Zeitung Heute : Aus 26 Kilo werden ein paar Gramm

Als vor einigen Jahren "Kindlers Neues Literaturlexikon" im günstigen Paperback für 498 Mark herauskam, gelangten auch Studenten in den Genuss von Tausenden Seiten über Literatur und Autoren. Der Umfang der 21 Bände ist gigantisch: Zusammen nehmen sie über 110 Zentimeter an Platz im Bücherregal ein und bringen 26 Kilo auf die Waage. Das muss doch kleiner gehen, haben sich die Software-Entwickler vom Münchner Systhema Verlag gedacht und brachten zur Frankfurter Buchmesse eine CD mit, die mit knapp 12 Zentimetern Durchmesser für Entlastung im Regal sorgen sollte.

Wissen auf CD-ROM, multimedial und modern aufbereitet, hat seinen Platz bei der Software gefunden. Längst gibt es den multimedialen Brockhaus auf CD, das über 200 Jahre alte Lexikon "Encyclopaedia Britannica" wird sogar nur noch als CD-ROM erscheinen und auch im Bereich Literatur ist der Kindler mit Walter Killys Literaturlexikon in bester Gesellschaft. Für rund 500 Mark enthält die CD mehr als 18 000 Beiträge zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur, dazu über 9 000 Autoreneinträge und rund 120 Essays zu den Literaturen der Welt. Das Lexikon entspricht der 1996 erschienenen 21-bändigen Studienausgabe, lediglich die Biografien wurden aktualisiert. In gefälligen Braun- und Beigetönen verzichtet die Silberscheibe auf aufwendige Multimedia-Elemente wie Videos oder nervende Wave-Files, die monoton im Hintergrund dudeln. Im Anfangsbild kann ins Vorwort von Herausgeber Walter Jens geklickt werden, oder man lässt sich die Liste zu Autoren und Werken anzeigen. Ausgeklügelte Recherchefunktionen mit Suchkriterien wie Autor, Land, Werksgattung oder auch Daten wie Todestag oder Erscheinungsdatum erleichtern das Finden der gewünschten Informationen. Man sollte einen großen Monitor besitzen, da die Ergebnisse in eigenen Fenstern angezeigt werden. Benutzt man auch noch Zusatzoptionen wie die Notizablage oder die selbst erstellten Favoriten, ist schnell der Bildschirm voll.

Der Vorteil von multimedialen Lexika liegt in den interaktiven Möglichkeiten: Ausgewählter Text kann als Text-File exportiert oder beispielsweise in ein Word-Dokument wieder eingearbeitet werden. So lässt sich die gewünschte Information bestens in die Hausarbeit für das Seminar einbauen. Ärgerlich für Studenen: Systhema hat auf eine Seitenkonkordanz zum gedruckten Werk verzichtet, so dass Zitierwilligen zur Seitenangabe wieder nur der Blick ins Buch bleibt. Für den normalen Heimgebrauch wird das aber nicht weiter stören. Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Manövrieren im Text. Benutzt der Leser einen Hyperlink, der vom Text aus auf ein weiteres Werk oder einen anderen Autor verweist, fehlt ein "Zurück"-Button; statt dessen klickt man einfach den Link "Verlauf" an und wählt das Anfangsfenster aus. Ansonsten funktioniert die Benutzung problemlos, da Systhema auf überflüssigen Schnick-Schnack verzichtet hat. Vergleicht man Inhalt und Preis der CD-ROM mit der gedruckten Ausgabe, bietet die CD wenig Neues, lockt aber mit komfortabler Bedienung, der Textausgabe und dem Platzvorteil. KLAUS ANGERMANN



Systemvoraussetzungen: Ab Pentium 100, Win95/98/NT; 16 MB RAM, CD-ROM-Laufwerk, Preis 498 Mark

Autor: r_t_cummings@compuserve.com

Die Uni: Hassenswertes und Liebenswertes.

