leute standen herum und weinten. Meine Mutter wollte mich zurückhalten, aber als 13-Jährige ist man ja neugierig, und so ging ich hin. Unterm Blech lagen lauter verbrannte Tote. Die Überlebenden suchten in dem Haufen nach Bekannten. Nie vergesse ich es, wie dort eine Oma ihr Enkelkind fand. Sie hatte es an einem Kettchen wiedererkannt.

Ein Soldat mit amputiertem Bein suchte seine Familie. Die fand er im Keller. Sie saßen da, ein kleiner Junge, ein Mädel und die Mutter, als wenn sie schliefen. Ihre Lungen waren geplatzt.

Leute, die während des Angriffs draußen waren, haben uns später erzählt, dass die Bomber so tief geflogen sind, dass man die Piloten in den Glaskanzeln hat sehen können. Wie konnten die nur so was tun? Allerdings muss ich sagen, dass wir in unserer Familie nichts gegen die Amerikaner empfanden. Die Wut auf Hitler, die wir sowieso hatten, die hat das Ganze vielleicht verstärkt. Aber vor allem war da Angst, immer nur Angst. Und die Hoffnung, dass der Krieg doch endlich zu Ende gehen möge.

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