Zeitung Heute : Aus dem Rennen

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14 Formel1-Fahrer konnten beim Rennen in Indianapolis nicht starten. Was ist passiert, dass der Reifenhersteller Michelin mit den falschen und damit gefährlichen Reifen beim Grand Prix am Sonntag aufwartete?

Beim Reifenverschleiß erwartete Pierre Dupasquier, der Motorsport-Direktor von Michelin, keine Probleme. „Die überhöhte Kurve stellt trotz der Last und den hohen Geschwindigkeiten bei weitem nicht so hohe Anforderungen an die Reifen, wie viele vielleicht glauben“, erklärte der Franzose im Vorfeld des Formel-1- Grand-Prix’ in Indianapolis. Auch die sieben Teams, die mit den französischen Pneus fuhren, fühlten sich offensichtlich auf der sicheren Seite. „Die Reifen für den Grand Prix in den USA wurden zwei Wochen zuvor in Europa ausgewählt, nachdem wir im Rahmen unseres Testprogramms mit Michelin an der Mischung gearbeitet haben“, sagt Sam Michael, Technischer Direktor bei BMW-Williams.

Dupasquier und Michael hatten sich beide geirrt. Sie trafen ihre Entscheidung, ohne zu kalkulieren, dass auf dem Indianapolis Motor Speedway das 500-Meilen-Rennen ausgetragen wurde. Extra dafür hatten die Veranstalter den Pistenbelag angeraut und mit Rillen versehen, weil sich die Fahrer dieser Rennszene über den rutschigen Belag beschwert hatten. Reifenhersteller Firestone, der die Rennwagen in den USA ausrüstet, entwickelte für diese Bedingungen einen besonderen Reifen. Von diesen Erfahrungen profitierte nur Bridgestone in der Formel 1, das mit Firestone in den USA verbunden ist. Premiumkunde Ferrari war damit bestens gewappnet. Die ohnehin rundere Grundkonstruktion der Bridgestone-Reifen widerstand der Fliehkraft, dem Druck und dem erhöhtem Abrieb. Die breiter aufliegenden von Michelin dagegen, die „kantiger“ sind und in Steilkurven eher verschleißen, nicht. Es erwies sich, dass es ein wesentlicher Unterschied ist, ob Reifenhersteller auf theoretische Erkenntnisse bauen, oder auf praktische Erfahrungen.

Nicht neu war dagegen, dass in der Hochgeschwindigkeitspassage durch die überhöhte Kurve sowie in der Bremszone am Ende der Start-Ziel-Geraden eine eher steife Reifenkonstruktion für höhere Geschwindigkeiten und Richtungsstabilität vonnöten war, im Infield mit vielen Kurven jedoch weiche Mischungen. Die perfekte Abstimmung zwischen den beiden Komponenten hat Michelin seinen Teams für Indianapolis nicht zur Verfügung gestellt. Nach dem schweren Unfall von Ralf Schumacher im Toyota, der nach einem Druckverlust im linken Hinterreifen mit dem BMW-Williams in der Steilkurve mit 310 Stundenkilometern in die Mauer gekracht war, hatte Michelin die Teams angewiesen, aus Sicherheitsgründen von einem Start abzusehen. Der Fehler lag damit zweifelsfrei bei Michelin. Die in Indianapolis verwendeten Reifen seien „sehr gut, aber nicht an die besonderen Bedingungen angepasst gewesen“, gestand schließlich Dupasquier.

Als dann bei Michelin die Computer heiß liefen in der Nacht vor dem Großen Preis der USA in den Forschungseinrichtungen in Greenville im US-Bundesstaat South Carolina und in Clermont-Ferrand in Frankreich umfangreiche Testprogramme durchgeführt wurden, war es zu spät. Die eine Qualifikationsrunde am Sonnabend hatten die Reifen gehalten. Im Rennen über mehr als 300 Kilometer aber wären einige Teams in Gefahr geraten. Die Notlösung für Indianapolis wäre eine Temporeduzierung in der Steilkurve durch eine Schikane gewesen. Der Motorsport-Weltverband Fia und Ferrari lehnten das aber ab. Zum Ärger von Michelin, wo man den Imageschaden nun zu spüren bekommt. Die Aktien des französischen Reifenherstellers verloren am Montag mehr als zwei Prozent an Wert.

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