Zeitung Heute : Aus dem Funkloch gekrochen

Der Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid hat in seiner alten Firma nichts mehr zu sagen – aufs Podium der Hauptversammlung drängt er sich trotzdem

Corinna Visser[Hamburg]

Sie raunen. „Da ist er, der alte Gauner“, sagen sie. Drei Aktionäre, alle so um die 60. Gerhard Schmid strebt gerade an ihnen vorbei zur Kaffee-Theke. Einen Knast mit 5000 Plätzen müsse man bauen, sagt einer leise. Für alle Vorstände und Aufsichtsräte des Neuen Marktes. Er selbst habe inzwischen fast seine ganzen Mobilcom-Anteile verkauft. Fünf besitze er noch. Damit hat er das Recht, an diesem Montagmorgen hier zu sein, auf der Hauptversammlung der Mobilcom AG im Ballsaal des einstigen Hamburger Lehrervereinshauses. Er will sich beschweren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier Kriegsverbrecherprozesse statt.

200 Euro hat die Mobilcom-Aktie zu ihren besten Zeiten im März 2000 einmal gekostet. Heute sind es noch ein bisschen über drei Euro. Im Grunde haben fast alle europäischen Telekommunikationsaktien solche Kursverläufe hinter sich. Aber kaum eine Firma hat eine derart turbulente Geschichte.

An diesem Montag entscheiden die Aktionäre über das Überleben ihres Unternehmens. Ohne ihre Zustimmung zu der Vergleichsvereinbarung mit dem abtrünnigen Partner France Telecom steht Mobilcom vor der Insolvenz. Sieben Milliarden Euro Schulden wollen die Franzosen übernehmen, damit wäre Mobilcom gerettet. „Das größte Geschenk in der europäischen Wirtschaftsgeschichte“, wird Gerhard Schmid später sagen, der Firmengründer, der gerne große Worte in den Mund nimmt. Zehn Aktien habe er sich von seiner Frau geliehen, um Zutritt zu der Veranstaltung zu bekommen. Denn seine Anteile am Unternehmen – zusammen mit seiner Frau hält er 42 Prozent – musste er inzwischen an einen Treuhänder übertragen.

Schmid ist um zehn vor elf im Vereinshaus erschienen. Wie alle anderen musste er anstehen vor der Sicherheitskontrolle, Handy und Geldbeutel in einen der kleinen Plastikbehälter legen und durch den Metalldetektor schreiten. Doch Schmid war zu schnell. Zurück zur Anmeldung, er hat vergessen, die Einladung gegen eine Stimmrechtskarte einzutauschen.

Großmannssucht wirft ein Aktionärsvertreter Schmid vor. Im Jahr 2000 hatte der Gründer des Unternehmens, der bis Juni 2002 auch Vorstandschef war, tatsächlich große Pläne. Er wollte aus der Firma, die bis dahin vor allem mit dem Vertrieb von Mobilfunkverträgen gute Geschäfte gemacht hat, einen Netzbetreiber machen, um noch mehr Geld verdienen zu können. Erreichen wollte er dies mit der neuen und damals umjubelten Mobilfunktechnik UMTS und dem Partner France Telecom. Allein die Lizenz für UMTS kostete damals 8,4 Milliarden Euro. Ohne das Geld des französischen Konzerns hätte Schmid sich den Aufstieg und die ehrgeizigen Pläne nicht leisten können.

Er sitzt jetzt im Ballsaal, in der viertletzten Stuhlreihe waren noch Plätze frei. Doch die sind nicht gut, eine Säule verbaut die Sicht. Mit seinen Begleitern zieht er weiter nach vorne. Aber lange hält es ihn auch nicht auf diesem Sitz. Als Vorstandschef Thorsten Grenz beginnt, den Aktionären zu erklären, warum Schmids Traum von UMTS ausgeträumt ist, geht der raus ins Foyer, steckt sich eine Zigarre an und schart die Fernsehkameras um sich. Schmid schwitzt. Es ist warm im Vereinshaus.

