Zeitung Heute : Aus dem Bauch der Macht

Werner van Bebber

Ulla Schmidts Sprecher schrieb ein Buch über das Alter, Feridun Zaimoglu lud ihn ein

So still sind die jungen Leute in der Baracke, dass man die Vögel draußen ihre Abendlieder singen hört. Regentropfen ploppen auf die Blätter alter Bäume. Der Mann, der in der Baracke seine Geschichte vorliest, weiß, wie man reden muss, um diese Stille zu erzeugen. Deutlich. Satt im Ton. Klaus Vater ist Sprecher, er spricht für Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Im Nebenberuf schreibt er. Aus dem zweiten Produkt seiner Nebenbeschäftigung, einem Roman, trägt er an diesem Abend auf Einladung von Feridun Zaimoglu zwei Kapitel vor. Rund 60 angehende Literaturwissenschaftler hören ihm zu und sind erstaunlich still. Erstaunlich, denn Vaters Geschichte spielt im Milieu der Ministerialbürokratie, und das ist nicht leicht zu beschreiben. Vater schreibt über Leute, die die Mechanik der Regierungsmacht am Laufen halten. Die haben nicht viel zu tun mit der Außendarstellung von Politik.

Dass Feridun Zaimoglu ihn eingeladen hat, war ein Zufall. Die beiden lernten sich kennen, als Ulla Schmidts Öffentlichkeitsarbeiter eine Gesundheitsbroschüre auf Türkisch vorstellen wollte. Zaimoglu sollte mitmachen – der Autor von „Abschaum“ und „Zwölf Gramm Glück“, Multikultimann, Popfigur, seit 30 Jahren im Land, der Kanak-Sprak-Fachmann, das wäre doch was. Er konnte nicht, lud stattdessen Vater in sein literaturwissenschaftliches Seminar, das er jeden Montagabend an der Freien Universität Berlin hält: in einem barackenhaften Billigbau neben einer alten Villa, in der die Literaturwissenschaftler residieren. Literatur unter Neonröhren, doch gartenluftdurchströmt – ein guter Ort, um literarische Fähigkeit mit studentischen Erwartungen zu konfrontieren.

Zaimoglu hat sein Seminar „Literature to go“, genannt. Man soll etwas mitnehmen können, nicht viel Theorie, aber etwas, das man brauchen kann. So wie er da vor seinen Studenten sitzt – wie viele von ihnen in einer Trainingsjacke, dazu mit einer schweren Hip-Hopper-Kette behängt, den schmalen Bart wie mit dem Skalpell millimetergenau rasiert – wirkt Feridun Zaimoglu nicht, als nehme er großen Anteil an der Ministerialbürokratie. Dabei hat Vaters Geschichte von der Mittvierzigerin im großen Ministerium, die einer Verschwörung auf die Spur kommt, ihre Reize. Sicher, es geht nicht um die ganz großen Gefühle, nicht um große Liebe oder Tod. Die Ministerialbeamtin, die Vater in ihrer Pendlerinnenexistenz zwischen Berlin und dem Rheinland beschreibt, könnte im Bus zum Flughafen Tegel neben einem sitzen, und man käme wahrscheinlich auf die Idee, dass sie in Mitte arbeitet, chic und gepflegt und gut angezogen wie sie ist, ein bisschen deplatziert im Bus. Aber es geht nicht um die Phänomenologie des Bonners in Berlin. Klaus Vaters Geschöpf kommt einem Politikum auf die Spur, das als apokalyptische Idee in die Gegenwart passt. Es geht um das Ende der demografischen Krise, die ja eine Krise der Sozialsysteme ist. Die 60 oder 70 Zaimoglu-Studenten kennen jetzt die Lösung der demografischen Krise. Sollte Vaters Roman gedruckt werden, dürfte folgender Satz im Schlusskapitel stehen: „Es war wie ein Krieg mit Neutronenwaffen, die nur alte Menschen töteten.“

Merkwürdig, wie wenig dieser Satz das Publikum irritierte. Die große Düsternis am Ende der Geschichte erschien den Studenten offenbar unendlich weit entfernt. Und der Politikbetrieb als einer, in dem einem solche Gedanken kommen, war den Literaturwissenschaftlern auch nicht wirklich nahe gekommen. Zaimoglu, der Mann der vielen Sphären, hatte nun zwei Kulturen zueinander zu bringen, die sonst beziehungslos nebeneinander herleben. Der Mann aus der Politik musste erst einmal erklären, wie man den Politikbetrieb mit Anstand übersteht. Der Politikbetrieb nicht als mechanisches, sondern als amoralisches System – das war der Anfangsverdacht der Literaturwissenschaftler, den ließen sie nicht gleich fallen. Zaimoglu sagte: „Im Magen der Bestie wird man doch verdaut?!“ Vater fragte: „Sehe ich verdaut aus?“ Man könne sich Idealismus durchaus bewahren, behauptete er: Sozialdemokrat, 68er, Fachmann für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Ulla-Schmidt-Sprecher – wenn nicht dieser Mann mit der Politik noch Hoffnung verbindet oder zumindest so wirkt, als täte er dies, wer dann?

„Ich bin noch nicht ganz überzeugt“, sagte Zaimoglu und sprach seinen Studenten aus der Seele. Einer sagte, er werde das Gefühl nicht los, „dass Sie den Habitus des Politikers nicht vermeiden können“. Es war das Auffordernde, das Treibende an Vaters Reden über Politik, das auf die Studenten wie ein „Habitus“ wirkte. Politik, sagte Vater, passiert immer, ob man mitmacht oder nicht. Ministerien sind Orte, die man sich aneignen und in denen man etwas bewegen kann, sagte Vater. Doch von Bereitschaft zu einem weiteren Marsch durch die Institutionen war bei den Studenten nichts zu erkennen. Da saß einer, der diesen Marsch begonnen hatte und bis in Sichtweite des Ruhestandes marschiert war – und seine freundlich gemeinte Aufforderung nach dem Motto „Traut euch“ ging denen, die er erreichen wollte, nicht nahe.

Ein zarter junger Mann mit Haaren von der Länge einer 70er-Jahre- Rock-Ikone fühlte sich von Vaters Aufforderungsrhetorik fast bedrängt. Ein anderer sagte, Literatur müsse wehtun, Vater hingegen wirke „nett“. Vater machte deutlich, dass er mit seinem Roman etwas bewegen will – der Mann ist politisiert bis in die abendliche Schreiberei. Doch es war, als ließen sich diese Studenten von Politik lieber gar nicht bewegen. Bis Vater das Ende seiner Geschichte erklärte: Die Verschwörergruppe hatte, um die Jugendkultur nicht aussterben zu lassen, eine Art kollektiver Vergiftung mit Blei organisiert. Über Jahrzehnte aufgenommen, erhöht Blei die Sterblichkeitsrate. Doch es gilt als Umweltgift, deshalb – so Vaters Romanende – kümmerten sich die Gesundheitsforscher nicht darum. Ein Student wollte wissen, wie Vater auf diese Idee gekommen sei: „Ist Ihnen die im Ministerium begegnet?“

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