Zeitung Heute : Aus dem Schatten

Urban Media GmbH

Von Barbara Nolte

Keiner hat ihn kommen sehen. Er ist schon da. Sitzt wie ein Berg auf dem beigen Designersofa in Zimmer 521 im Dorint-Hotel am Gendarmenmarkt. Blauer Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Sein Mantel hängt an der Garderobe. Nicht, dass die anderen zu spät sind. Er war zu früh. Wie die Mutter immer zu früh war.

Peter Kohl steht auf, füllt den Raum, denn das Zimmer ist klein. Er streckt einem die Hand zur Begrüßung entgegen. Sein Hä ndedruck ist flüchtig. Wie der des Vaters. Er sieht beiden Eltern ähnlich, eigentlich sieht er aus wie eine Montage aus beiden. Die Statur, die Stirnglatze vom Vater, das breite Gesicht und die Stupsnase von der Mutter. „Ist sein erstes Interview“, hatte die Agentin vor dem Termin geraunt. Also: harmlos einsteigen. Erkennt man Sie denn hier in Berlin auf der Straße? Kohl setzt ein schmales, sehr freundliches Lächeln auf. Schon wieder: original Hannelore Kohl. Das sei für ihn nicht wichtig, antwortet er mit Pfälzer Akzent. Und wenn, sei es auch in Ordnung. „Die Reaktionen sind ja fast immer positiv.“

Vor zwei Stunden ist er aus London eingeflogen, wo er wohnt. Offenbar. Peter Kohl ist ja so etwas wie ein Phantom. Man weiß nur wenig über ihn. Der „Spiegel“ hat mal geschrieben, er besitze ein Büro für Investitionsberatung. „Kohl und Ruhland Limited". Er habe auch die alten Freunde des Vaters beraten. Von Pierer, Eichinger, Kirch. Eine Frau hat er, die Türkin Elif. Vergangenes Jahr haben die beiden in einem alten Istanbuler Sultanspalast geheiratet. Mit 500 Gästen, Hannelore Kohl fehlte schwerkrank. Schon sind die Informationen über ihn erschöpft. Der Stapel Archivmaterial ist dünn wie ein Schulheft. Dafür hat vor allem seine Mutter gesorgt. Da gibt es die Geschichte von einem Ball in den 80ern. Hannelore Kohl sollte die Gewinner einer Lotterie ziehen, und der Confé rencier fragte: „Was machen die Söhne?“ Eine bloße Floskel, nichts weiter. Da soll sie gezischt haben: „Ich verlasse sofort die Bühne, wenn Sie noch mal meine Söhne erwähnen.“ Hannelore Kohl ist nun schon seit einem halben Jahr tot, und Peter Kohl hat sich entschlossen, heute aus seiner jahrzehntelang gehüteten Anonymität aufzutauchen, um, ja, ausgerechnet, über die Mutter zu sprechen.

Höchste Vorsicht

Er hat ein Buch über sie geschrieben, zusammen mit der Journalistin Dona Kujacinski. „Hannelore Kohl, ihr Leben.“ Es erscheint am Dienstag. In der „Bunten“ gibt es seit ein paar Wochen Auszüge als Vorabdruck. Seitdem ist klar: Enthü llungen nicht zu erwarten. Hannelore Kohls Abschiedsbrief an ihren Mann ist darin abgedruckt: „Ein langes Siechtum in Dunkelheit will ich mir und Dir ersparen. Ich danke Dir für ein Leben mit Dir und an Deiner Seite.“ Aber der stand ja schon im Juli in der „Welt am Sonntag“. Am Morgen vor dem Interviewtermin haben fünf Journalisten schließlich die kompletten Fahnen zu lesen bekommen. Die Situation erinnerte an eine Schulklausur: Die Journalisten saßen in einem Raum ohne Fenster, ein paar Stockwerke tiefer im Dorint, und hetzten durch 350 Seiten. Nach vier Stunden mussten sie abgeben. Ihnen gegenüber saß eine Mitarbeiterin des Droemer-Verlags, die aufpasste, dass keiner ein paar Blätter in seinen Taschen verschwinden ließ.

Wahrscheinlich liegt die große Vorsicht an der Brisanz, die das Buch hat, obwohl es von Hannelore Kohl, von ihrer Ehe mit Helmut Kohl ein durch und durch positives Bild zeichnet. Journalisten sind ja geübte Zwischen-den-Zeilen-Leser. Im Skizzenblock der Journalistin auf dem Stuhl nebenan steht schon: Frau Kohl will kein gläserner Mensch sein. Ein Satz aus dem Buch. Daneben ist gekritzelt: Warum dann ihr ganzes Leben ausbreiten? Kein Zweifel, wer die Frage heute Mittag beantworten muss: Peter Kohl. Die Skepsis, ob die Lichtallergie, an der Hannelore Kohl erkrankt gewesen sein soll, nicht eine verbrämte Depression war; die Interpretationen des Selbstmords als finales Aufkü ndigen lebenslanger Loyalität, als ein schlussendliches Sitzenlassen ihres Mannes mit allen hässlichen Vermutungen – das alles gibt es immer noch. Peter Kohl wird wissen, dass er mit dem Buch, mit den Interviews, die er heute ja zum ersten Mal gibt, die Spekulationen um den Tod der Mutter noch mal neu anheizen wird.

Er wirkt ein bisschen unsicher. Aufrecht sitzt er auf dem Sofa, die Füße unterm Sitz verstaut. Genauso saß sein Vater erst vor kurzem bei „ Kerner“ da. Aber er wirkt freundlicher als der Vater. Und deftig, das auch. Dass er sich sehr gefreut hat, als die Mutter früher einmal beim Besuch in seinem Bostoner Studentenzimmer mit einem ganzen Koffer voller Würste vorbeikam, wie es im Buch steht, kann man sich ganz gut vorstellen. „Ich habe lange mit meinem Vater und meinem Bruder diskutiert, ob wir das Buch machen sollen“, sagt er. Das „Andenken der Mutter“ habe er wahren wollen. Ihr Bild in der Ö ffentlichkeit ist ja nie vollständig gewesen.

Wer wusste schon, dass Hannelore Kohl mit den Kindern auf eigene Faust durch Mexiko gereist ist? Ohne Mann und Reisegruppe. „Man hätte meine Mutter überall mit dem Fallschirm absetzen können, sie hätte nirgendwo Probleme gehabt“, sagt Peter Kohl. Wer hätte sich vorstellen können, dass sie die Waldorfschule für den besten Schultyp hielt? Deshalb hat sie ihn, Peter, ihren Jüngsten, auch dorthin geschickt. Wovon man ihm übrigens überhaupt nichts mehr anmerkt. Er wirkt sehr rational, wie ein Naturwissenschaftler, und da, sagt er selbst, liege auch seine Begabung. „Irgendwann habe ich als Kind bemerkt, dass der Beruf meines Vaters, statistisch gesehen, ein ziemlich großer Zufall ist“, so redet er zum Beispiel. Sperrig und abstrakt. Aber das ist sicher auch ein bisschen Strategie. Peter Kohl wird wissen, dass die Journalisten jede Formulierung von ihm analysieren. Sie werden ihn zu benutzen versuchen wie ein trojanisches Pferd, um ins Innere der Familie Kohl einzudringen.

Selbst eine harmlose Frage wie „Warum sind Sie denn nicht in die Politik gegangen?“ hat im Fall Kohl eine zweite Ebene. Eine unvorsichtige Antwort könnte schnell als Kritik am Vater ausgelegt werden. Also sagt Peter Kohl nur: „Meine Interessen liegen in anderen Bereichen.“ Nein, Helmut Kohl sei ein ganz normaler Vater gewesen und nicht die alles erdrü ckende Figur, als die er in der Politik immer beschrieben wird. „Wir haben zu Hause immer offen und zum Teil sehr kontrovers über alles diskutiert.“ Sie hatten entlang der Grundstücksgrenze eine dicke Mauer gezogen, um die Familie vor Anschlägen zu schützen. Und dahinter wohnten sie, in einem normalen, gemütlichen Bungalow mit rustikalem Bauernstüberl. „Normal“ ist ein Wort, das Peter Kohl häufig verwendet. Sie aßen normales, einfaches Essen: Schinkennudeln oder Spiegeleier. Und dass die Mutter Hausfrau gewesen ist, ordnungsliebend aus pragmatischen Gründen, eine, die Tischdecken sorgfältig in den Schrank faltete, weil alles andere nur mehr Arbeit machte, das war in den 70er Jahren in der Pfalz doch auch nur normal.

