Zeitung Heute : Aus allen Wolken gefallen

Sie glaubten an die Sicherheit von Atomkraftwerken – oder hofften zumindest darauf. Sie wohnten in der Ukraine oder 1500 Kilometer entfernt. Wie ein einziger Tag das Leben der Menschen veränderte – fünf Porträts.

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HILTRUD HENSEN, DIE FRAU, DIE KINDERN AUS TSCHERNOBYL HILFT

Als die Katastrophe passierte, waren meine Töchter neun und 14 Jahre alt. Mein erster Gedanke war: Wie beschütze ich meine Kinder? Der Zweite: Wie mag es den Menschen, vor allem den Müttern, vor Ort gehen?

Seit 16 Jahren versuche ich, den Opfern zu helfen. Zeitweise bin ich viermal jährlich in die Region gereist. Erst habe ich als Frau des Ministerpräsidenten, d. Red.] die Landesstiftung Niedersachsen geleitet, seit 1999 arbeite ich mit meinem Verein „Help! Hilfe für Menschen in Not“. Ungefähr vier Jahre nach dem Reaktorunfall wurde die große Zahl der Kinder mit Schilddrüsenkrebs in Weißrussland bekannt. Die Krankheit gibt es bei deutschen Kindern nicht – ihre Ursache ist radioaktives Jod. Im selben Jahr war ich das erste Mal dort und habe gesehen, dass die Folgen der Katastrophe gewaltige Ausmaße angenommen hatten. Fehlbildungen und Krebs als Folge der Reaktorkatastrophe werden oft bestritten. Aber ich habe unzählige Krankenhäuser besucht. Wenn man die Fehlbildungen bei Neugeborenen sieht und die vielen Frühgeburten wird klar: Das, was Experten für 30 Jahre nach dem Reaktorunfall vorausgesagt haben, ist längst eingetreten. Zuerst haben wir Krankenhäuser in Weißrussland mit Ultraschallgeräten zur Früherkennung von Schilddrüsenkrebs versorgt – denn die Kinder können nur durch eine Totaloperation gerettet werden. Mir ist wichtig, den Menschen die Gelegenheit zu geben, sich selbst zu helfen. In Kovel wurden nach dem Unglück viele Babys mit fehlenden Gliedern geboren. Da wir nicht alle Kinder nach Deutschland holen konnten, haben wir eine orthopädische Werkstatt im Ort aufgebaut.

Es sind Momente, die mir die Kraft geben, weiterzumachen: Die Freude der Ärzte, wenn sie ihren Patienten helfen konnten, weil die nötigen Geräte da waren. Oder bestimmte Einzelschicksale. Eine junge Frau kenne ich jetzt seit 14 Jahren. Tatjana ist mit Handfehlbildungen und einem fehlenden Fuß zur Welt gekommen. Gerade war sie bei uns und hat eine vorläufige Prothese bekommen.

Was ich nur schwer ertragen kann, ist, dass ich Kindern helfe, gesund zu werden, und Jahre später bekommen sie die nächste Krankheit. Die radioaktive Belastung ist immer noch da, und jetzt erkranken immer mehr der 20- bis 30-Jährigen an Organkrebs. Die Aufgabe ist gigantisch: Die kann kein Einzelner, keine Stiftung bewältigen. Die Hilfe hätte europa- oder weltweit organisiert werden müssen. Tschernobyl ist etwas, über das viel zu wenig berichtet wird und das aus den Köpfen der Menschen fast verschwunden ist.kir

VIKTOR POPOW, DER AUFRÄUMARBEITER, DER DEN GLAUBEN AN DIE SOWJETUNION VERLOR

Nachts kreiste über dem zerstörten Reaktor ein Zeppelin, der mit mächtigen Scheinwerfern das Gelände ausleuchtete, damit wir in der Dunkelheit weiterarbeiten konnten. Wir nannten ihn „Nachtsonne“. In gewisser Weise war das eine Metapher für Tschernobyl: All die Unzulänglichkeiten, die vorher im Schatten der Sowjet-Ideologie verborgen lagen, wurden plötzlich grell angestrahlt. Insofern war 1986 ein sehr erhellendes Jahr. Besonders für uns Kernphysiker, die wir selten einen Gedanken an Kraftwerkssicherheit verschwendet hatten – dieser Aspekt kam in unserer Ausbildung nicht vor. Mir wurde die Tragweite dieses Mangels erst bewusst, als ich zwei Monate nach dem Unfall als Leiter einer Untersuchungskommission nach Tschernobyl geschickt wurde, um festzustellen, wie viel radioaktiver Brennstoff sich noch im zerstörten Reaktor befand.

Die Zustände vor Ort waren unbeschreiblich. Es fehlte an allem – nur nicht an Menschen. Menschen, die sich bereitwillig opfern ließen. Und so wurde mit Heldentaten kompensiert, was an Ausrüstung fehlte. Erst später erfuhr ich, wie die Amerikaner 1979 mit dem Unfall in Harrisburg umgingen: Sie versiegelten den havarierten Reaktor und ließen jahrelang niemanden hinein. Wir in Tschernobyl wurden mitten in den strahlenden Schutt geschickt.

Unter meinen Kollegen von damals kursiert bis heute ein Foto, auf dem einer der Aufräumarbeiter auf einem zerfetzten Betonträger steht und in den zerstörten Reaktor pinkelt – ein Sinnbild für den heroischen, selbstzerstörerischen Geist, der dort herrschte. Ich erinnere mich, dass wir Rohre für Messungen brauchten und keine bekamen, also bastelten wir uns selber welche: aus Gardinenstangen, die wir in den evakuierten Städten abmontierten. Und als wir Proben des geschmolzenen Reaktorkerns einholen sollten, benutzten wir dazu einen ausrangierten Kinderwagen an einer Leine.

Ich arbeitete bis 1994 in Tschernobyl. Die schlimmste Zeit war gegen Ende der 80er Jahre, als die sowjetische Mangelwirtschaft immer spürbarer wurde. Bei der Arbeit im havarierten Reaktorblock mussten wir Spezialkleidung tragen, und zwar jeden Tag frische, die getragenen Anzüge wurden wie Atommüll entsorgt. Irgendwann kam kein Nachschub mehr. Es gab einfach keinen. Wir waren gezwungen, die getragenen Anzüge zu reinigen und mehrmals zu benutzen, obwohl man sie eigentlich gar nicht reinigen konnte. Damals besuchte uns ein BBC-Team – es war die Zeit der Perestrojka, wo so etwas möglich geworden war. Es waren junge, dynamische Leute, die tausend Fragen stellten, man hatte gar keine Zeit, über die Antworten nachzudenken. Irgendwann, als ich über den Mangel an Schutzkleidung sprach, rutschte mir der Satz raus: „Wir haben nicht mal saubere Socken!“ Der Film wurde in der ganzen Welt gezeigt, nur nicht in der Sowjetunion. Ein paar Monate später bekam ich Post von einem Ehepaar aus Schottland, beide so um die 70. Sie schrieben, sie hätten dort eine Schaffarm. In dem Päckchen lagen sechs Paar handgestrickte Wollsocken. Ich war noch nie so gerührt. müh

ADLY WAHBA, DER PHYSIKER, DER FÜR REAKTORSICHERHEIT ZUSTÄNDIG IST

Ich habe mich fast mein ganzes Berufsleben mit der Sicherheit von Kernkraftwerken beschäftigt, und dann, als Tschernobyl brannte, überquerte ich den Reaktor zufällig in einem Flugzeug. Mit ein paar Kollegen war ich gerade auf dem Rückflug von einer Konferenz in Japan. Ich hielt dort einen Vortrag über ein Forschungsprojekt in den USA: Dort hatten wir den Unfall von Harrisburg simuliert, um die Fehlerquelle zu finden. Der Reaktor Three Mile Island (TMI) war 1979 vier Tage lang außer Kontrolle geraten. Durch die Analyse, an der die OECD-Länder beteiligt waren, konnten wir die Kontrollsysteme in den Reaktoren wesentlich verbessern. Osteuropäische Länder gehörten aber nicht zur OECD, mit ihnen gab es in der Reaktorsicherheit so gut wie keine Zusammenarbeit. Und dann kam Tschernobyl. Zwischen uns stand die Mauer, und die radioaktive Wolke zog einfach darüber hinweg.

