Zeitung Heute : aus dem Mittelalter Neues

Bestsellerautor Ken Follett gilt als genauer Rechercheur. Sein neuer Roman beginnt im Jahr 1327. Wie viel Mittelalter steckt in „Die Tore der Welt“?

Christine Knust

Die Sonne steht hoch am Himmel, als sich ganz oben in der mittelalterlichen Abtei Mont-Saint-Michel, auf der Spitze des grauen Felsens im atlantischen Meer, ein Schatten zwischen den Säulen des Kreuzgangs löst. Irgendwo schreit eine Möwe, und einen Moment lang wirkt es, als ob da ein Mönch in wehender Kutte um die Ecke biegt. Aber es ist der Bestseller-Autor Ken Follett, der in Mont-Saint-Michel über seinen neuen Mittelalterroman sprechen will. „Die Tore der Welt“ ist gerade im Lübbe-Verlag erschienen, die Fortsetzung von Folletts Erfolgsbuch „Die Säulen der Erde“, das sich allein im deutschsprachigen Raum 3,8 Millionen Mal verkauft hat und 2004 in einer Umfrage zum drittliebsten Buch der Deutschen gewählt wurde.

„Gefällt es Ihnen hier?“, fragt der Brite und lässt seinen Blick durch den Kreuzgang schweifen. „Ich schätze diesen Ort, weil er so unglaublich inspirierend ist.“ Follett gilt als genauer Rechercheur, dem viel an Faktentreue liegt. Während der Vorbereitung für „Die Tore der Welt“ sei er hierher gekommen, weil man sich hier wunderbar vorstellen könne, wie sie gelebt hätten, die Mönche des Mittelalters, wie sie in der Abteikirche Gottesdienst feierten und im Refektorium, dem Speisesaal der Klosterbrüder, schweigend ihre Mahlzeiten einnahmen, während ein Tischleser ihnen von einer Kanzel aus geistliche Texte vorlas.

Die 59 Fenster im Refektorium sind so schmal, dass man nicht hinausschauen kann. Die Welt da draußen sollte die Mönche nicht ablenken von der Konzentration auf das Gehörte. Eiskalt ist es hier drinnen. Sie müssen gefroren haben, beheizt waren nur die Küche und das Skriptorium, der Arbeits- und Studierraum.

Ob Ken Follett gern im Mittelalter gelebt hätte? „Höchstens einen halben Tag lang.“ Nicht wegen der Kälte, „sondern wegen des allgegenwärtigen Gestanks“. Follett liebt exklusive Dinge: Maßanzüge, Champagner und schnelle Autos. Er ist mit dem eigenen Wagen nach MontSaint-Michel gekommen, der Maserati hat das Kennzeichen K-E-N. Nein, wenn er sich denn selbst auf Zeitreise begeben müsste, dann doch lieber in das viktorianische Zeitalter.

Das ist die Epoche, die später in England als gute alte Zeit bezeichnet wurde, die mit ihrer überbordenden Türmchenarchitektur gern das Mittelalter imitierte. Ein Omen für Folletts Buch? Oder anders gefragt: Wie viel Mittelalter steckt wirklich in Ken Follett?

„Die Tore der Welt“ führen den Leser weit hinter Queen Victoria zurück ins 14. Jahrhundert: 200 Jahre sind darin seit den „Säulen der Erde“ vergangen, Folletts Bestseller über einen Kathedralenbau im 12. Jahrhundert. Der neue Roman beginnt 1327, endet knapp 50 Jahre später. Auf einem guten Drittel der über 1000 Seiten wütet die Pest. Die Katastrophe ist für diese Zeit verbürgt, um 1350 raffte der Schwarze Tod, wie die große europäische Pandemie aufgrund der schwarzen Beulen und des blutigen Auswurfs der Infizierten hieß, in ganz Europa innerhalb weniger Jahre schätzungsweise etwa 20 bis 25 Millionen Menschen hin, rund 30 Prozent der Bevölkerung .

Die Pest war 1346 zuerst in Zentralasien ausgebrochen. Über die Seidenstraße, wo reger Handel mit floh- und dadurch pestverseuchten Fellen getrieben wurde, kam sie per Schiff schon ein Jahr später nach Europa. Dass die Krankheit sich so schnell ausdehnte, zeigt, dass die Menschen im Mittelalter viel mobiler waren, als gemeinhin angenommen wird. Rege Handelsbeziehungen bestanden zwischen Orient und Okzident, ermöglichten es der Oberschicht Europas ihre Speisen mit dem damals kostbaren Pfeffer zu würzen. Follett beschreibt diese Mobilität durchaus realistisch.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Caris, Äbtissin des Klosters in Kingsbridge, jener fiktiven Stadt irgendwo in Südengland, die schon in den „Säulen der Erde“ Schauplatz war. Follett selbst wurde im walisischen Cardiff geboren, sein Kingsbridge auf der Landkarte zu suchen, ist müßig, der Ort hat kein reales Vorbild.

