Zeitung Heute : Aus dem letzten Loch

Aus einer Höhle zogen sie den Mann, gegen den sie Krieg führten. Viele fürchteten schon, Saddam Hussein habe sieben Leben. Nun ist eine lange Jagd zu Ende, und die Amerikaner sagen: Er hat sich in sein Schicksal gefügt. Doch wie das aussehen wird, wissen sie noch nicht.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Es ist ein Satz nur, der erste. Gesprochen wird er am Sonntag in Bagdad. Dort tritt am Nachmittag Paul Bremer vor die Weltpresse, der US-Zivilverwalter im Irak. Jeder weiß, was er zu verkünden hat. Die Nachricht von der Festnahme Saddam Husseins ist schon zwei Stunden zuvor durchgesickert. Bremer steht vor einem Pult, vor ihm sind zwei Mikrofone. Er versucht, so ernst zu sein wie immer. Bloß keine Freude, kein Triumph, keine falsche Pose. Und dann sagt er diesen einen Satz, der die irakischen Reporter von ihren Stühlen reißt. „Ladies and Gentlemen, we’ve got him“ – Wir haben ihn. Der Tyrann sei nun ein Gefangener. Es ist das Ende einer langen Flucht und einer ebenso langen Jagd.

Die Unruhe im Saal hält an. Mehrfach wird die Pressekonferenz von „Tötet Saddam!“-Rufen, auf Arabisch, unterbrochen. Nach Bremer spricht Lieutenant General Ricardo Sanchez, der Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak. Er schildert, wie die monatelange Jagd nach dem Diktator am Sonnabend in einem kleinen Dorf, 15 Kilometer südlich von Tikrit, ihr Ende fand.

Der Gesuchte hatte sich in einem Erdloch versteckt. Die Haare waren ihm gewachsen, er trug einen grau-weiß melierten Bart. Einheiten der 4. Infanterie-Division, unterstützt von Spezialkräften, hätten ihn aufgespürt. „Red Dawn“ lautete der Titel der Operation. Durch Verhöre von Gefangenen, die in Kontakt mit Saddam gestanden hatten, erfuhren die Amerikaner von dem Versteck.

Ein Video wird gezeigt. Ganz in Grün, wie durch ein Nachtsichtgerät gefilmt, ist der Eingang zum Versteck zu sehen. Saddam, heißt es, habe bei seiner Festnahme keinen Widerstand geleistet. Weder gab es Tote, noch Verletzte. In ersten Befragungen habe sich der Ex-Diktator sogar „kooperativ“ verhalten. Die nächsten Bilder sind unmittelbar nach der Festnahme entstanden. Ein älterer Mann mit Vollbart wird ärztlich untersucht. Der Arzt, kahlköpfig mit einer großen Armbanduhr ums linke Handgelenk, trägt Plastikhandschuhe. Er prüft Schädel, Mund und Rachen des älteren Mannes. Der wiederum, tiefe Ringe unter den Augen, zeigt keine Regung. An seiner Identität jedoch gibt es keinen Zweifel. „Wir sind zu 100 Prozent sicher, dass es wirklich Saddam Hussein ist, denn es wurde bereits ein DNS-Test durchgeführt“, hatte zuvor ein Sprecher des Irakischen Nationalkongresses im arabischen Satellitensender „Al Dschasira“ gesagt.

Saddam habe sich „in sein Schicksal gefügt“, werden später die amerikanischen Besatzungsbehörden verbreiten. An einem geheim gehaltenen Ort werde er von einer „ausreichenden Zahl von Sicherheitskräften“ bewacht. Am Ende der Pressekonferenz spricht Adnan Pachachi, ein Vertreter der von den Amerikanern eingesetzten irakischen Übergangsregierung. Er verbirgt seine Freude nicht. Im Gegenteil: Den Tag der Festnahme Saddam Husseins erklärt Pachachi zum neuen irakischen Nationalfeiertag.

Anfang April, als die US-Armee auf Bagdad zurollte, ging der Diktator in den Untergrund. Kurz zuvor hatte er sich offenbar eine Menge Geld besorgt. Rund 900 Millionen Dollar, in Hunderter-Noten, soll sich die Führungsclique mitten in der Nacht mit drei Lkw-Anhängern aus der irakischen Zentralbank geholt haben, sagt das US-Finanzministerium. Was mit dem Geld geschah, war lange Zeit unklar. Erst hieß es, es sei ins Ausland gebracht worden, um Saddams Exil vorzubereiten. Vor kurzem dann kam der dringende Verdacht auf, es werde benutzt, um im Nachkriegs-Irak die Anschläge auf Amerikaner und ihre mutmaßlichen Kollaborateure zu finanzieren.

Saddam hat sieben Leben: Das befürchteten nach seinem Sturz viele Iraker. Nur wenige glaubten, dass er tot ist, dass er getötet wurde, etwa bei dem Angriff auf ein Restaurant im Bagdader Stadtteil El Mansur. Mindestens drei Häuser hatten B-1-Bomber der US-Luftwaffe dabei zerstört. Vier 900-Kilogramm-Bomben waren über dem Restaurant abgeworfen worden. Der Krater klaffte 18 Meter in die Tiefe. 14 Iraker starben.

