Zeitung Heute : Aus der Deckung

Bedroht und geehrt – der Nobelpreisträger Orhan Pamuk fühlt sich noch nicht ganz sicher. Nach Berlin ist er trotzdem gekommen

Gerrit Bartels

Es ist ein schönes Bild, das Orhan Pamuk und sein Übersetzer Recai Hallaç oben auf der Bühne abgeben. Sie agieren wie ein male couple der besonderen Art, ein wenig erinnern sie an Walter Matthau und Jack Lemmon. Orhan Pamuk, im schwarzen Cordanzug, Recai Hallaç im eher nachlässigen Outfit einer studentischen Hilfskraft – beide physiognomisch einander durchaus ähnlich – setzen sich ganz eng nebeneinander auf zwei klapprige Stühle. Und zwar so eng, so bewusst ungelenk die Nähe des anderen suchend, dass Orhan Pamuk sich bemüßigt fühlt, etwas wegzurücken und entschuldigend zu erklären: „Wir sind hier in Deutschland immer ständig zusammen.“

Beide lachen daraufhin und geben damit die Stimmung dieses Donnerstagabends im Berliner Ensemble vor, und auch die des nachfolgenden Tages, da der türkische Literaturnobelpreisträger die Ehrendoktorwürde der Berliner Freien Universität erhält: So gelöst, so entspannt hat man Orhan Pamuk die vergangenen zwei Jahre bei seinen Aufenthalten in Deutschland zumindest öffentlich nicht gesehen. Was sicher auch daran liegt, dass er sich bei dieser nachgeholten Lesereise auf seinem ureigenen Terrain, der Literatur, bewegen kann und er sich das wohl vorher auch ausbedungen hat. Genau diese Konzentration auf die Literatur, auf sein Buch „Istanbul“, sah Pamuk nicht gewährleistet, als er seine Lesereise Ende Januar nach dem Mord an seinem Freund, dem armenisch-türkischen Publizisten Hrant Dink, und den gleichzeitigen Drohungen gegen die eigene Person abgesagt hatte und in die USA gereist war. Im Zusammenspiel mit seiner deshalb instabilen psychischen Verfassung und den Ereignissen in der Türkei fühlte er sich nicht in der Lage, unweigerlich aufkommende, naheliegende Fragen zu seiner Person, seiner Sicherheit und der Türkei zu beantworten.

Das macht er natürlich auch an diesem Abend im BE im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott nicht. Dafür verrät er gut gelaunt zukünftige literarische Vorhaben. Er wisse, so Pamuk, dass man das als Schriftsteller eigentlich nicht machen solle und so was ins Auge gehen könne, für ihn sei das aber nur zusätzlicher Ansporn. Auf Mattenklotts Frage, ob man denn nach dem Erinnerungsbuch „Istanbul“, das mit dem Jahr 1973 endet und mit seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden, weitere autobiografische Bücher von ihm erwarten könne, erzählt Pamuk, dass gleich drei weitere folgen würden. Eines, das seine Entwicklung von 1974 bis 1992 behandele, bis zur Veröffentlichung seines Romans „Das schwarze Buch“. Es soll den Titel „Literatur“ tragen und wie „Istanbul“ ein Buch der Erinnerung genauso wie ein Buch des Nachdenkens sein, in diesem Fall über die Literatur und die Kunst des Romans. Dann eines über das „Glück“, zum Beispiel darüber, „in dieser Welt zu leben“, so Pamuk. Und schließlich eines mit dem Titel „Politik“, das direkt in die Gegenwart führen werde.

Ansonsten erklärt Orhan Pamuk ausführlichst das Zustandekommen von „Istanbul“, die kollektive Melancholie der Istanbuler, genannt Hüzun, aber auch, dass seine Beziehung zur Welt trotz seines erzwungenen Daseins als globalisierter Schriftsteller sich vor allem über Bücher herstelle, diese also eher „büchig“ sei, wie Hallaç das frei und launig übersetzt: „Wer viel reist, kommt nicht zum Bücherlesen“, sagt Pamuk.

Wer den Schriftsteller Pamuk nicht kennt, lernt ihn an diesem Abend besser kennen, auch wer „Istanbul“ nicht kennt, bekommt zahlreiche Einblicke. Wer das Buch wiederum schon gelesen hat, merkt allerdings, wie sehr es sich selbst erklärt. Pamuk jedenfalls ist zum Plaudern aufgelegt, über seine „poetische Realität“, und auch Gert Mattenklott kommt mit der thematischen Hermetik bestens klar und erklärt zum Abschluss, wie gut es sei, dass es noch einen anderen Ort als den des Politischen gebe, „eine Welt der Literatur“, in der man sich ach so frei und wie sonst nirgends bewegen könne.

