Zeitung Heute : Aus der Deckung

General Wesley Clark könnte US-Präsidentschaftskandidat werden – oder kommt doch noch Hillary Clinton?

Malte Lehming[Washington]

Er will. Er ist heiß. Er brennt förmlich darauf, in den Ring zu steigen. Daran lässt Wesley Clark keinen Zweifel. Am Wochenende flog er aus seinem Heimatstaat Arkansas erst nach Los Angeles, wo Steven Spielberg zu seinen Ehren ein Festessen gab. Dann jettete der Viersternegeneral a.D. nach Tennessee weiter, wo er in kurzen Ärmeln vor 1000 Demokraten zum Rundumschlag gegen den Präsidenten ausholte. Sie dankten es ihm jubelnd. Derart hektisch ist das Leben des pensionierten Militärs seit Wochen. Zwischendurch tritt auf allen Fernsehkanälen auf, berät sich mit Wahlkampfstrategen, trifft Sponsoren. Benimmt sich so jemand, der bloß damit kokettiert, Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden zu wollen? Nein. Clark meint es ernst. Offen war nur noch die Frage, wann er sich erklärt.

Höchstwahrscheinlich in dieser Woche. Denn am gestrigen Montag war Stichtag. Bis zum 15. September mussten alle Kandidaten einen detaillierten Finanzbericht veröffentlichen. Darin müssen sie darlegen, wie viel Spendengelder sie gesammelt und wie hoch ihr Gesamtvermögen ist, das sie in die Wahlschlacht werfen können. Hätte Clark vor diesem Datum seine Kandidatur bekannt gegeben, wäre der Außenseiter unweigerlich an den Millionenbeständen seiner Rivalen gemessen worden. Nun hat er drei Monate lang Zeit, den pekuniären Rückstand aufzuholen. Familiäre Bedenken wurden ebenfalls zerstreut: Seine Ehefrau hatte anfangs starke Einwände gegen die Pläne ihres 58-jährigen Mannes. Jetzt unterstützt sie ihn.

Alles also ist perfekt: der Zeitpunkt, der Rückhalt, die Organisation. Schon vor Wochen wurden Plakate und Flugblätter gedruckt, Tausende von Freiwilligen stehen bereit. Unabhängig voneinander haben sich im Internet gleich zwei Gruppen gegründet (DraftWesleyClark.com und DraftClark2004.com), um mit ihren Kampagnen loszulegen, sobald der Startschuss ertönt. Die Hingabe seiner Fans ist beeindruckend. Ohne Auftrag ihres Idols opfern sie jede freie Minute. Sogar „Clark Watch Parties“ werden veranstaltet, wo Videos mit Fernsehauftritten des ruhigen, klugen Mannes zu sehen sind.

Eine Blindumfrage des unabhängigen Zogby-Instituts bestätigt den Clark-Enthusiasmus. Demnach würde der ehemalige Sicherheitsexperte von CNN als einziger Demokrat bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen George W. Bush schlagen. Allerdings sind Blindumfragen als Stimmungstests nur begrenzt tauglich. Die Frage lautete: „Wenn heute Präsidentschaftswahlen wären, für welchen der beiden folgenden Kandidaten stimmen Sie: Der Kandidat der Demokraten ist ein ehemaliger Viersternegeneral und Nato-Oberbefehlshaber während der Clinton-Administration. Er war Klassenbester an der Militärakademie West Point, ein Rhodes-Stipendiat, mehrfach ausgezeichneter Vietnam-Veteran und ist ein anerkannter Sicherheitsexperte. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der unsere Abhängigkeit vom Öl verringert hat. Er stammt aus dem Süden und vertritt gesellschaftspolitisch moderate Ansichten. Der Kandidat der Republikaner ist George W. Bush.“ Clark erhielt 49 Prozent, Bush 40 Prozent der Stimmen.

Was macht diesen Mann dermaßen attraktiv? Da ist zum einen der Kontrast. Mit Ausnahme des linkspopulistischen Howard Dean, dem derzeit die Sympathien der Bush-verachtenden demokratischen Basis zuströmen, sind die anderen acht Bewerber entweder zu blass, zu verstrickt oder zu radikal. John Kerry, Richard Gephardt, John Edwards und Joseph Lieberman haben sämtlich der Bush-Regierung für ihre Unternehmungen grünes Licht gegeben. Sie erteilten dem Präsidenten eine Blankovollmacht für seinen Krieg gegen den Irak, stimmten im Kongress für den Patriot Act. Das macht ihre Distanzierung von der Regierung heute unglaubwürdig.

Der liberale Dean wiederum, der Landarzt und ehemalige Gouverneur des Bundesstaats Vermont, trifft zwar den richtigen, weil deftigen Ton, gilt aber im direkten Vergleich zu Bush für eine Mehrheit der Amerikaner als unwählbar. Nur 35 Prozent der Demokraten bezeichnen sich selbst als liberal. Dean mobilisiert zwar die Energien dieser Gruppe mit bravourösem Geschick. Damit beherrscht er die öffentliche Plattform. Die Spendengelder fließen ihm zu. Dem Partei-Establishment und den Wahlstrategen allerdings ist darob höchst mulmig zumute. Je heller Deans Stern innerparteilich strahlt, meinen sie, desto düsterer werden die Aussichten der Demokraten insgesamt.

Die ideale Lösung für dieses Dilemma heißt Clark. Den Irak-Krieg hat der General, der den Kosovo-Krieg befehligte, von Anfang an für einen „großen strategischen Fehler“ gehalten. In konservativen Kreisen bezichtigte man ihn daher der Nestbeschmutzung. Doch alles, was Clark prognostizierte, trat ein: Der Irak war weit weniger gefährlich als behauptet, eine Verbindung zum Terrorismus gab es nicht, durch die Invasion wurde das Terrorismus-Problem eher verschärft. In seiner Kritik an Bush klingt Clark so radikal wie Dean, steht aber als Vietnam-Veteran, General und Südstaatler nicht im Verdacht, die Sicherheit des Landes zu gefährden.

Und sein Mangel an Erfahrung? Clark hat 34 Jahre lang in der Armee gedient, nie ein politisches Amt bekleidet, sich erst vor kurzem als Demokrat geoutet. Er selbst sieht darin kein Problem. Man könne nicht Oberbefehlshaber der Nato sein, sagt er, ohne dieselben Fähigkeiten zu benötigen wie ein Senator oder Gouverneur.

Bislang dümpelt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf vor sich hin. Zwei Drittel der Amerikaner können nicht einen einzigen der Bewerber namentlich nennen. Falls Clark in dieser Woche seine Kandidatur erklärt, dürfte sich das schlagartig ändern. Dann würde Bush, dessen Popularität stetig sinkt, zum ersten Mal ein ernsthafter Rivale gegenüberstehen. Bald darauf könnte sich die Spannung sogar noch steigern. Die Gerüchte reißen nicht ab, dass Ex-First-Lady Hillary Clinton doch schon früher als erst im Jahr 2008 ins Weiße Haus einziehen möchte. Sie selbst weist solche Ambitionen zwar entschieden zurück. Doch die Indizien häufen sich, dass die Senatorin sich zumindest ein paar Hintertürchen offen lässt.

Am vorvergangenen Sonntag feierten die Clintons in ihrer Villa in Chappaqua eine Party. Ehemann Bill ließ sich zu der Bemerkung hinreißen: Die Demokraten hätten zwei Stars, seine Frau und Wesley Clark. Später sagte er: „Es kann gut sein, dass noch ein oder zwei Kandidaten ins Rennen steigen werden.“ Während des Abendessens dann bedankte sich Hillary Clinton bei ihren Gästen – so prophylaktisch wie sibyllinisch – „für die Unterstützung meiner nächsten Kampagne, was auch immer diese sein mag“. Ein Duell Clark versus Bush könnte dramatisch werden. Ein Duell Clinton versus Bush freilich wäre dramaturgisch unschlagbar.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben