Zeitung Heute : Aus der Rausch

Der Biotechnologie-Report ernüchtert, zum Aufgeben rät er nicht

Maren Peters

Die Euphorie war groß, die Erwartungen an die heilenden Kräfte der Gentechnik unermesslich, als vor drei Jahren das menschliche Genom entschlüsselt wurde: Berühmte Wissenschaftler wie der Amerikaner Craig Venter versprachen, mit Hilfe der Biotechnologie defekte Gene zu reparieren, maßgeschneiderte Medikamente und sogar Mittel gegen Krebs und Alzheimer zu finden – und das innerhalb weniger Jahre. Im Rausch der Gene wuchs die Zahl der Biotech-Firmen in Deutschland, Kranke hofften wieder, Biotech-Investoren und Anleger träumten vom schnellen Geld. So schön kann ein Goldrausch sein.

Drei Jahre später ist die Aufbruchstimmung Ernüchterung gewichen. Viele Goldgräber haben endgültig begriffen, dass die neue Generation von Biotech-Medikamenten viel länger auf sich warten lässt und teurer sein wird, als ursprünglich erwartet. Statt fröhlich nach Gold zu schürfen, kämpfen viele junge Unternehmen ums Überleben. Mit „Zeit der Bewährung“ hat die Unternehmensberatung Ernst&Young ihren neuen, jährlich erscheinenden Biotechnologie-Report passenderweise betitelt. In dem Bericht, der am Mittwoch vorgestellt wurde, kann man nachlesen, dass die Zahl der deutschen Biotech-Firmen nach Jahren des Wachstums im vergangenen Jahr erstmals zurückgegangen ist, von 365 auf 360. 26 deutsche Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, einige wurden von Konkurrenten geschluckt. Auch die Zahl der Beschäftigten schrumpfte um sieben Prozent auf 13400. Für eine der erklärten Schlüssel–Technologien des 21. Jahrhunderts eine etwas trübselige Bilanz – zumal Deutschland vor kurzem noch den Ehrgeiz hegte, die früher gestarteten, erfolgreichen Konkurrenten in den USA einzuholen. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Und dennoch – oder gerade deshalb – versichert Alfred Müller, der Senior-Biotech-Experte von Ernst & Young bei der Vorstellung seines Reports: „Am Fortbestehen der Industrie gibt es überhaupt keinen Zweifel.“

Zu viele Unternehmen haben sich in der Vergangenheit darauf versteift, selbst Medikamente zu entwickeln. Das verspricht zwar einen höheren Gewinn, als nur als Handlanger für die Pharmaindustrie zu arbeiten, ist aber auch risikoreich und teuer. Die Entwicklung einer Arznei dauert zehn bis zwölf Jahre und kostet rund 500 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Alle deutschen Biotech-Unternehmen zusammen haben im vergangenen Jahr einen Umsatz von gerade einer Milliarde Euro gemacht. Da das Börsenfenster zurzeit geschlossen ist, sind die kleinen Biotechs entweder auf die Kooperation mit einem Pharmakonzern oder einen privaten Investor angewiesen, um ihr Überleben zu sichern. Aber die Geldgeber sind vorsichtig geworden, weil die schnellen Erfolge ausgeblieben sind. Das ist das Dilemma. Vielen der Biotech-Firmen, die mit Hilfe öffentlicher Fördergelder gegründet worden sind, geht jetzt das Geld aus. Und selbst, wenn sie noch ein wenig durchhalten, garantiert ihnen niemand, dass nach Jahren der Forschung am Ende eine Arznei herauskommt. „Die Unternehmen müssen sich auf den Markt konzentrieren, um privates Kapital zu bekommen“, heißt es bei Ernst & Young. Der Kampf hat gerade erst begonnen.

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