Zeitung Heute : Aus dem Weg

Besserung ist in Sicht – doch noch liegen 100 Millionen Minen in 70 Ländern

Christoph Link[Nairobi]

Fünf Jahre nach Verabschiedung der Konvention zur Ächtung von Landminen zieht eine UN-Konferenz Bilanz. Warum bleiben Minen nach wie vor eine so große Gefahr?

Es ist ein Reflex der Solidarität. Explodiert eine Mine in den Mangohainen der Casamance im Süden des Senegal, eilen die Bauern zur Unglücksstelle, um dem Opfer zu helfen. Doch für viele wird der Rettungsversuch zur lebensgefährlichen Falle, eine zweite oder dritte Mine explodiert. Der Senegal, wo im Süden ein Bürgerkrieg mit der separatistischen Rebellengruppe MFDC tobte, ist einer von 23 afrikanischen Staaten mit einem ernsthaften Landminenproblem. Doch der Staat drückt sich. Hilfsorganisationen müssen die Kosten für Prothesen tragen. Und mit der Verkrüppelung kommt der soziale Abstieg: Elizabeth Nassalan zum Beispiel verlor durch eine Mine beide Beine, ihr Ehemann trennte sich von ihr und ließ sie mit acht Kindern sitzen.

Das Fehlen einer Nachsorge für Minenopfer in Afrika korrespondiert mit einem Rückgang der Hilfsgelder. Aus Staaten wie Ruanda, wo zehn Jahre nach dem Genozid noch ganze Teeplantagen wegen Minengefahr gesperrt sind, kommen Klagen über Lücken in der Finanzierung der Minenräumung. In der Tat geht der jüngst vorgestellte Minenbericht „Landmine Monitor 2004“ davon aus, „dass eine ungewöhnlich große Zahl von Ländern“ im Vorjahr einen Rückgang bei der Hilfe westlicher Geberstaaten für ihre Anti-Minen-Programme erfahren musste.

Zahlreiche Probleme sind noch aus dem Weg zu schaffen. Doch die negative Tendenz bei der Finanzhilfe geht einher mit einer durchaus ermutigenden Entwicklung. Die Zahl der Minenopfer sei leicht rückläufig, schätzt die Internationale Kampagne gegen Landminen (ICBL). Die Schätzungen gehen von jährlich 15000 bis 20000 Minenopfern aus, die Zahl der offiziell gemeldeten Fälle lag 2003 bei 8065 Toten und Verletzten – das sind gut drei Prozent weniger als im Vorjahr. Die Minengegner schreiben sich den Erfolg auf ihre Fahnen. 1999 trat auch auf ihr Betreiben hin die Ottawa-Konvention in Kraft, die den Einsatz, die Entwicklung, die Herstellung sowie den An- oder Verkauf von Anti-Personen-Minen verbietet.

Die ersten Landminen kamen im Ersten Weltkrieg zum Einsatz. Sie sollen den Gegner von einem Gebiet oder einer Straße fern halten, ihn töten oder verletzen. Heute gelten Landminen als gemeine Waffe gegen die Zivilbevölkerung, weil sie zufällig Fahrzeuge und wehrlose Passanten in die Luft jagen. Anti-Personen-Minen fanden erstmals im Zweiten Weltkrieg Verbreitung. Sie treffen unterschiedslos Soldaten, Rebellen, Bauern, Mütter, Kinder, Flüchtlinge und humanitäre Helfer. Auch Rebellen verlegten diese Bomben. Minen sind eine schwere Hypothek für ein Land. Sie töten noch viele Jahre nach Ende eines Konflikts. Bis zu 400000 Menschen weltweit müssen nach Minen-Unfällen als Krüppel leben. Eine Anti-Personen-Mine kostet nur ein paar Dollar, ihre Räumung durchschnittlich tausend Dollar. Mehr als 100 Millionen liegen noch in etwa 70 Ländern. An diesem Montag beginnt in Kenias Hauptstadt Nairobi ein fünftägiger UN-Gipfel für eine minenfreie Welt. 143 Staaten haben die Ottawa-Konvention ratifiziert. Bis zum Jahr 2009 haben sich die Vertragsstaaten verpflichtet, ihre Minenbestände zu vernichten und Minenfelder zu räumen. Die „Schwarzen Schafe“ sind Russland, Birma, Nepal und Georgien, die in jüngster Zeit noch als einzige Staaten Anti-Personen-Minen eingesetzt haben. Zudem behalten sich 42 Länder zumindest theoretisch den Mineneinsatz vor und haben den Ottawa-Vertrag nicht unterzeichnet. Darunter die USA, China, Russland, arabische und asiatische Länder und ehemalige Sowjetstaaten.

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