Zeitung Heute : Aus den Augen

Tatort Fußgängerzone: Die 14-Jährige schreit, als ein Betrunkener sie sexuell missbraucht – aber keiner der Passanten kommt zu Hilfe. Ist das nur ein grausamer Einzelfall oder der Beweis für die moralische Verrohung der Gesellschaft? Ein Erklärungsversuch.

Frank Jansen Hans Monath

HABEN DIE DEUTSCHEN GENUG ZIVILCOURAGE?

Von Frank Jansen

und Hans Monath

Die Empörung ist gewaltig. Am Himmelfahrtstag fällt ein Betrunkener in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Heide über eine 14-Jährige her. Das Mädchen wird mitten in der Fußgängerzone sexuell genötigt, ruft um Hilfe – doch kein Passant greift ein. Entrüstet und fassungslos fragen sich viele Bürger, ob dieses Land abdriftet in mentale Verwahrlosung, ob Brutalität und menschlicher Kälte keine Grenzen mehr gesetzt sind. „Es muss jedem Bürger Sorgen machen, dass die Kultur des Wegschauens immer weiter um sich greift“, sagt der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Und er mahnt: „Wir müssen den Menschen klar machen, dass sie sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn sie nicht mithelfen, die staatliche Ordnung aufrechtzuerhalten.“ Ist der Fall Heide demnach eine Art letzte Warnung vor dem Verlust ziviler Umgangsformen?

Dramatisieren hilft überhaupt nicht, meinte der Professor für Psychologie an der Universität Hildesheim, Werner Greve. Der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse: „Das Phänomen der unterlassenen Hilfeleistung ist relativ konstant.“ Schon vor 40 Jahren habe sich die sozialpsychologische Forschung dem Thema zugewandt. Nachdem sich in New York ein Verbrechen ereignet hatte, das den Schrecken von Heide noch übertrifft.

Kitty Genovese hieß die Frau, die 1964 im Central Park von einem jungen Mann vergewaltigt wurde. Nachweislich sahen aus den nahen Hochhäusern mindestens 38 Personen zu. Sie unternahmen nichts. Und der Angreifer verging sich nicht nur an der schreienden Kitty Genovese, er brachte sie auch um.

Dieser Schock animierte Psychologen weltweit, sich mit unterlassenen Hilfeleistung zu befassen. „Die Annahme ist meistens falsch, solche Leute hätten einfach eine unmoralische, gleichgültige Einstellung“, sagt Greve. Wahrscheinlich würde jeder Zuschauer eines Verbrechens vorher sagen, selbstverständlich müsse man helfen. Doch wenn die Situation plötzlich da sei, werde die Schwelle zu konkretem Handeln nicht überschritten.

Je größer die Zahl der Zuschauer sei, desto stärker sei auch die „Verantwortungsdiffusion“, sagt Greve. Jeder Passant hoffe, dass einer der vielen anderen eingreift. Eine weitere „innere Ausrede“ für die eigene Passivität sei die Annahme, die beobachtete Tat könne gar nicht so schlimm sein, weil die anderen Zuschauer auch nichts täten.

„Angst vor Blamage“

Greve spricht von „pluralistischer Ignoranz“. Als drittes Symptom nennt er die „Angst vor Blamage“. In der Regel fürchte ein Zuschauer, er sei dem Täter nicht gewachsen und müsse wegrennen. Greve verweist jedoch auch auf zeitgeistige Varianten der inneren Ausreden, vor allem auf das Vorsicht-Kamera-Phänomen. In ungewöhnlichen Situationen dächten viele, „um die Ecke steht ein Fernsehteam“.

Wie wäre es möglich, gegenzusteuern? Greve antwortet zunächst mit einer Warnung: „Plakate und Kampagnen wie der ,Aufstand der Anständigen’ nützen wenig.“ Es gehe nicht darum, abstrakt Hilfe für Opfer oder sogar allgemein Zivilcourage einzufordern. Nach Ansicht Greves müsste der Bevölkerung konkretes Verhalten eingeimpft werden. „Die Menschen müssen feste Vorsätze haben“, sagt der Psychologe und äußert eine einfache, aber seiner Meinung nach erfolgversprechende Idee: „Über eine Sendung wie ,Der 7. Sinn’ könnte aufgeklärt werden, was zu tun ist.“ Zum Beispiel, sofort per Handy die Notrufnummer 110 anzuwählen. Auf den Einwand, darauf hätten die Gaffer in Heide auch von allein kommen können, antwortet Greve mit einer Art Philosophie der permanenten Prävention. „Schon in der Schule müssen die Kinder üben, was sie konkret machen sollen, wenn jemand Hilfe schreit.“ Greve betont den Satz, als wollte er hinzufügen: Das Üben muss ständig wiederholt werden. Und die Erwachsenen? Neben einer neuen Version der populären Serie „Der 7. Sinn“ empfiehlt Greve, die Polizei sollte ein „Übungstelefon für Hilferufe“ einrichten. Beim Stichwort Polizei sagt der Psychologe auch, wovon er gar nichts hält: „Höhere Strafen sind sinnlos.“

Das scheint selbst Geis so zu sehen. Der CSU-Politiker, sonst immer für härtere Gesetze zu haben, fordert diesmal „Werbung und Aufklärung“, ohne konkret zu werden. Ausnahmsweise ist sich Geis jedoch sogar einig mit dem rechtspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Jerzy Montag. Dieser sagt, „der Untätigkeit kann man nicht mit höheren Strafen beikommen“. Die Schule müsste „unbedingt mehr machen und vermitteln, dass sich Einmischung lohnt“. Montag versucht, den Blick über das Verbrechen in Heide hinaus zu lenken. Er erwähnt vor allem die Übergriffe gegen Migranten in Bussen und S-Bahnen – ohne dass ein Fahrgast hilft. „So viel Zivilcourage und Mitgefühl mit anderen Menschen sollte jeder haben, dass er Bedrohten hilft“, sagt Montag. Konkreter wird aber auch er nicht. Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

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