Zeitung Heute : Aus dem Gleis geraten

In der BVG wird wieder über die Einstellung von Straßenbahnstrecken diskutiert – obwohl dieses Verkehrsmittel als besonders umweltfreundlich gilt

Klaus Kurpjuweit

Schnell, sicher, pünktlich und zuverlässig ist die Straßenbahn. Auch Sauberkeit und Komfort, Behinderten- und Umweltfreundlichkeit seien heute bei der Tram eine Selbstverständlichkeit. So wirbt die BVG selbst für die „Elektrische“. Doch auf der anderen Seite will sie Strecken stilllegen, die ihrer Ansicht nach unwirtschaftlich sind. Ergebnisse von Rentabilitätsgutachten sollen im Oktober vorliegen. Dann könnte es eine neue Welle von Stilllegungen bei dem hoch gelobten Verkehrsmittel geben.

Schon seit Jahren will BVG-Technik-Vorstand wissen, „wie viel Straßenbahn sich Berlin noch leisten könne“. Die Diskussion kam aber erst jetzt in Gang, nachdem BVG-Vorstandschef Andreas Sturmowski im Frühsommer angekündigt hatte, die Linie 68, die sogenannte Uferbahn von Köpenick nach Schmöckwitz, nur noch bis zum Strandbad Grünau oder gar lediglich bis zum S-Bahnhof Grünau fahren zu lassen. Viel zu wenig Fahrgäste nutzten den Abschnitt bis Schmöckwitz; eine erforderliche aufwendige Sanierung für mehrere Millionen Euro sei deshalb nicht gerechtfertigt.

Nach heftigen Protesten und neuen Berechnungen gewährte die BVG der Uferbahn, die sie selbst als eine der schönsten Straßenbahnstrecken in Berlin bezeichnet, eine Gnadenfrist. Bis 2011 dürfen die Bahnen weiter durch den Wald und am Ufer der Dahme entlang fahren; für 600 000 Euro nimmt die BVG eine „Notreparatur“ an den Gleisen vor. Nach 2011 will die BVG dann neu entscheiden.

Schneller muss man sich bei der Verbindung der M 1 nach Rosenthal und zur Schillerstraße in Pankow festlegen. Dort soll die Friedrich-Engels-Straße saniert werden, auf der die Gleise Richtung Rosenthal liegen. Bleibt die Straßenbahn erhalten, müssen auch ihre Anlagen erneuert werden. Da auf diesem Abschnitt täglich nur etwa 1500 Fahrgäste in den Zügen säßen, scheut die BVG den Millionenaufwand für neue Gleise.

Hier zeigt sich aber auch das Dilemma der Planer. Würde man die Verbindung nach Rosenthal streichen, gäbe man auch die Option auf, die Straßenbahn bis ins Märkische Viertel verlängern zu können.

Allerdings hat BVG-Vorstand Thomas Necker inzwischen auch weitere Gründe gefunden, die seiner Ansicht nach gegen die Straßenbahn sprechen: Sie sei zu laut und verursache außerdem durch den Abrieb der Gleise vor allem in engen Kurven Feinstaub, dessen Grenzwerte bereits jetzt vor allem an Hauptstraßen meist überschritten werden. Mit diesen Erklärungen hat Necker auch die Fachwelt überrascht, denn Straßenbahnen galten bisher als besonders umweltfreundlich. Zudem können moderne Bahnen heute wesentlich leiser fahren als früher, und auch bei den Schienen hat die BVG durch eigens entwickelte „Flüstergleise“ den Lärmpegel bereits reduziert.

Durch das Einstellen von Strecken würde die BVG aber auch beim Fahrzeugkauf sparen können. Behält sie ihr Netz, müsste sie von 2010 an insgesamt bis zu 210 neue Bahnen beschaffen. Einen Auftrag für vier Probefahrzeuge hat sie zwar erteilt, für die Serienlieferung gibt es bisher aber nur eine Option. Noch ist die Finanzierung des Großauftrags ungewiss.

Bei der Ankündigung, neue Fahrzeuge bestellen zu wollen, hatte die BVG übrigens noch damit geworben, dass die neuen Straßenbahnen leiser seien als die vorgegebenen Lärmgrenzwerte und damit einen aktiven Beitrag zur Senkung des Verkehrslärms leisteten. Beim elektrischen Bremsen werde zudem die beim Anfahren aufgenommene Energie zu einem großen Teil wieder in das Netz zurückgespeist und anderen Fahrzeugen zur Verfügung gestellt.

Allein entscheiden kann die BVG nicht, welche Strecken eingestellt werden. Das letzte Wort hat der Senat. Versuche des damaligen BVG-Vorstandes, nach der Wende die Netze in Pankow und Köpenick aufzugeben, waren damals vom Senat nicht mitgetragen worden.

Im neuen Nahverkehrsplan des Senats ist ein Streckennetz von 194 Kilometern für die Straßenbahn vorgesehen. Derzeit umfasst es 187,7 Kilometer, 108 Kilometer davon liegen auf einer eigenen Trasse unabhängig vom Straßenverkehr. Allerdings gilt der Nahverkehrsplan noch nicht. Er sollte zwar noch vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet werden, doch dem Vernehmen nach gibt es Widerstand aus der Finanzverwaltung, die sich unter anderem nicht bindend auf vorgegebene Streckenlängen festlegen will.

Ungewiss ist auch der Fortbestand der Straßenbahnen in den meisten Städten in Brandenburg. Die Stadt Brandenburg hat bereits ihr Angebot drastisch eingeschränkt. Unsicher bleibt auch die Zukunft der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn, die vom privaten Unternehmen Veolia betrieben wird. Aus der Erfahrung hat man nicht viel gelernt. Schon einmal gab es einen Kahlschlag. 1967 fuhr die letzte Bahn in West-Berlin. Später sagten Politiker, wie der damalige Verkehrssenator Edmund Wronski (CDU), die Abschaffung der Straßenbahn sei falsch gewesen. Doch inzwischen meint BVG-Vorstand Necker, West-Berlin komme auch ohne Tram ganz gut aus.

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