Zeitung Heute : Aus der Kita an die Uni

Spätestens seit den Pisa-Studien ist klar: Erzieher müssen junge Kinder nicht nur betreuen, sondern aktiv fördern. Das Weiterbildungsangebot ist groß – bei privaten Trägern, beim Land Berlin und an zahlreichen Hochschulen

Dorothee Schmidt

Eine Schlauchbinde aus der Apotheke kann vieles sein. Ein Rüssel, ein Balanceseil oder der Beginn der Geschichte von Prinz Gunibert. Die Binde ist Teil eines Rollenspiels im Lernmodul „Spiel: der Hauptberuf eines jeden Kindes“ und zum Einsatz kommt sie bei einer Fortbildung im Berliner Institut für Klax-Pädagogik. Erzieher sollen hier lernen, wie sie Alltagsmaterialien in Rollenspiele einbinden können. „Einfache Materialien geben viel Raum für Phantasie“, erklärt Mentorin Katja Zettler. Klax begann Anfang der 90er-Jahre als Malschule in Pankow und umfasst heute unter anderem 19 Kindergärten in Berlin und Brandenburg, Kinderbildungswerkstätten, zwei Schulen und ein Institut für Klax-Pädagogik, in dem nicht nur die Erzieher der Klax-Einrichtungen, sondern auch andere Pädagogen weitergebildet werden.

Kreativität zu fördern und sie auf Bereiche wie Sachkunde, Bewegung und Mathematik zu übertragen gehört ebenso wie das selbstbestimmte Lernen zu den pädagogischen Grundsätzen. „Wir merken in der täglichen Arbeit, dass das Programm der Erzieherausbildung mangelhaft ist“, sagt Institutsleiterin Friderike Bostelmann. Es fehle den Erzieherinnen an Grundkompetenzen – wie begleite und beobachte ich die Entwicklung der Kinder und dokumentiere sie, wie gestalte ich Gespräche mit Eltern.

Acht Pflicht- und zwei Wahlmodule ergeben einen Klax-Weiterbildungsstudiengang. Jeder Teilnehmer kann die dreitägigen Kurse individuell kombinieren. Die Module bestehen jeweils aus einem Seminartag, einem Praxistag und einem Reflexionstag.

Die Pisa-Studien haben in Deutschland eine Diskussion über die frühkindliche Bildung und die Qualifikation der Erzieher angestoßen und Frühpädagogen mit neuen Anforderungen und Erwartungen konfrontiert. „Pisa hat das Bewusstsein verändert“, sagt Hilde von Balluseck, Professorin an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. „Es ist erkannt worden, dass die vorschulische Bildung den Grundstein für den späteren schulischen Erfolg legt.“ Die Notwendigkeit der Weiterbildung werde nun akzeptiert. „Selbst nach einem Studium ist Weiterbildung noch notwendig“, findet Hilde von Balluseck. „Das gilt für alle Berufsgruppen, aber für Erzieher ist es besonders wichtig.“ Denn im Bereich Frühpädagogik hinke Deutschland akademisch hinterher. „Die Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund, die Sprachbildung, Ansprüche der Eltern und Armut – diese Themen sind in der Ausbildung bisher nicht in dem Maße vorgekommen, wie es nötig wäre.“

Das Angebot auf dem pädagogischen Weiterbildungsmarkt Berlins ist vielseitig und scheint alle erdenklichen Themen des Erzieheralltags abzudecken. In den kommenden Monaten werden beispielsweise am Berliner Institut für Frühpädagogik ein Kurs zur Gestaltung einer Kita-Homepage stattfinden, einer für Erzieher, die nicht singen können, Seminare über die kindliche Malentwicklung und die Sauberkeitserziehung in Kindergärten.

Das Sozialpädagogische Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) ist eine Einrichtung der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Im Jagdschloss Glienicke bietet es fachliche Qualifizierungen für Beschäftigte der Kinder- und Jugendhilfe an. „Die bewegte Kitagruppe – leichter lernen durch Bewegung“, „Sehen, riechen, schmecken – Essen mit allen Sinnen“, „Sprachförderung durch Puppenspiel“ und die „professionelle Begleitung trauernder Kinder“ sind nur einige Seminare aus dem umfangreichen Angebot.

„In Berlin gibt es zurzeit keine organisierte Trägerlandschaft für die Weiterbildung von Erziehern und Erzieherinnen“, sagt Wissenschaftlerin Annette Orth. Sie arbeitet am Projekt „Professionalisierung von ErzieherInnen“ der Alice-Salomon- Fachhochschule, das für mehr Transparenz der Weiterbildungsangebote sorgen will. „Der Markt ist unstrukturiert und nicht durch übergeordnete Stellen kontrolliert. Das erschwert eine Übersicht über die diversen Anbieter.“ Das Projekt hat zum Ziel, die verschiedenen Angebote zu vernetzen und gemeinsam mit den Trägern Kriterien und Standards für eine Zertifizierung zu entwickeln.

Auch Stiftungen und Unternehmen engagieren sich dafür, die Aus- und Weiterbildung der Erzieher zu verbessern. „Pik – Profis in Kitas“ ist ein Programm der Robert-Bosch-Stiftung, das die Ausbildung der Frühpädagogen an den Hochschulen verankern will und Universitäten beim Aufbau frühpädagogischer Studiengänge unterstützt. Die Unternehmensberatung McKinsey hat die Initiative „McKinsey bildet“ ins Leben gerufen. Zurzeit läuft in Berlin die Pilotphase des Projekts „Haus der kleinen Forscher“, das Kinder für die Erforschung von Naturphänomenen begeistern soll. Zum Angebot gehören auch Fortbildungen und Workshops für Erzieher.

Mehrere Fachhochschulen haben die Erzieherausbildung auf akademisches Niveau gehoben. Die Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin bietet beispielsweise den Studiengang „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ an. Auch Erzieher ohne Abitur, aber mit Berufserfahrung haben eine Chance, aufgenommen zu werden. Ähnliche Bachelor-Studiengänge gibt es etwa an den Fachhochschulen Neubrandenburg und Potsdam. Die Universität Bremen bieten das Studium „Frühkindliche Bildung“ als berufsbegleitende Weiterbildung an. Als Fernstudium konzipiert ist der berufsbegleitende Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“ der FH Koblenz. „Es gibt einen Umbruch hin zur Akademisierung“, bestätigt auch Hilde von Balluseck. Um die Aus- und Weiterbildung auf ein akademisches Niveau zu bringen, seien vor allem Kooperationen zwischen Fachschulen, Weiterbildungsträgern und Hochschulen wichtig.

Die Professionalisierung der Erzieherausbildung, sie hat viele Gesichter. Seien es nun neu gestaltete Räume, akademisches Wissen – oder eben der kreative Umgang mit einer Schlauchbinde.

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