Zeitung Heute : Aus den Zweifeln wächst auch Kraft

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Gratulationsreden waren bereits vorformuliert, das Protokoll auf die gewünschte Botschaft abgestimmt: Beim Gipfel zu ihrem 50.Geburtstag wollte sich die Allianz als "neue NATO" präsentieren - als Friedensbündnis, das durch die Aufnahme Polens, Tschechiens und Ungarns Stabilität exportiert und das Moskau, den Feind von einst, zum Partner gemacht hat.Doch der Krieg hat auch diese Planung zerstört.Unendlich fern und unangemessen wirken die Debatten des Winters um die Strategie für das 21.Jahrhundert samt der umstrittenen Option auf den Ersteinsatz von Atomwaffen.An ihrem Ehrentag steht die NATO nicht als Sieger der Geschichte da, sondern wird von Selbstzweifeln geplagt.Ihre Militärmaschinerie zerstört das Aufbauwerk zweier Nachkriegsgenerationen auf dem Balkan, während der Zweck, der dies rechtfertigen soll, sich auch nach vier langen Bomben-Wochen nicht einstellen will.

Wahr ist aber auch: Dieser Krieg zeigt die NATO auf dem Gipfel ihrer Macht.Die Allianz, die zur Verteidigung des Bündnisgebietes gegründet wurde, will nach dem Triumph im Kalten Krieg auch "out of area" ihre Werte durchsetzen.Wer wollte sich anmaßen, sie zu stoppen? Militärisch kann sie diesen Krieg nicht verlieren.Nur die 19 Demokratien selbst können sich daran hindern, Milosevic eine vernichtende Niederlage zu bereiten, das Kosovo zu besetzen, um den Vertriebenen die Rückkehr zu ermöglichen - ja: selbst bis Belgrad zu marschieren, um die Diktatur zu stürzen.Und doch ist der dafür erforderliche Einsatz von Bodentruppen umstritten.Dabei hat die Allianz das politische Risiko, das sie bisher am meisten fürchtete - wieviele Tote in den eigenen Reihen halten Demokratien aus? -, auf ein Minimum reduziert.Der Luftkrieg hat auf NATO-Seite keine Menschenleben gefordert; und wenn Bodentruppen erst eingesetzt würden, sobald Milosevics Truppen wegen der Zerstörungen nicht mehr auf Nachschub hoffen können, werden sie wohl kaum auf Widerstand stoßen.

Diese Sicherheit der eigenen Soldaten hat einen Preis, den andere bezahlen: Zeit.Zeit, in der Milosevic weitere Hunderttausende vertreiben, die Nachbarstaaten angreifen - oder neue Teufeleien aushecken kann, etwa den Gifttod unzähliger Menschen durch Sprengung einer Chemiefabrik, die er natürlich NATO-Bomben anlasten würde.Solche Katastrophen wären ein Debakel für die Allianz, die mit ihrer Intervention all das verhindern wollte.

Diesen Krieg können die Mitglieder der Allianz nur gegen sich selbst verlieren.Gegen ihre Selbstzweifel: Seit ihrem Eingreifen fühlen sie sich mitschuldig an Milosevics Schurkenstücken, als hätten erst sie ihn dazu getrieben, scheuen aber vor dem Kampfeinsatz von Bodentruppen zurück.Gegen ihre Ungeduld, mit der sie das Kriegsende herbeisehnen, manche selbst um den Preis eines faulen Kompromisses.Und gegen die Risse in ihren Reihen, siehe den Streit um Seeblockade, Bodentruppen oder Flüchtlingskontingente.Doch diese offenkundigen Schwächen einer Allianz von Demokratien sind zu einem Gutteil zugleich Basis ihrer Stärke.Wie wäre es denn um die Wertegemeinschaft, die sie sein will, bestellt, wenn sie leichtfertig über Leben oder Tod entschiede?

Die NATO wird am Kosovo-Konflikt nicht zerbrechen.Der Gipfel wird ihr dazu dienen, sich selbst Mut zuzusprechen - angetrieben von Politikern wie Tony Blair, die mit persönlicher Überzeugungskraft dafür werben, den schweren Weg zu Ende zu gehen.Die Zweifel und Schuldgefühle aber, die viele plagen, wird die Allianz in Washington mit einem Marshall-Plan zu betäuben versuchen: daß der Westen wiederaufbaut, was die NATO-Bomben zerstört haben.

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