Zeitung Heute : „Aus der Sprachlosigkeit heraustreten“

Der Schriftsteller Durs Grünbein hat die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin übernommen

Durs Grünbein

Der Autor und Übersetzer Durs Grünbein wurde im Mai mit dem Berliner Literaturpreis 2006 der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet. Die Ehrung ist mit einer Berufung an die Freie Universität verbunden. Als Inhaber der „Heiner-Müller-Professur für deutschsprachige Poetik“ hält Grünbein in diesem Sommersemester am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ein Autorenkolleg. In der ersten Sitzung ermunterte er die Studierenden mit diesem Text:

Es gibt eine gute Nachricht und eine schlechte. Fangen wir, wie es sich gehört, mit der schlechten an. Das Schreiben kann man nicht lehren. Und dies darum, weil es kein richtiges Schreiben gibt, sondern immer nur Handschriften, sprich ein spezifisches, persönlichkeitsgesteuertes, so oder so riskantes Schreiben, das sich selber die Regeln gibt, sobald es in Gang kommt. Und nun die gute Nachricht. Jeder kann es versuchen, (fast) jeder hat seine Chance, etwas Beobachtungsgabe, Intelligenz und Empfindsamkeit vorausgesetzt. Denn alle sind alphabetisiert, das heißt, Schreiben ist zunächst keine Kunst wie das Malen oder Komponieren, weshalb man in jeder Kulturrede die beiden auch ordentlich getrennt aufzählt: Kunst und Literatur. Mehr ist nicht zu sagen. Der Rest ist Begabung (allerdings), Geschmack (eine seltene Eigenschaft), ein wenig Schönheits- und Ordnungssinn, Witz, Urteilskraft, Fleiß, Geduld – und das gewisse Etwas, ohne das alles Geschriebene hölzern und leblos bliebe. Wer Ironie besitzt, verwende sie, aber in Maßen; wem Pathos gegeben ist, der verlasse sich darauf, aber nicht allzu sehr. Ohnehin wird niemand weit kommen, der nicht mit einem geradezu grausamen Ernst ans Werk geht. Schreiben ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern der verzweifelte Versuch, aus der Sprachlosigkeit herauszutreten, Sprachlosigkeit der vorgegebenen Sprachformen, Unübersetzbarkeit der eigenen Seele.

Die eigentliche Frage aber ist: Wie kann man überhaupt schriftlos leben? Bevor einer anfängt zu schreiben, sollte er manches gelesen haben, nicht alles und auch nicht immer nur das beste, aber doch etwas, das in ihm die Leidenschaft zum Selberschreiben erweckt hat. Mehr als einmal sollte er sich die Frage gestellt haben: Wie ist das gemacht? Fortgeschrittene dürfen dann zweifeln: Ist das überhaupt gemacht, oder waren hier höhere Mächte im Spiel? Letztere Überlegung führt unweigerlich zur Idee der Musen und zum Begriff des Genius – die beide nichts schaden können, aber zu früh eingebracht, leicht einschüchternd wirken. Andererseits ist es niemals zu früh für die Einsicht: lieber keine Produktion als eine erbärmlich schlechte. Lieber nichts geschrieben als unwürdiges Zeug.

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