Zeitung Heute : Aus der Tiefe des Bildschirms

Der Tagesspiegel

Von Jörg Rössner

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht so leicht erklären. Obwohl sich Millionen Bundesbürger täglich im Fernsehen über das aktuelle Tagesgeschehen informieren, ist das Interesse der TV-Zuschauer an ausführlichen Informationen über die Medien scheinbar eher gering. Während fast alle Zeitungen in den vergangenen Jahren ihre Medienberichterstattung ausweiteten, gelang es nicht, im Fernsehen ein Medienmagazin dauerhaft zu etablieren.

Heute Abend startet ein weiterer Versuch. Um 23 Uhr 15 feiert „Zapp“ Premiere, das neue wöchentliche Medienmagazin des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Präsentiert wird die halbstündige Sendung von Gerhard Delling, der für seine Doppelmoderationen mit dem Fußball-Experten Günter Netzer vor zwei Jahren mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Das Konzept von „Zapp“ sieht eine Mischung aus Information und Unterhaltung vor. Delling: „Wir wollen zwar kritisch sein, aber trotzdem nicht alles bierernst sehen – ohne jedoch ins Seichte abzugleiten.“ So kann er sich vorstellen, auch das Ehedrama von Uschi Glas zu behandeln. In jede Sendung kommt ein Studiogast, außerdem soll es ein Schwerpunktthema geben. Aktuelle Beiträge und die Rubrik „Durchgezappt!“ arbeiten die Ereignisse der vergangenen Woche auf. Schließlich wird auf 50 Jahre deutsche Fernsehgeschichte zurückgeblickt, wie den skandalträchtigen „Tatort: Reifeprüfung“, die vertauschten Neujahrsansprachen von Kanzler Kohl 1986 oder die RTL-Frühphase mit „Tutti Frutti“ Ende der 80er Jahre.

Zu diesem Zeitpunkt war das erste deutsche Medienmagazin im Fernsehen bereits wieder eingestellt. Von 1971 bis 1983 lief im WDR „Glashaus – TV intern“. Es folgten einige Jahre Pause, bis Anfang der Neunziger zwei Sendungen starteten: Beim Vox-Projekt „Canale Grande“ begrüßte Moderator Dieter Moor die Zuschauer immer mit „Hallo Zielgruppe“. Als der Sender 1994 sein Programm komplett änderte, ging „Canale Grande“ unter, die Nachfolgesendung „Studio Moor“ auf Premiere hielt sich auch nicht lange.

1991 startete der WDR „Parlazzo“, die Sendung wurde 1998 mit der 100. Folge wegen zu geringer Quoten eingestellt. Annette Dittert war anfangs verantwortliche Redakteurin. Sie erinnert sich: „,Parlazzo’ lief so lange gut, wie es als Show konzipiert war. Als wir dann auf ein Magazin umstellten, wurde es mit den Zuschauerzahlen schwieriger.“ Aber auch andere Sendungen würden nach drei, vier Jahren aus dem Programm genommen: „Uns gab es immerhin sieben Jahre.“ Trotzdem sei die Einstellung ein Fehler gewesen.

Matthias Kremin, ihr Nachfolger als Redaktionsleiter, sieht das nüchterner: „Die Sendung hat ihre Zeit gehabt, der aufklärerische Anspruch war weg. Wenn man hinter die Kulissen guckt, gibt es irgendwann nichts mehr zu entzaubern.“ Irgendwann stoße man an Grenzen, so etwas in einem 14-täglichen Rhythmus unterhaltsam zu machen. „Außerdem hat die Beschäftigung mit den Medien insgesamt zugenommen.“ Zum Beispiel im Radio. Bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird zurzeit in acht Sendungen die Medienwelt thematisiert. Radio Eins von SFB und ORB sendet jeden Sonnabend von 18 bis 19 Uhr den „Apparat“, beim Hessischen Rundfunk laufen auf den verschiedenen Wellen drei Magazine, Westdeutscher Rundfunk, Saarländischer Rundfunk, Bayerischer Rundfunk und Deutschlandfunk produzieren je ein Medienmagazin.

Rechnet man Stefan Raabs „TV Total“ nicht zum Genre – und das muss man wirklich nicht –, war im Fernsehen seit dreieinhalb Jahren „Sendepause“. Das ZDF plante nach dem Ende von „Frontal“ mit Bodo Hauser und Ulrich Kienzle eine Mediensatire namens „Reißwolf“. Dort landete das Sendekonzept dann auch – es soll zu teuer gewesen sein. Der Bayerische Rundfunk (BR) sendet zwar seit März ein monatliches Magazin names „Einblick“, doch das ist nicht mit „Zapp“ vergleichbar. Als Nachfolgesendung von „BR intern“ behandelt „Einblick“ auch hausinterne Themen und streift damit die Grenze zur Eigenwerbung. Das ist im Konzept des NDR nicht vorgesehen. „Einblick“-Redakteur Peter Maier ist mit den bisherigen zwei Ausgaben zufrieden: „Bei der letzten Sendung hatten wir eine Quote von 6,7 Prozent. Das ist für unseren Sendeplatz am Sonntagnachmittag sehr gut.“

Ein vergleichbares Ergebnis würde sich Gerhard Delling sicher auch wünschen. Zwar hat er vom Sender keine Quotenvorgabe bekommen und darf unbefristet senden, „es wäre aber schön, wenn nicht nur das Fachpublikum einschaltet. Sonst macht das auf Dauer keinen Sinn.“ Der späte Sendetermin ist für den 42-Jährigen kein Problem: „Es gibt keinen optimalen Sendeplatz, höchstens einen, der besser ist als ein anderer.“

Aber auch als Minderheitenprogramm genießt „Zapp“ die Wertschätzung der Chefetage. NDR-Intendant Jobst Plog hält „die Einrichtung eines Medienmagazins in einer Mediengesellschaft für eine wichtige Informationsaufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“. Dass es bei der Berichterstattung über den eigenen Sender zu Problemen kommen könnte, erwartet Delling nicht: „Die ARD-Anstalten sollen nicht ausgeklammert werden, das haben wir vorher ausdrücklich besprochen. Für uns gibt es keine Tabus.“

Premierengäste der heutigen Sendung sind die beiden ehemaligen „Frontal“-Moderatoren Hauser und Kienzle, die vor der Bundestagswahl eine neue Sendung moderieren werden. Schwerpunktthemen werden die Medienstrategien der beiden großen Parteien für die Bundestagswahl mit einem Blick hinter die Kulissen von Stoiber-Team und SPD-Kampa sein sowie die in diesen Tagen unvermeidliche Kirch-Insolvenz.

Damit bleibt Delling zumindest zum Auftakt eine Zuschauerreaktion erspart, an die sich Annette Dittert erinnert: In „Parlazzo“ diskutierte Moderatorin Bettina Böttinger mit einer Gameshow-Dauerkandidatin, wie diese Formate mit Sehnsüchten und Hoffnungen der Bewerber spielen und diese ausnutzen. Fast alle Anrufer nach der Sendung wollten jedoch nur eines wissen: Wie man sich bei Gameshows bewerben kann.

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