Im neuen Roman hegt Caris, Tochter eines Wollhändlers, schon als Kind den unerfüllbaren Wunsch, Medizin zu studieren. Tatsächlich gab es im Mittelalter ausgebildete Ärztinnen: die „mulieres Salernitae“, die Frauen von Salerno. An der dortigen Universität zählte nicht das Geschlecht, sondern nur das fachliche Können. Anders in England, dort war ein Universitätsstudium unmöglich. Caris als heilkundige Frau ohne Diplom kümmert sich aufopfernd um Pestkranke und schreibt ein Arzneibuch, in dem sie Desinfektions- und Vorsichtsmaßnahmen anordnet. Sie tut das geradezu revolutionär auf Englisch. Es gab im Mittelalter tatsächlich volkssprachliche Pesttraktate, in denen gute Ratschläge gegen die Seuche festgehalten wurden, wenngleich eine Frau als Verfasserin eines solchen Buches nicht bekannt ist. Auch Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert, rund 200 Jahre früher, lebte, schrieb ihre medizinischen Werke auf Lateinisch.

Buchhelden müssen sich außergewöhnlich verhalten, sagt Follett, der mit einer Labour-Abgeordneten verheiratet ist, „damit es eine Geschichte wird. Es gab viele Frauen im Mittelalter, die alles taten, was Männer taten. Es gab zum Beispiel Händlerinnen und Frauen, die beim Kathedralenbau als Mörtelmacherinnen arbeiteten.“ Tatsächlich zeugen alte Quellen von Händlerinnen, mittelalterliche Mörtelmacherinnen sind nicht überliefert. Frauen, die gegen die Zwänge der Gesellschaft kämpfen, findet Follett aber am interessantesten. Und er weiß , dass sich starke Frauenfiguren auswirken – schließlich, so gibt er unumwunden zu, gefällt das seinen Leserinnen, die beträchtlichen Anteil am Verkaufserfolg der „Säulen“ hatten.

Auch in den „Toren der Welt“ wird wieder gebaut. Keine Kathedrale, Folletts fiktiver Baumeister Merthin errichtet eine Brücke und den größten Kirchturm Englands. Für den Turm, der die Kathedrale von Kingsbridge schmückt, hat sich der Autor vom Turm der Abtei Mont-Saint-Michel inspirieren lassen. Der Legende nach errichtete im Jahr 708 Aubert, der Bischof von Avranches, auf Befehl des Erzengels Michael zunächst ein erstes Heiligtum auf der Felseninsel. An der Abtei wurde dann jahrhundertelang immer wieder gebaut. Davon zeugt der Wechsel von romanischem, gotischen und spätgotischem Baustil. Die Turmfigur, die Vorbild für jene auf der Kathedrale in Kingsbridge sein soll, stammt in der Form, an die sich Follett anlehnt, allerdings erst aus dem 19. Jahrhundert. „Historismus“ nennt man jene Epoche auf dem Kontinent, in England spricht man vom viktorianischen Zeitalter.

Mit dem Baumeister Merthin würde sich Follett am ehesten von allen Romanfiguren vergleichen: „Er hat ein Talent, ein Händchen fürs Geldverdienen, ist ziemlich romantisch – ein bisschen wie ich.“ Natürlich habe er nicht Merthins architektonische Vorstellungskraft, könne nicht schnitzen wie er. „Ich kann überhaupt nichts mit meinen Händen machen, total hoffnungslos. Aber nichtsdestotrotz ähneln wir uns ein bisschen“. Und während er das sagt, lächelt Follett wieder so charmant, dass man ihm eigentlich jede Unzulänglichkeit absprechen möchte.

Es ist eine harte Zeit, das Mittelalter. Nicht nur die Pest wütete, Frankreich und England fochten den Hundertjährigen Krieg aus, Englands Herrscher erhoben Anspruch auf den französischen Thron. Im Gedächtnis blieb dieser Krieg vor allem durch die französische Nationalheldin Jeanne d'Arc, die 1429 in der zweiten Hälfte des Krieges gegen die Engländer kämpfte. Eine starke Frau; wie gemacht für Follett. Doch für seinen Roman hat sie zu spät gelebt, um als Superwoman in Ritterrüstung auftreten zu können.

Follett erzählt stattdessen von der berühmten Schlacht von Crécy, die am 26. August 1346 stattfand, also noch zu Beginn des Krieges. Merthins Bruder Ralph, Fiesling und Frauenschänder, kämpft in der Schlacht gegen die Franzosen – für König Edward III. und dessen 16-jährigen Sohn Edward of Woodstock, der als Prince of Wales Thronfolger und Vorgänger von Prince Charles ist, dem gegenwärtigen 21. Prince of Wales. Etwa 10 000 Engländer standen einer vierfachen Übermacht gegenüber. Die englischen Bogenschützen konnten bis zu zwölf Pfeile pro Minute verschießen – im Gegensatz zu den mit Armbrüsten bewaffneten Franzosen, die zum Nachladen erheblich länger brauchten. Im Pfeilhagel fielen die Pferde der französischen Ritter, „die Schreie gepeinigter Tiere gellten durch die Luft“, heißt es bei Follett. Es war nicht schwer für die englischen Fußtruppen, ihre in schwerer Rüstung hilflos am Boden liegenden Opfer zu erstechen. Richard Wynkeley, Geistlicher im englischen Heer, notierte nach der Schlacht: „Die Blume des gesamten Rittertums von Frankreich ist getötet worden.“

Für die Schlacht von Crécy, die er sehr realistisch beschreibt, hat sich Follett von der Historikerin Marilyn Livingstone beraten lassen – eine Mittelalter-Spezialistin, die über die englische Invasion im Frankreich des Jahres 1346 geschrieben hat. Folletts Fachmann für die Pest im Spätmittelalter war Sam Cohn von der University of Glasgow. Cohn vertritt die umstrittene These, dass Ratten und Rattenflöhe nicht schuld seien als Überträger der Pest. Es habe im 14. Jahrhundert nämlich kaum Hausratten in England gegeben. Bei Follett kommen deshalb auch keine vor – dafür aber „der Gestank von verschwitzten Leibern, Erbrochenem und Blut“ in Caris' Hospital. Die Pest überträgt sich bei ihm allein durch Kontakte zwischen Menschen.

Tatsächlich habe es im 14. Jahrhundert bereits jede Menge Hausratten in England gegeben, glaubt Erik Schmolz, Zoologe und Schädlingsexperte des Umweltbundesamtes. Die Ratten seien auf Schiffen aus dem zentralasiatischen Raum gekommen. „Wir modernen Menschen können uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie viele Ratten es früher gab – sie konnten mit den damaligen Methoden ja auch kaum bekämpft werden." Mit den Warentransporten verbreiteten sich die Nager über ganz Europa und fanden in Scheunen reichlich Nahrung. Man könne sie also durchaus als erste Welle der Globalisierung bezeichnen.

Die Pest hat Follett als Motiv seines Romans ausgesucht, weil er sie so „ungeheuer dramatisch“ findet. Außerdem sieht er im Kampf gegen die Seuche so etwas wie eine Zeitenwende heraufdämmern, für ihn stellen die Pesttraktate des Mittelalters den Beginn der modernen Medizin dar. Experten sehen das anders, die setzen den Beginn der modernen Medizin in der frühen Neuzeit an, etwa mit William Harvey, der 1628 den Blutkreislauf korrekt beschrieb.

Es ist eher der moderne Blick, mit dem Follett das 14. Jahrhundert betrachtet. Von mittelalterlichen Autoren hat er sich nicht beeinflussen lassen – für ihn seien das alles keine Romane, sondern Lyrik. Nun, selbst wenn mittelalterliche Romane wie der „Parzival“ in der damals üblichen Versform verfasst wurden, um Gedichte handelt es sich gewiss nicht. Follett ficht das nicht an, denn er weiß, wie man heute Geschichten erzählt. 1120 Seiten hindurch begleitet der Leser seine Helden und will unbedingt erfahren, was ihnen als nächstes widerfährt.

Warum aber muss das vor 650 Jahren geschehen, warum ist das Mittelalter so erfolgreich, verkaufen sich auch die Romane anderer Autoren wie Iny Lorentz oder Rebecca Gablé glänzend? Vielleicht aus den gleichen Gründen, aus denen sich die Engländer in viktorianischer Zeit Ritterburgen bauten: weil sie sich gern einmal fortstahlen aus einer Zeit, in der gerade die Industrieschornsteine richtig zu qualmen anfingen und ritterliche Tugenden nicht wirklich gefragt waren? Das Leben der Menschen im Mittelalter war anders, sagt Follett,„aber sie wurden von denselben Leidenschaften wie wir getrieben". Es sei faszinierend, sich selbst unter diesen Umständen vorzustellen.

Ken Follett ist nach fast 20 Jahren in sein Kingsbridge zurückgekehrt, weil seine Leser das wünschten. Und „Die Tore der Welt" sind ein typischer Follett geworden. Hier wird eine Story erzählt, die den Leser aus seinem Alltag führt. Dass die Reise in eine schöne Kulisse führt, in der reichlich geliebt und gelitten wird, ohne dass einen der „allgegenwärtige Gestank“ der realen mittelalterlichen Welt allzu sehr einhüllt, werden die meisten verschmerzen können.

„Die Säulen der Erde“, Folletts erster Mittelalterroman, wurde übrigens damals von der „New York Times“ in der Luft zerrissen. Das hat ihm weder geschadet, noch macht es dem Autor heute noch sonderlich viel aus. Warum auch, demnächst, so erzählt er nicht ohne Stolz, während draußen über dem Meer langsam eine rosenrote Sonne untergeht, werde er die Ehrendoktorwürde für Literatur der University of Exeter erhalten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben