Zeitung Heute : Aus dem Reich der Fabel

Wissenschaftler suchen nach Therapien für Krankheiten wie Parkinson – ihre Experimente sind umstritten

Nicola Siegm -Schultze

Göttinger Forscher haben menschliche Nervenzellen in das Gehirn von Affen gespritzt. Könnten am Ende solcher wissenschaftlichen Forschungen womöglich Mischwesen aus Mensch und Tier entstehen?

Als der französische Chirurg Alexis Carrel 1905 schwarze Hunde fotografieren ließ, denen er die Vorderläufe weißer Artgenossen angenäht hatte, löste er Besorgnis aus: War die Medizin so weit, dass sich Körperteile verschiedener Individuen beliebig verpflanzen ließen? Wurden Mischwesen denkbar? Die Biologie setzt solchen Ängsten Grenzen. Die Hunde überlebten nur kurzzeitig, die Pfoten wurden bald abgestoßen.

Erst in den 50er Jahren gelang es mit Hilfe von Medikamenten und Bestrahlung, die immunologische Barriere zwischen verschiedenen Individuen zu überwinden und damit Transplantationen zu ermöglichen. Jetzt lebt die Angst vor Chimären wieder auf, da Forscher vom Primatenzentrum in Göttingen Nervenzellen, die sie aus embryonalen Stammzellen gewannen, Affen ins Hirn pflanzten. „Von einer Chimäre kann man aber nur sprechen, wenn aus der Verschmelzung von Erbgut zweier verschiedener Arten ein neues Individuum entsteht“, sagt Marion Kiechle von der TU München, Mitglied der zentralen Ethikkommission für Stammzellforschung beim Robert-Koch-Institut in Berlin. Davon aber könne bei diesen Versuchen keine Rede sein.

1984 hatten Forscher das Erbgut von Schaf und Ziege verschmolzen und die „Schiege“ kreiert. „Eine solche Erbgutverschmelzung erfolgt bei der Injektion von Stammzellen jedoch nicht“, so Kiechle. Erhalte also ein Tier oder ein Mensch Stammzellen eines anderen Artgenossen oder – wie bei der so genannten Xenotransplantation – von einer anderen Art, sei dieses Tier oder dieser Mensch nicht mehr Chimäre als jeder Patient, dem das Organ eines anderen Menschen transplantiert wurde. Deshalb, so Kiechle, gelten rechtlich für Therapieansätze mit Stammzellen keine anderen Regelungen und Kriterien bei der Bewilligung durch Ethikkommissionen, als für die bisherigen klinischen Studien oder Heilversuche mit Stammzellen. Dass menschliche Nervenzellen für die Forschung in die Gehirne von Mäusen, Ratten oder Affen injiziert würden, sei im übrigen nicht neu. Das Motiv ist es, mit den Tierexperimenten zu testen, inwieweit sich Stammzellen in gewünschtes Gewebe verwandeln können, um zum Beispiel Alzheimerkranke zu heilen.

Die gezielte „Züchtung“ von Mischwesen aus Mensch und Tier aber sei nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Als in den 90er Jahren Versuche aus Schweden und den USA bekannt wurden, in denen Parkinsonkranken Zellen aus den Gehirnen abgetriebener menschlicher Embryonen ins Gehirn verpflanzt wurden, sah sich die Zentrale Ethikkommission bei der Bundesärztekammer dennoch zu einer Stellungnahme veranlasst. Sie empfahl ein Moratorium, bis die Grundlagenforschung mehr Erkenntnisse über die Folgen liefern könne: „Eingriffe am Zentralnervensystem des Menschen bedürfen einer besonderen Rechtfertigung, da hierbei immer auch eine direkte Wirkung auf die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen möglich ist“.

Für Eingriffe am Gehirn sehen Philosophen denn auch Diskussionsbedarf. Transplantationen von Zellen in die Bewegungssteuerung zum Beispiel „sind sicher anders zu beurteilen als in Bereiche, in denen das Gedächtnis lokalisiert ist“, sagt der Bonner Philosoph Professor Ludger Honnefelder. Sein Düsseldorfer Kollege Dieter Birnbacher geht da weiter. Selbst wenn durch fremde Zellen Persönlichkeitsmerkmale mitverpflanzt würden, könne man kaum von einer neuen Persönlichkeit sprechen: „Es ist wie bei einem farbigen Gegenstand, den wir bei unterschiedlicher Beleuchtung betrachten: Der Farbton ändert sich, aber nicht die Farbe.“

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