Zeitung Heute : Aus Alt mach Neu

Was die Bundesbürger sammeln, wird mit Hightech wieder verwertet

Fred Winter

Es ist eine stolze Bilanz: Das Duale System führte 2003 fast fünf Millionen Tonnen hochwertiger Materialien der erneuten Verwertung zu. Glas bildete dabei den Löwenanteil: Fast 2,3 Millionen Tonnen Altglas wurden aus den Behältern des Grünen Punkts gewonnen, das entspricht rund neunzig Prozent des verkauften Behälterglases. Doch bevor aus alten Marmeladengläsern neue Selterflaschen und aus weggeworfenem Papier frische Zeitungen werden, kommen erstmal eine Menge Know-how und Technik zum Einsatz.

Glas beispielsweise wird bei rund 1500 Grad Celsius zähflüssig, es lässt sich vollständig und beliebig oft verwerten. Allerdings müssen die Gläser zuvor genau nach ihrer Farbe sortiert sein, um später hässliche Mischfarben zu vermeiden. Die Färbung entsteht durch Oxide, die sich aus Altglas nicht filtern lassen: Smaragdgrünes Glas enthält Chromoxid, Kobalt färbt es blau. Für Braunglas kommen Eisenoxid, Schwefel und Kohle in die Schmelze.

Moderne Sortieraggregate erkennen bis zu 16 Millionen Farben. Sie prüfen Helligkeit und Reflexionen der Scherben, um Fremdkörper zu entdecken und mittels Druckluft abzublasen, etwa Keramik, Stein und Porzellan. In der Regel entsteht die neue Flasche immer aus einem Anteil von gleichfarbigem Altglas und neu angesetzter Schmelze.

Der zweite große Posten im Rohstoffkreislauf des Grünen Punkts waren Altpapier, Pappe und Karton. Jeder Bundesbürger sammelt jährlich bis zu 18 Kilogramm davon in der blauen Tonne oder den Altpapiercontainern. Altpapier ist ein wichtiger Rohstoff für die deutschen Papiermühlen, die jährlich 12,6 Millionen Tonnen schlucken. Es gibt 3000 Papiersorten, etwa 65 Prozent des auf dem Markt befindlichen Papiers wurde aus Altpapier gewonnen. Insgesamt stellten die deutschen Papiermühlen im vergangenen Jahr rund 19,3 Millionen Tonnen her, der Verbrauch erreichte 18,5 Millionen Tonnen. Das sind 225 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung.

Jedoch lässt sich Papier im Gegensatz zum Glas nicht beliebig oft verwerten: Die Fasern können den Aufbereitungsprozess nur rund fünf Mal durchlaufen, denn sie verkürzen sich bei jeder Verwertungsrunde, bis sie faktisch nicht mehr ohne Bindemittel aneinander haften.

Das Altpapier wird in großen Bottichen aufgeweicht und verrührt. Anschließend durchläuft die Fasermasse verschiedene Reinigungsprozesse, dort wird sie von Heftklammern, Rückenleimungen und Klebestreifen befreit. Wasser, Natronlauge und Seife lösen die Druckfarben von den Fasern, Luftdüsen drücken Bläschen durch den Papierschlamm, an denen die Farbe haften bleibt. Sie werden an der Oberfläche als Schaum abgeschöpft. Es folgen Siebe und Pressen. Dann werden die getrockneten Papierbahnen auf Rollen aufgezogen, bis zu dreißig Tonnen schwer. Verpackungspapiere, Hygienepapiere und Faltschachtelkartons enthalten einen hohen Altpapieranteil. Wellpappen und Zeitungen lassen sich vollständig aus Altpapier herstellen.

Kunststoffe decken eine riesige Bandbreite mit ganz verschiedenen Eigenschaften ab. Polyethylenterephthalat, besser als PET bekannt, spielt beispielsweise bei Verpackungen für Getränke und Lebensmittel eine große Rolle, denn es ist leicht und bruchsicher. Die Händlervereinigung Petcore schätzt, dass sich die Produktion in Europa bis 2006 auf rund 700 000 Tonnen verdoppeln wird. Mit einem speziellen Verfahren lassen sich aus den gebrauchten, farblosen Flaschen neue Flaschen machen, nach Abtrennung der Etiketten und Reinigung. Oder man schmilzt PET-Abfälle in einem Extruder auf und häckselt die Schmelzstränge zu Granulat. Seine Verarbeitung spart bis zu sechzig Prozent Energie gegenüber neuem PET.

Aus dem Granulat entstehen beispielsweise Textilfasern für Fleecepullis, Schlafsäcke oder Dämmmaterialien. Allerdings hat das seit Januar 2003 geltende Plichtpfand erhebliche PET-Mengen aus dem Dualen System abgezogen. Sie gehen nun als Mehrwegverpackungen an den Händler zurück. Der Handel sucht nach dem billigsten Entsorger, auch außerhalb Europas Grenzen: Derzeit kauft China erhebliche Mengen von Alt-PET auf dem Weltmarkt auf und recycelt es in eigener Regie, unter völlig unklaren ökologischen Standards.

In der Sortieranlage werden andere Kunststoffarten durch ein Infrarotaggregat identifiziert, das die verschiedenen Materialien erkennt und separiert. Elektronisch gesteuerte Druckluftdüsen befördern die Verpackungen anschließend gezielt vom Band, die Trefferquote erreicht immerhin zwischen 90 und 95 Prozent. Der sortenrein getrennte Kunststoff wird entweder zu Formteilen oder zu Granulat umgeschmolzen. Daraus entstehen Verkehrsinseln, Rasengittersteine oder Fensterprofile, Rohre oder Platten.

Granulate aus Mischkunststoffen gehen auch in Stahlwerke, als Ersatz für teures Schweröl. Sie werden bei 2200 Grad Celsius in den Hochofen eingeblasen, um den Sauerstoff aus dem aufgeschmolzenen Erz zu ziehen. So entsteht Roheisen. Im Verwertungszentrum Schwarze Pumpe in der Lausitz werden die Kunststoffe gemeinsam mit Braunkohle unter hohen Drücken auf 800 bis 1300 Grad erhitzt. Das entstehende Gasgemisch dient zur Herstellung von Methan.

Fast 300 000 Tonnen Verbundwerkstoffe, beispielsweise aus Tetra-Paks oder Tütensuppen, fielen im vergangenen Jahr an. Sie bestehen oft aus Papier, Kunststoff- und Metallfolien, dünner als ein Menschenhaar. Mit warmem Wasser werden zuerst die Papierfasern abgelöst, wie in einer riesigen Waschmaschine, aber ohne Chemikalien. Das Gemisch aus Kunststoffen und Aluminium geht danach als winzige Schnipsel in Zementwerke. Der Kunststoff liefert Energie, Aluminium verleiht dem Zement eine besondere Festigkeit.

65 Prozent aller in Deutschland anfallenden Getränkekartons werden recycelt, ein Drittel davon in Finnland. Die Skandinavier sind in der Lage, das Aluminium zu separieren. Der Kunststoff wird bei 400 Grad Celsius verdampft und verheizt, das Metall sortenrein gewonnen. Da Aluminium bei der Herstellung ein Energiefresser ist, gilt Altaluminium in vielen Branchen als ökologischer Ersatz, vor allem angesichts steigender Energiepreise. Es kommt beispielsweise in Fensterprofilen oder in Autos zum Einsatz.

Weißblech hingegen besteht aus Stahl. Es macht rund 3,5 Prozent des Stahlschrotts in Deutschland aus, der sich zwischen 17 und 19 Millionen Tonnen bewegt. In jeder Tonne Rohstahl stecken 400 Kilogramm Altmaterial. Weißblech lässt sich durch starke Magnete gut aus dem Strom der Verpackungen sortieren. Das Material wird in Ballen verpresst und den Stahlwerken übergeben. Jede Tonne wieder verwertetes Weißblech spart 1,5 Tonnen Eisenerz, 665 Kilogramm Kohle und 200 Kilogramm Kalkstein. Pro Jahr entspricht dies rund 800 000 Tonnen Eisenerz und rund 360 000 Tonnen Kohle.

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