UMTS hat nicht gehalten, was sich die Telekom-Firmen davon versprochen haben. Gerhard Schmid wollte trotzdem weiter investieren, aber die Franzosen weigerten sich zu zahlen. Lange Verhandlungen waren nötig, auch die Bundesregierung schaltete sich ein. Am Ende lenkten die Franzosen dann ein, die Banken stimmten dem Sanierungsplan zu, auch die Lieferanten waren kompromissbereit – unter zwei Bedingungen: Mobilcom muss sich von den UMTS-Plänen verabschieden und Schmid darf in dem Unternehmen nichts mehr zu sagen haben.

Thomas Heidel, Anwalt aus Bonn, tritt ans Rednerpult. Heidel vertritt Schmids Ehefrau Sybille Schmid-Sindram und kritisiert den von Grenz vorgeschlagenen Versammlungsleiter Dieter Vogel. Es ist nämlich nicht Grenz’ Aufgabe, die Hauptversammlung zu eröffnen. Das muss der Aufsichtsratsvorsitzende tun. Aber Mobilcom hat derzeit keinen. Der alte ist zurückgetreten. Sein Stellvertreter habe sich kurzfristig krankgemeldet, sagt Grenz. Ein „abgekartetes Spiel“, nennt das Schmid. Vogel, ehemaliger Thyssen-Chef und Mobilcom-Aufsichtsratsmitglied, hat bereits dreimal versucht, sich zum Vorsitzenden des Gremiums wählen zu lassen. Bisher haben das die Anhänger Schmids im Aufsichtsrat aber immer verhindert. Schmid mag Vogel nicht.

Vogel ist der Mann, den die Bundesregierung an der Aufsichtsrats-Spitze sehen will. Immerhin bürgt sie für einen Teil der Mobilcom gewährten Sanierungskredite. Und Vogel hat die zähen Verhandlungen mit France Telecom geführt, an deren Ende die Franzosen die sieben Milliarden zusagten. Er garantiert dafür, dass sie die Zusage auch einhalten.

Welche Vorbehalte es im Aufsichtsrat gegen Vogel gebe, will Anwalt Heidel wissen. Und welches Honorar Vogel für die Verhandlungen bezogen habe, ob es stimme, dass es sich dabei um einen Stundensatz von 1000 Euro gehandelt habe. „Ruhe! Aufhören! Quatsch!“ – die Zwischenrufe aus dem Publikum, rund 500 Aktionäre sind erschienen, zeigen, dass das nicht die vordringlichen Fragen sind, die sie beschäftigen.

Dann tritt Schmid selbst ans Pult, der das Unternehmen groß, zuletzt aber an den Rand des Ruins gebracht hat. Viele zeigen immer noch Zustimmung zu ihm. Ihm sei der Mann sympathisch, sagt ein Angestellter der Deutschen Telekom, der Mobilcom-Aktionär ist. Ein 47-Jähriger aus Rendsburg sagt, klar verstehe er, dass Schmid in den letzten Monaten und noch immer weiter versuche, seine Position zu stärken. Er selbst besitze immerhin noch 120 Aktien – gekauft für 50 Euro. Und der 70-jährige Privatier aus Altona, der täglich Aktien kauft und verkauft und nur „aus Versehen“ noch einige von Mobilcom hat, macht einen ganz anderen Übeltäter aus: „Eichel ist an allem schuld.“

Schmid hat eine für die Aktionäre beruhigende Botschaft: Er sei an der sauberen Entschuldung des Unternehmens interessiert und bitte den Treuhänder, für den Vergleichsvertrag mit France Telecom zu stimmen. Das werden sie spät am Abend wohl auch tun. Die Aktionäre können aufatmen. Nur etwas Geduld noch. Zunächst muss ja erst der Versammlungsleiter gewählt werden. Diesmal hat Vogel Erfolg. Die Hauptversammlung kann offiziell beginnen – um halb zwölf statt um zehn.

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