Und wenn es für Peter Kohl nicht normal, wenn es mal belastend war, der Sohn von Helmut Kohl zu sein, dann lag es an den anderen: an Mitschülern, Nachbarn, Freunden. Manche hätten ihn einfach in Sippenhaft genommen, für die Politik des Vaters verantwortlich gemacht, obwohl er ja noch ein Kind war. Und Peter Kohl hat sich auch in Sippenhaft nehmen lassen. Wenn sich jemand wegen des Vaters über ihn lustig machte, war er nie wütend auf den Vater oder auf dessen Job, was sicher ungerecht gewesen wäre, aber Kinder sind ja oft ungerecht. „Warum soll ich meinem Vater für seinen Job einen Vorwurf machen? Man kann auf das Erreichte stolz sein.“ Er hat die Kritik einfach ausgehalten.

Aussitzen hat man das beim Vater immer genannt. Peter Kohl nennt es „Lernprozess". Nur so viel noch: „Man muss eine gewisse Robustheit entwickeln." Ein guter Bekannter der Familie beschreibt Peter Kohl als selbstbewusst und sympathisch, das heißt, eigentlich spricht er von beiden Söhnen. Was vielleicht typisch ist für den Erziehungsstil der Kohls, bei denen ja Normalität so viel zählte, dass der Bekannte Peter und Walter automatisch im Doppelpack charakterisiert. Als wandernde, Standard-Tänze-tanzende, Joints-verachtende Söhne. „Nie“, sagt der Mann, „hätten die Söhne etwas gemacht, das der Familie geschadet hätte.“

Alles für die Familie

Peter Kohl steht auf und streckt die Hand aus. Der nächste Journalist steht in der Tür. Noch heute, mit 36 Jahren, macht er immer noch nichts, was der Familie schaden würde. So viel kann man nach einer Stunde Gespräch sagen. Keine Kritik an den Eltern, an keiner einzigen Stelle. Nicht mal ein kleines ironisches Schmunzeln über ihren Urlaubsort. Mit dem Buch, mit dem er ja das Andenken der Mutter wahren will, wahrt er das der Familie gleich mit. Deshalb ist ihm wohl auch so besonders wichtig, die Krankheit seiner Mutter auf eine „medizinisch fundierte Basis“ zu stellen, wie er sagt. Er hat einen Professor zugezogen. Berge von Krankenakten hat er bei ihm vorbeigeschleppt. Offenbar sucht Peter Kohl nach einem wissenschaftlichen Beweis für die Erkrankung der Mutter. Doch der Professor findet kaum mehr als einen Namen für die Krankheit: Lichtdermatose. Und dass sie unerforscht sei.

Peter Kohl läuft im Zimmer hin und her, er vertritt sich die Füße. Drei Schritte hin, drei Schritte zurück. Schon steht er wieder vor einer Wand. Das Dorint-Hotel war mal ein einfacher Plattenbau. Da stand Honecker Maß, nicht Kohl. Er ist bisschen lockerer geworden. Das erste Interview hat er hinter sich gebracht.

Und er war überzeugend. Als Peter Kohl mit seinen umständlichen Worten von seiner Familie erzählte, war zu spüren: Er hat das wirklich so empfunden. Und Hannelore Kohl vielleicht auch. Warum soll ihr Selbstmord nicht ein letzter Akt der Loyalität gegenüber ihrem Mann sein, dem sie ihr „Siechtum“ ersparen wollte, wie sie im Abschiedsbrief schrieb? Warum sollte mehr dahinterstecken? Vielleicht gibt es hinter den dicken Mauern der Marbacher Straße in Oggersheim einfach kein Geheimnis.

Jürgen Leinemann rezensiert das Buch von Peter Kohl in unserer Montagsausgabe.

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