Zeitung Heute : Aus der tristen Nische auf die große Bühne

Volleyball wird als Show inszeniert, und gleichzeitig sehen Fans Top-Leistungen – so lautet das Konzept des Projekts BR Volleys. Nur der sportliche Auftritt ist noch nicht perfekt.

Sportlicher Chef. Mark Lebedew, der Volleys-Trainer. Foto: Harald Ottke
Sportlicher Chef. Mark Lebedew, der Volleys-Trainer. Foto: Harald OttkeFoto: Harald Ottke

Kaweh Niroomand saß im Vip-Bereich vor einem Glas Wein, als er sah, wie zwei Männer auf ihn zusteuerten. Den einen kannte er, das war Mark Lebedew, sein Trainer. Den anderen lernte er erst kennen, als Lebedew ihn vorstellte. Emanuele Sanini, Trainer von Aqua Paradiso Monza. Ein Mann mit kurzgeschnittenen, ansatzweise grauen Haaren, Mitte Vierzig. Ein Sieger. Monza hatte eine Stunde zuvor die BR Volleys aus dem Europacup geworfen. Aber dann sagte der Sieger mit weichem Blick: „Meine Mannschaft und ich sind stolz darauf, dass wir in dieser Halle und dieser Atmosphäre spielen durften.“

Niroomand, der Manager der BR Volleys, genoss dieses Lob wie ein Gourmet einen edlen Rotwein. Er braucht solche Sätze, sie sind Hinweise, dass er mit seinem Projekt richtig liegt. 4375 Fans hatten das Spiel verfolgt, eine wilde Mischung aus Trommelschlägen, Anfeuerungsrufen, Tröten-Krach und den harten Lauten, wenn unzählige Klatschpappen gegeneinander geknallt werden, hatte jeden Ballwechsel begleitet. Party-Time in der Schmeling-Halle, diese Atmosphäre hatte Sanini gemeint.

Seit neun Monaten läuft das Projekt. Volleyball als Show inszenieren, mit der großen Schmeling-Halle als Bühne. Die BR Volleys zu einer medialen und sportlichen Marke aufbauen, die im Berliner Sport Akzente setzt und gleichzeitig zum Flaggschiff des deutschen Vereins-Volleyballs wird. Eine sportliche Lokomotive, die andere Vereine mitzieht, raus aus dem Nischendasein, rein in die Welt, in der Fans, Medien und Sponsoren einen beachten. Das ist das Projekt.

Und die erste Bilanz, nach neun Monaten, vor dem ersten Play-off-Spiel? Niroomand sitzt in einem Cafe am Ku' damm, rührt in seinem Tee und sagt dann: „Bei Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen liegen wir im Plan, in ein paar Punkten sind wir sogar weiter als gedacht.“ 6345 Zuschauer saßen beim Spiel gegen den VfB Friedrichshafen in der Halle, 2018 Fans sahen das letzte Saisonspiel gegen Moers. 2018, das war die geringste Zahl in der Saison.

2018 gehört zur Erfolgsgeschichte des Projekts.

In der Sömmeringhalle, wo sein Team noch unter dem Namen SC Charlottenburg angetreten ist, da hätte Niroomand bei 2018 Zuschauern vor Freude noch Sekt spendiert. In den ganzen Jahren waren dort nur zweimal mehr als 2000 Zuschauer. Jetzt sieht Niroomand das Potenzial, bei normalem Spielplan, ohne die vielen Mittwochspiele, bei grundsätzlich 2500 Zuschauern. Das gilt für Duelle mit schwächeren Gegnern. Bei spannenden Play-off-Spielen rechnet er mit „5000 bis 6000 Zuschauern plus, das ist mehr als phantastisch“. Es werden eher mehr werden. 8045 Zuschauer kamen schon im vergangenen Jahr zu einem Saisonspiel gegen Friedrichshafen.

Sömmeringhalle, immer der Vergleich mit der Sömmeringhalle. Wenn Niroomand darüber spricht, hört es sich an als würde ein Mercedes-Fahrer über einen Trabi reden. In der Sömmeringhalle war der Vip-Bereich ein schlauchartiger Gang, „für den man sich ja fast schämen musste“. In der Schmeling-Halle sitzen die Gäste an Tischen, sie werden von Hostessen bedient, ein meterlanges warmes Büfett steht in der Mitte, drei, vier junge Frauen kümmern sich nur um die Sponsoren. Die Spieler treten im Anzug auf.

Dieser Vip-Bereich ist eine ungemein wichtige wirtschaftliche Plattform des Projekts. Kontakte werden hier geknüpft, Sponsoren können Spieler oder den Manager an den Tisch bitten. Rund ein Dutzend neuer Geldgeber hat Niroomand gewonnen, einen sogar während der Saison. Rund 200 000 Euro sind dadurch zusätzlich in die Klubkasse geflossen. „Nur, wer glaubt, dass wir dadurch auch reicher geworden sind, liegt falsch“, sagt der 59-Jährige. Im gleichen Maß sind die Ausgaben gestiegen. Ein Spieltag verursacht Kosten zwischen 12 000 und 16 000 Euro. Die Zuschauereinnahmen decken die Kosten nicht.