Als mein Kollege neben mir am 26. April nachmittags aus dem Flugzeugfenster blickte, sah er unten am Boden eine dichte Rauchwolke und Flammen. Es war ein klarer Tag. Später rekonstruierte er aufgrund der Uhrzeit und der Route, die der Pilot durchgesagt hatte, dass das der brennende Reaktor von Tschernobyl gewesen sein musste. Ich arbeitete bis zu meiner Pensionierung in der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) bei München, das ist so etwas wie der Technische Überwachungsverein des Bundes. Als der Unfall offiziell bekannt wurde, hatten wir ständig Sondersitzungen, ich musste sämtliche Fakten über den Reaktortyp von Tschernobyl zusammentragen. Diese Art Reaktoren gibt es nicht in Westeuropa. Aber nach dem Super-GAU war uns klar: Ein Unfall irgendwo in Europa ist gleichbedeutend mit einem Unfall in Deutschland. Nach Tschernobyl wurden Gelder bewilligt, um die Anlagen in Osteuropa zu überprüfen. Russische Kollegen kamen zu uns, um unsere Sicherheitsstandards kennen zu lernen.

Weil es in Bayern in den Tagen nach Tschernobyl geregnet hatte, holte ich in der Firma einen Geigerzähler, um die Strahlung in unserem Garten zu messen. Die Werte waren nicht so hoch, dass ich mir große Sorgen machte. Aber ein Kollege hat in seinem ganzen Garten die Erde abgetragen, um wieder Gemüse anpflanzen zu können. Ein anderer hat in der Firma unbelastetes Fleisch vom Bauernhof seiner Familie verkauft.

Nach dem Unfall habe ich nie gedacht, wir müssten unsere Reaktoren abschalten, denn in Deutschland hätte so ein Unfall nicht passieren können. Wir sind noch auf die Kernenergie angewiesen. Tschernobyl hat bei mir bewirkt, dass ich mich verstärkt mit Solartechnik beschäftigte. Eigentlich begann mit der Solarenergie auch mein Berufsleben: Ich musste als Befähigungsarbeit für meine Promotion 1960 einen Solarflachkollektor entwickeln. Meine Kollegen sagten damals, ich sollte das bloß nicht zum Gegenstand meiner Doktorarbeit machen, weil ich dann an Sonnentagen, wenn die anderen zum Baden gehen, für die Arbeit forschen müsste. Ich habe mir dann ein anderes Thema gesucht. awa

GUDRUN PAUSEWANG, DIE AUTORIN, DIE DAS BUCH „DIE WOLKE“ SCHRIEB

Vier Wochen nach der Katastrophe las ich einen Artikel über Tschernobyl mit der Überschrift: „Sie haben versagt“. Damit waren nicht die Atomkraftwerke, sondern die Politiker gemeint. Keiner war vorbereitet gewesen. Mensch, dachte ich, darüber werde ich schreiben. Darüber, wie es wäre, wenn so eine Reaktorkatastrophe nicht 1500 Kilometer von uns entfernt, sondern mitten in unserer dicht besiedelten Bundesrepublik passiert wäre. Als ich bei meinem Verlag anrief, hatte ich den Satz erst halb heraus, da riefen die am anderen Ende der Strippe schon: Schreiben Sie! „Die Wolke“, mein Buch über die Folgen eines fiktiven Reaktorunfalls, wurde ein Renner. Jetzt ist der Stoff auch als Film im Kino zu sehen.

Nach dem Buch wurde ich oft für meinen Pessimismus kritisiert. Sogar „Lehrerin der Angst“ hat man mich genannt. Dabei habe ich auch heitere Bücher geschrieben. Oder glauben Sie, dass der „Spinatvampir“ ein Katastrophenbuch ist?

Aber ich bin der Meinung, dass man Angst nicht verteufeln, sondern verarbeiten sollte. Als Kind habe ich mich oft über Bücher geärgert, in denen die Guten belohnt und die Schlechten bestraft wurden. Schon damals wusste ich, dass die Welt in Wirklichkeit nicht so ist.

Als ich die Meldung von dem Reaktorunglück in Tschernobyl hörte, hatte ich noch kein Gefühl für die Dimension der Katastrophe. Erst in den nächsten Tagen habe ich begriffen, dass die selbstverständlichsten Dinge der Welt, wie sich ins Gras zu setzen, plötzlich gefährlich wurden. Ich arbeitete zu der Zeit in einer Grundschule. Wenn es geregnet hat, haben wir die Kinder nicht auf den Pausenhof gelassen. Aber für den Fußweg nach Hause war die Schulbehörde nicht mehr verantwortlich. Die Schüler haben geweint, wenn sie in den „verseuchten Regen“ gekommen sind.

Mit der „Wolke“ versuche ich zu erreichen, dass junge Menschen durch den Schock selbst zu der Frage finden: Was kann ich tun, damit aus dieser Fiktion nie Realität wird? Es ist ja auch ein politisches Buch. Einmal habe ich einen Preis von einem Science-Fiction-Club bekommen. Da hab ich gedacht, hoppla, hier bist du total fehl am Platz. Denn dass ich keine Science-Fiction-Romane schreibe, hat Tschernobyl bewiesen. jol

BERND STEGMAIER, DER JÄGER, DER NICHT MEHR JAGEN WOLLTE

Als die Tschernobyl-Wolke über Süddeutschland kam, war ich Pressesprecher des Bayerischen Jagdverbandes und wurde plötzlich mit Fragen überhäuft. Die Jäger waren in Aufruhr. Alle wollten wissen, ob der Fallout auch unsere Tiere betrifft. Das Landwirtschaftsministerium verlegte den Beginn der Jagdsaison schnell vom 15. Mai auf den 1. Juni. Um Zeit zu gewinnen. Der Druck war groß, der Markt für Wild kaputt und der Preis halbiert.

Ich ging dann mit einer Ausnahmegenehmigung und Helfern in den Wald, und wir haben in der Dämmerung ein Reh geschossen. Zu Testzwecken. Mit Handschuhen und Operationsbesteck, im Nieselregen, unter Leitung eines honorigen Tierarztes, zerlegten wir das Tier. Wir wollten auch die Schilddrüse, weil sich da das radioaktive Jod einlagert. Da stehste dann im dunklen Wald, links die Taschenlampe, rechts Messer und Pinzette, suchst hinterm Schlund so ein linsengroßes, blassrosanes Ding von eineinhalb Gramm Gewicht. Und darfst dich nirgends kontaminieren.

Dann wurde gemessen. Heraus kamen astronomische Zahlen. Das bedeutete – nichts. Es wurde hochgerechnet auf Kilobelastung. Grenzwerte waren ja beliebig. Ich musste den Jägern sagen: Zieht eure eigenen Schlüsse. Heute habe ich das ungute Gefühl, dass wir alle alles sehr verharmlost haben. Tiefkühlfirmen kauften damals Unmengen Wild zu Spottpreisen auf. Zehn Jahre später staunte ich über all das Wild in Hundenahrung. Mein dumpfer Verdacht ist, das Zeug wurde beigemischt und vielleicht bis heute verkauft. 30 000 Rehe pro Jahr in Bayern, auch 1986, müssen ja irgendwo geblieben sein. Bald nach Tschernobyl bin ich aus der Jägerei ausgestiegen. Wenn ich, wie neulich per Schiffauf der Rhone, an einem AKW vorbeikomme, denk’ ich: Fahr schneller, Kapitän. Nicht dass jetzt ein Leck auftritt. müll

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