Zeitung Heute : Aus dem Sumpf heraus

Christoph Link[Nairobi]

Der Ölpreis ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Wie kommt es, dass zur Begründung jetzt auch auf die Lage in Nigeria verwiesen wird?

Zurzeit ist der nigerianische Kriegsherr Dokubo Asari auf der Flucht. An ruhigeren Tagen ließen er und seine Männer sich schon mal fotografieren irgendwo auf einem trockenen Eiland inmitten der Mangrovensümpfe des Nigerdeltas: Da sah man Asari in ein Boot steigen oder seine Kämpfer mit Klebeband umwickelte Gewehre in die Höhe recken. Den Eindruck einer straff organisierten Miliz mit angeblich 2000 Kämpfern machte das nicht. „Asari ist ein Witzbold. Er hat gar nicht die Kapazitäten, Ölanlagen zu zerstören“, wiegelt denn auch Emmanuel Okah, der Sprecher des Gouverneurs des nigerianischen Bundesstaats Rivers ab. Aber der „Witzbold“ hat die Kraft, die Ölmetropole Port Harcourt mit ihren 400000 Einwohnern derart zu bedrohen, dass die nigerianische Armee sie besetzen und eine Ausgangssperre verhängen musste.

Und der „Witzbold“, der von den Behörden als gemeiner Öldieb bezeichnet wird, der die Pipelines im Delta anzapfen lässt, der „Witzbold“, der sich selbst als Revoluzzer und Anführer der „Freiwilligen Volksarmee des Nigerdeltas“ sieht, der hat mit seinen Drohungen gegen ausländische Ölarbeiter jetzt den Weltmarktpreis für Öl in bisher ungekannte Höhen getrieben. Nigeria fördert täglich 2,3 Millionen Barrel Öl und ist damit der fünftgrößte Opec-Produzent und der siebtgrößte Ölexporteur überhaupt. Asaris Forderungen, die deshalb in aller Welt mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen werden, lauten: Alle Ölkonzerne sollen ihre Produktion in dem westafrikanischen Land vom 1. Oktober an einstellen, die ausländischen Arbeiter sollen abziehen. Andernfalls werde man ihnen den „totalen Krieg“ erklären.

Worum geht es Asari mit alldem? Um die Kontrolle über das Öl und die Selbstbestimmung der Deltabewohner.

Schon bisher findet die in den 60er Jahren aufgenommene Ölförderung im Nigerdelta unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt, Ölarbeiter werden auf die Plattformen nur mit dem Helikopter gebracht, dennoch kommt es jedes Jahr mehrfach zur Entführung von Ölarbeitern durch Einheimische, die Jobs oder Geld erpressen wollen. Die Sicherheitslage wird in einer Studie von Shell mit der in Tschetschenien oder Kolumbien auf eine Stufe gestellt. Allerlei gewöhnt, lässt Asaris jüngste verbale Drohung die Konzerne in offiziellen Verlautbarungen gleichwohl eher kalt. „Wir glauben, dass die nigerianischen Sicherheitskräfte fähig sind, die Ölanlagen und die Arbeiter zu beschützen“, sagte Don Boham, ein Sprecher von Shell Nigeria. Zwar hat Shell zwei Ölanlagen evakuiert und 250 Arbeiter abgezogen. Aber die Produktion läuft normal weiter. Seite 17

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