Die Universität ist nicht mehr alle Welt. Nur selten kommt es zu heißblütigen Liebeserklärungen. Die Uni ist ja auch nicht mehr jungfräulich, neugierig und unbescholten, sondern die Alma Mater ist heute eine gestandene Maitresse, "mit viel Holz vor der Hütten" (oder Stahlbeton) und allerlei wechselnder Kundschaft, den Studentenmassen, abgesehen von den Professoren und Professorinnen, die ihr gern treu bleiben. Es zahlt sich ja gut aus. Mit der Uni läßt sich gut leben, wenn man einmal Zugang zu einem ihrer Kämmerchen gefunden und gut eingerichtet ist. Hat man hohe Erwartungen, ist die Enttäuschung umso größer. Zur bitteren Enttäuschung gesellen sich Haßgefühle. Zur Uni kann man kein gleichgültiges Verhältnis haben, denn in ihr dreht sich alles ums Wissen - und Wissen ist Macht. Mit Objektivität und jungfräulicher Wahrheit hat die Uni nicht allzuviel im Sinn. Allerlei Obsessionen und Machtgelüste machen sie zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und so hat man keine Wahl: Entweder man haßt die Uni, liebt sie oder tut beides zugleich. Wissenschaftliche Betätigung heißt nichts anderes, als dass man an ihrer Brust liegen und sein Herz ausschütten will - doch nicht jeden läßt die Uni an sich heran. Tut sie es doch, dann stößt deine Liebe objektiv auf Gegenliebe. Prüfungen zeigen, was es mit der Wissenschaftlichkeit der Universität auf sich hat. Not macht erfinderisch, und so stilisiert sich jeder Prüfling zu David, der gegen Goliath, den prüfenden Professor, in den Kampf zieht. Doch weder herrscht Waffengleichheit, noch kommt es überhaupt zu einem Kampf. Der Prüfer will ja keine Diskussion, sondern die Nummer nur von der Liste streichen. So verkommt eine Prüfung zum reinsten verächtlichen Glücksspiel. In wenigen Minuten sind ein Shakespeare, ein Goethe und Rilke auf irgendwelche Sinnfetzen und Fakten hin zu sezieren - und sowohl Prüfer als auch Prüfling haben dabei natürlich nichts anderes als Objektivität im Auge. Trifft der Prüfling ins Schwarze, erwärmt sich das Herz des Professors. Die Sucht nach Objektivität ist nichts anderes als die Liebe fürs Wahre. Kommt der Prüfling auf Abwege, fühlt der Prüfer sich höchstpersönlich auf den Fuß getreten. Das Falsche ist hassenswert. Und so obsiegt am Ende des Studiums die pure Emotion: Verachtung, wenn Goliath triumphierte, oder Hochachtung vor der Uni, wenn Goliath und David sich im Bruderkuß vereinten. Doch bereits während des Studiums zetert man genüßlich, denn in der Uni, dem chaotischen Eingeweide aus Gängen, Sälen und Warteschlangen davor, verkommt jeder zum gehässigen Nörgler. Studenten nagen an den Brocken, die die Professorenschaft ihnen zuwirft. Einem Professor ergeht es nicht anders, selbst wenn er es nicht zugibt. Das Gebot wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit verlangt von ihm, zumeist nach den Zutaten zu greifen, die die Lektüre, Kollegen und Konkurrenten ihm reichen. Die Uni ist ein Wissen wiederkäuendes Ungetüm ohne besonderes Ziel als das der Wiederholung und Verwaltung von Wissen, der Produktion von Absolventen am anderen Ende. Die ständigen akademischen Hahnenkämpfe hingegen sind völlig ziellos, wenn auch voller Sinn. Gelegentlich, natürlich, wächst die Uni an einigen ihrer Flanken über sich hinaus und hat neuartige Erkenntnisse, nach denen tatsächlich ein paar außer-universitäre Hähne krähen. Die Uni ist eine garstige Behörde, die jeden zum Bittsteller und Störenfried erniedrigt und auf die Jagd schickt nach Immatrikulationsbescheinigungen, Prüfungsterminen, Sprechstunden, Gutachten, Stipendien, Fördermitteln. Die Vorstellung der Uni als Dorf und idyllisch gelegene Abtei ist so gefühlsduselig wie der Wunsch des Studenten, auf Du mit den Professoren zu sein. Hassenswert sind nicht die Akademiker, welche zu der komplett weltfremden Art gehören wie die Geisteswissenschaftler. Der berühmte, wirklich schusselige, ansonsten aber brillante Dozent mit Toupet ist und bleibt ein seltenes Ereignis, auch wenn Amor nicht gleich mit seinen Pfeilen schießt. Verachtenswert und erbärmlich ist die nörgelnde Professorin, für die Studenten wie Kinder im Hinterhof sind. Nett anzusehen sind sie, aber bald geht das Gekreisch und Gejaule ihr auf die Nerven. Liebenswerte Züge gewinnt die Uni erst, wenn man merkt, wie wunderbar es ist, sich beispielsweise von Walther von der Vogelweides Liedern und Trällereien umgarnen zu lassen, während tausende Mitbürger als postmoderne Bürosklaven malochen. Wundersam ist es und der pure Luxus, den man auskosten muss, bevor andere Zeiten anbrechen. Die Uni ist genau da ein Liebesnest, wo das Studium zum Selbstzweck gerinnt und man allem Haschen nach Wind noch einen Sinn abgewinnen kann.

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