Der Gesamtetat ist zwar erstmals auf über eine Million Euro gestiegen, aber gleichzeitig verstärkte Niroomand die Mannschaft mit spektakulären Spielern, Paul Carroll zum Beispiel, der beste Diagonalangeifer der vergangenen Saison. Oder Tomas Kmet, bester Mittelblocker der Saison 2010/2011. Und Niroomand sagt: „Wir sind immer knapp mit Geld.“

Gut, damit hatte er gerechnet. Bedeutsamer ist die Strategie. Die Medien berichten ausführlicher über die Volleys, Sponsoren registrieren die größere Aufmerksamkeit, diese wiederum lockt mehr Zuschauer in die Halle. Das sind die großen Linien, die Niroomand zieht. „Aber was wir noch nicht geschafft haben, ist eine dauerhafte starke mediale Präsenz“, sagt er auch. Die Eisbären und Alba sind in diesem Punkt im Vorteil. Auch der Versuch, über neue soziale Medien Fans anzusprechen, ist noch eher im Versuchsstadium. 30 000 Klicks auf der Homepage pro Monat mag für die Volleys viel sein, verglichen mit den Füchsen oder den Eisbären ist das ziemlich wenig.

Niroomand ist ja kein Träumer, er weiß, dass so ein Projekt Zeit braucht. „Aber die Leute wissen jetzt, dass es im Volleyball nicht bloß Friedrichshafen gibt“, das ist eine dieser kleinen Erfolgsmeldungen, die ihn motivieren. Er denkt ja auch an Volleyball in Deutschland, das ist sein eigentliches strategisches Ziel. Haching, Friedrichshafen, das sind Vereine, die von dem Volleys-Projekt am schnellsten profitieren könnten. Haching spielt jetzt noch zu Hause vor 1500 Zuschauern in einer miefigen Halle. Muss ja nicht auf Dauer sein. Da gibt es doch in München die Sedlmayer-Halle, vergleichbar mit der Schmeling-Halle. „Ich würde mir wünschen, dass die Hachinger den Mut hätten, in diese Halle umzuziehen.“ Stefan Mau, der Manager des VfB Friedrichshafen, ist froh, dass es dort oben in Berlin, dieses Projekt gibt. „Die Berliner müssen aber noch die sportlichen Ergebnisse dazu liefern", sagt er.

Top-Leistungen sind schließlich der Kern dieses Projekts. „Wir müssen in diesem Jahr nicht unbedingt Meister werden", sagt Niroomand zwar. Mag sein, wenn man langfristig, im Drei-Jahres-Plan denkt. In Wirklichkeit hat der Satz eine minimale Halbwertzeit. Die Erwartungen sind geweckt, bei Fans, Sponsoren, Medien. Ein Titel ist die Erwartung, zumindest aber glanzvolle, kämpferische Spiele im Finale.

Weiß er doch alles, deshalb rührt Niroomand eine Spur versonnener in seinem Tee. „Es ist kein Geheimnis, dass ich mit der sportlichen Bilanz nicht zufrieden bin“, sagt er dann. Die 2:3-Niederlage vor drei Wochen in Königs Wusterhausen, bitter. Das 1:3 eine Woche später gegen Moers, in eigener Halle, ganz bitter. „So darf man nicht auftreten“, sagt der Manager. Cheerleader, Nebelschwaden, Knicklichter, Klatschpappen, alles Fassade, wenn die Mannschaft patzt.

Es fehlt an der Feinabstimmung, die gemeinsame Saisonvorbereitung war kurz, Kmet hatte so gut wie keine Pause im Sommer, alles Einzelpunkte, aber zusammen genommen ergeben sie immer noch keine schlüssige Gesamterklärung. Und selbst wenn es anders wäre, niemand würde sie hören wollen. Niroomand ja auch nicht. Er will eine Mannschaft, die kämpft und Gegenwehr zeigt.

„Königs Wusterhausen ist eine Herausforderung“, sagt er jetzt. Vor der Saison wären die Netzhoppers eine Pflichtaufgabe gewesen. Königs Wusterhausen ist der erste Play-Off-Gegner der Volleys; (Sonnabend 19.30 Uhr, Schmeling-Halle) beginnt das erste Spiel, und die Volleys gehen fest davon aus, dass sie schon nach zwei Spielen (und Siegen) im Halbfinale stehen werden. „Bei allem Respekt vor den Netzhoppers“, sagt Kapitän Jaroslav Skach, „aber ein zweites Mal werden sie uns nicht besiegen. Wir sind einfach besser als sie.“ Und er spricht für alle in der Mannschaft.

Eine Woche zogen sich die Volleys ins Trainingslager nach Kienbaum zurück. Sie spielten abends Karten, grillten gemeinsam, schwitzen zusammen in der Sauna, sie suchten den Teamgeist, das war die wichtigste Aufgabe. Niroomand hatte direkt nach dem Moers-Spiel eine lange Ansprache vor der Mannschaft gehalten. „Ich werde Euch nun keinen Entertainer hinstellen, der Euch aufputscht“, hatte er verkündet. „Ihr müsst selber wieder Teamgeist und Spielfreude entwickeln.“

Entertainer sind im Projekt Volleys für die Fans vorgesehen.

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