Diese Feier des Literarischen, diese bewusste Grenzziehung verwundert etwas, schaut man sich die für eine handelsübliche Literaturveranstaltung dieser Art besonderen, den politischen Ereignissen geschuldeten Umstände an, unter denen sie stattfindet: Vor dem Theater steht den ganzen Abend ein Polizeiwagen mit einer dreiköpfigen Besatzung, und Pamuk wird auf Schritt und Tritt begleitet von einem stiernackigen Leibwächter. Dieser ist besonders wachen Auges und steht rechts hinter Pamuk, als es nach der Veranstaltung ans Büchersignieren geht.

Dabei scheint es kaum jemand aus dem vierhundertköpfigen Publikum zu geben, der sich kein Pamuk-Buch signieren lässt. Der Andrang ist groß, Pamuk muss die Schreibhand wehtun, und es ist erstaunlich, zu sehen, wie andächtig die Pamuk-Fans warten, wie sehr sie sich über Pamuks Autogramm freuen, darauf starren, vorsichtig drüberpusten und ihr signiertes Exemplar nicht gleich wieder zuschlagen und wie eine Kostbarkeit behandeln. Die Aura des Literaturnobelpreisträgers ist das. Diese hindert Pamuk dann aber keineswegs, sein Publikum einmal selbst zu fotografieren und ein Selbstporträt gleich mit zu knipsen: Ich, Orhan Pamuk, beim Büchersignieren in Berlin.

Anderntags, im Max-Kade-Auditorium des Henry-Ford-Baus in Dahlem, geht es, dem Anlass entsprechend, feierlicher zu. Pamuk erhält die Ehrendoktorwürde der FU. Und das nicht nur, weil er sich als Essayist und literaturhistorisch weitläufig gebildeter Dichter um die Literaturwissenschaft verdient gemacht hat, wie Laudator Gert Mattenklott darlegt, sondern auch wegen seines „Wissens jenseits der Wissenskulturen, die in Fakultäten, Fachbereichen und Instituten festgeschrieben sind“. Mattenklott nennt dieses Wissen „Lebenswissen“, mag es sich noch sehr aus den Bibliotheken der Welt speisen.

Hat man am Abend vorher den Literaturnobelpreisträger in Aktion erleben dürfen, und zwar als freimütigen Interpret des eigenen Dichterdaseins, so schlägt jetzt die Stunde der Laudatoren und Wissenschaftler, der Analysten des essayistisch-politischen und des literarischen Werkes von Pamuk und dessen Wechselwirkungen. Dabei ist es an Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, auf die aktuelle Situation der Türkei zu verweisen, die „gefährlichen Feinde“ Pamuks zu „unseren Feinden“ zu erklären und sich trotzdem für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei auszusprechen. Der Gießener Turkologe Mark Kirchner wiederum erläutert, warum Pamuk sich auch in diesen Tagen in Deutschland nicht vor den Karren tagespolitischer Interessen spannen lässt und die ihm zugeschriebene Rolle eines „Brückenbauers“ zwischen Islam und westlicher Welt explizit zurückweist: „Wenn sich Pamuk als Literat mit den Themen Orient und Okzident beschäftigt, dann baut er nicht so sehr Brücken, er dekonstruiert vielmehr immer wieder die aufgebauschte Dichotomie dieser Ideen“.

Kirchner weist auf das unübersetzte Frühwerk und das gleichfalls unübersetzte essayistische Hauptwerk Pamuks hin, „Die anderen Farben“ und erklärt, wie wenig diesem die Literatur als „Vehikel“ für politische Ideen tauge. Zumal er weiß, dass der Bürger, der Türke Pamuk, so wichtig seine öffentliche Stimme sei, keineswegs allein stehe: „In seinem Land gibt es Millionen von Menschen, die sich angesichts der Herausforderungen, denen ihr Land zwischen orientalischer Vergangenheit und europäischer Zukunft gegenübersteht, weder in einen erstarrenden Isolationismus noch auf eine Reise in die Vergangenheit begeben möchten“.

Es macht den Eindruck, als habe Pamuk dem nichts hinzuzufügen, ja, als fühle er sich besser denn je verstanden. Seine Dankesrede ist kurz und knapp, und nach dem Geständnis, die Nacht vorher vor Aufregung nicht geschlafen zu haben, spricht er davon, ein Autodidakt zu sein und hält ein Loblied auf das Kindsein. Wie ein Kind mit seinem Spielzeug spiele er am liebsten mit Ideen und Bildern, und Dichter sei er geworden, um Fragen wie diese zu beantworten: Was ist das Leben? Was ist das Glück? Was bedeutet Verantwortung?

Damit ist er dann wirklich endgültig vereint mit seinem Publikum – wer stellt sich diese Fragen nicht? –, bedankt sich noch einmal herzlichst und macht sich schließlich an die Aufgaben, die eben auch eines Dichters sind: zu lesen und, wiederum von Sicherheitsleuten und FU-Angestellten bestens abgeschirmt, zahllos ihm vorgelegte Bücher zu signieren.

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