Zeitung Heute : Aus der Not heraus

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Die Mediziner scheinen ihr Risiko zu kennen. „Wir wissen ganz genau, dass wir penibel darauf achten müssen, unseren Bonus bei den Patienten nicht zu verspielen“, sagt Athanasios Drougias, der Sprecher des Klinikärzte-Verbands Marburger Bund. „Wenn im Zuge unserer Proteste tatsächlich irgendwo Notfälle nicht behandelt werden, dann können wir mit unseren Streiks sofort einpacken.“

Was Notfälle sind, ist jedoch nicht zentral geregelt. „Das liegt allein im Ermessen der Mediziner vor Ort“, sagt Drougias. Wenn etwa, wie jetzt am Freiburger Uni-Klinikum, an zwei Tagen in der Woche keine Tumor-Patienten mehr operiert werden, müsse man auf zweierlei vertrauen: auf den medizinischen Sachverstand der Verantwortlichen und auf deren ethische Verpflichtung. „Wir können nicht streiken wie die Müllmänner“, betont der Sprecher. Deshalb sei die Mehrheit der Patienten aber auch auf Seiten der streikenden Mediziner. „Patienten wissen ganz genau: Wenn ein Arzt 30 Stunden gearbeitet hat, ist er kein guter Arzt.“

Daniel Wosnitzka, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft, meint allerdings, dass die Stimmung unter den Patienten bald kippen könnte. Je länger der Streik dauere, desto belasteter werde das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten. „Schon jetzt kam es in Einzelfällen zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen von Patienten und dem klinischem Personal“, sagt Wosnitzka. Und auch ohne Notfall- Diagnose: Bei vielen Patienten steige die psychische Belastung, wenn angesetzte Operationstermine nicht eingehalten würden.

Verschobene Operationen würden möglichst noch in derselben Woche nachgeholt, versichert Drougias. Deshalb werde vorrangig nur montags bis mittwochs gestreikt. Allerdings räumt auch der Ärztesprecher ein, dass mancher Patient, der in einer Uni-Klinik wegen des Streiks nicht unters Messer kam, auf ein kommunales Krankenhaus ausweicht – und dem bestreikten Haus dadurch ein Einnahmeminus beschert. „Diese Umleitung gibt es auf jeden Fall.“ Sie ist auch gewollt, denn mit der Furcht vor nicht mehr schulterbaren Einbußen versuchen die Klinikärzte ja gerade, ihre Arbeitgeber weichzukochen. Der Gewerkschaft Verdi zufolge verursachten die Streiks an 14 Uni-Kliniken bereits Einnahmeausfälle in Höhe von 150 Millionen Euro.

Und weil nichts vorangeht, sind die Ärzte rigider geworden. An Streiktagen würden nun tatsächlich nur noch Notfälle behandelt, sagt Drougias. „Anfangs waren wir da noch nachlässig.“ Mancher Klinikchef habe einfach „weiterhin Operationen angesetzt und den Good-Will seiner Mediziner ausgenutzt“. Damit sei es nun vorbei. Schließlich habe es bei dem Verhandlungspartner, der Tarifgemeinschaft der Länder, bisher „keinerlei Regung“ und „keine ernsthafte Anstrengung“ gegeben, zu einer Einigung zu kommen. Das bisher einzige Angebot sei mündlich gewesen und hätte für junge Klinikärzte eine deutlich höhere Arbeitszeit bei vierprozentiger Gehaltsminderung bedeutet. „Das ist für uns keine Verhandlungsgrundlage.“

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