Wenige Tage danach beginnt das Verwirrspiel. Am 9. April fällt Bagdad. Am selben Tag soll ein Video entstanden sein, das eine Woche später von allen großen Nachrichtensendern ausgestrahlt wird. Es zeigt den Diktator inmitten einer jubelnden Menge. Er wird umarmt und geküsst. Der Zweifel, ob er es ist oder einer seiner Doppelgänger, wird von der Trotzwirkung begleitet, die das Video bei den Sympathisanten seiner Herrschaft auslöst. Seht her, ich lebe noch! Passt auf, ich lebe noch! Habt Mut, ich lebe noch! Haltet durch, ich lebe noch! – Immer wieder tauchen angeblich von ihm besprochene Tonbänder auf. In London landet ein von ihm handgeschriebener Brief. „Es gibt nichts Wichtigeres, als die ungläubigen, verbrecherischen, mörderischen und feigen Besatzer aus dem Land zu werfen“, heißt es darin.

Saddam narrt seine Häscher. Die liegen auf der Lauer. Sie loben eine Belohnung in Höhe von 25 Millionen Dollar aus, verfügen über hochmoderne Nachtsichtgeräte, computergesteuerte Ortungssysteme, rollen ihre Fahrzeuge ohne Licht auf leisen Reifen durch die Nacht, töten seine Söhne Udai und Kusai, verhaften einen Gefolgsmann nach dem anderen, sogar der Leibwächter wird gefasst – doch Saddam Hussein entwischt ihnen stets. Von den 52 meistgesuchten Irakern hat das Pentagon ein Kartenspiel in Umlauf gebracht. Der Diktator ist das Pik-Ass. Manchmal wirkt das Pik-Ass wie ein Joker. Um ihren Fehlschlägen das Attribut der Peinlichkeit zu nehmen, spielt die US-Regierung die Bedeutung Saddams herunter: Er sei nicht mehr wichtig, heißt es, er befände sich nur noch auf der Flucht, seine Festnahme sei lediglich eine Frage der Zeit. Doch spätestens im Oktober mehren sich Indizien, die darauf hindeuten, dass Saddam Hussein noch viele Fäden in der Hand hält und nach Bedarf zieht. Er scheint hinter etlichen Anschlägen auf die Besatzungstruppen zu stecken.

Daraufhin intensiviert das Pentagon seine Jagd. Eine Spezialeinheit wird gebildet. Sie setzt sich aus Teilen der „Task Force 5“, zuvor in Afghanistan tätig, und der „Task Force 20“ aus dem Irak zusammen. Einzelheiten bleiben geheim. Doch auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist nun überzeugt, dass die Festnahme Saddams entscheidend im Kampf gegen die Aufständischen ist. „Ihn zu fangen oder zu töten, wäre sehr wichtig“, sagt Rumsfeld Anfang November.

Nun ist es gelungen. Der Despot und Dämon, der Folterer, Kriegstreiber, Mörder, Egomane und Spitzelkönig – um nur einige seiner inoffiziellen Titel zu nennen – sitzt in Haft. Sein Treiben hat endgültig ein Ende. Er ließ Zungen abschneiden, Augen ausstechen, Füße abhacken. Fast ein Vierteljahrhundert lang unterjochte er sein Volk. Er ließ morden und Menschen in Verliesen verenden. Gegen Kurden und Schiiten setzte er Giftgas ein. Er rüstete hoch, begann 1980 einen Krieg gegen den Iran, der acht Jahre lang dauerte und mindestens 350000 Menschenleben auf beiden Seiten kostete. Zwei Jahre nach Kriegsende überfiel er Kuwait.

Was macht man mit einem wie Saddam? Abgesehen von den Kriegstoten sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten mindestens 290000 Iraker von seinen Schergen ermordet worden. Diese Zahl schätzt die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“. Eine Anklage würde lauten auf Folter, Mord, Massenmord und Völkermord. Doch wer soll über ihn richten? Das ist die erste Frage auf der Pressekonferenz am Sonntag.

Anfang des Monats hat die irakische Übergangsregierung die Errichtung eines Tribunals angekündigt. Es soll ausschließlich aus Irakern bestehen. Internationale Anwälte dürften bei den Ermittlungen und den Verfahren dabei sein, aber keinesfalls als Richter fungieren. Die US-Regierung unterstützt offenbar diese Idee. Sie will alles vermeiden, was als Siegerjustiz verstanden werden könnte. Sie hat 75Millionen Dollar zugesagt.

Doch Menschenrechtsorganisationen und Uno-Vertreter schlagen Alarm. Bislang hatten alle ähnlichen Tribunale, ob in Ruanda, Sierra Leone oder Kambodscha, die Autorisierung durch die Vereinten Nationen. Todesurteile etwa wurden nicht verhängt. Überdies ist unklar, ob irakische Richter für den Posten überhaupt in Frage kommen. Eine unabhängige Justiz gab es im Land seit Jahrzehnten nicht. Jeder irakische Jurist ist in irgendeiner Weise verstrickt.

Soll Saddam Hussein zum Tode verurteilt werden dürfen? An dieser Frage könnte sich schon bald wieder die Weltgemeinschaft entzweien. Es droht eine so leidenschaftliche wie bittere Debatte zu werden. Der Tyrann ist endlich unschädlich gemacht worden. An seinem Erbe trägt die Welt noch lange. Im Großen wie im Kleinen.

Am Nachmittag hat es Bagdad wieder eine Explosion gegeben. Genau wie US-Präsident George W. Bush es in seiner Ansprache vom Sonntag gesagt hat. Wir haben ihn, aber Saddams Festnahme bedeutet nicht, dass die Gewalt zu Ende geht.

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