Zeitung Heute : Aus eigenem Antrieb im Aufwind

Die ersehnte Trendwende beim Kaufverhalten ist da – viele Verbraucher wollen sich ihre Wünsche vor der Mehrwertsteuererhöhung erfüllen

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Der Wirtschaftsaufschwung in Europa gewinnt nach Einschätzung führender Konjunkturforscher an Kraft. Zwar hinkt der Konsum vielerorts noch hinterher, doch viele haben jetzt die lange zurückgestellten Wünsche wieder aus der Ecke geholt und tragen sich mit dem Gedanken, das Ersparte auszugeben. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Forsa kommt in einer aktuellen Studie für die Berliner Bevölkerung zu einer ähnlichen Einschätzung. Darin bewerten die Befragten ihre eigene Finanzlage zwar sehr vorsichtig, sehen aber die wirtschaftliche Entwicklung deutlich positiver als noch in den letzten Monaten.

Die Zahl der privaten Konsumvorhaben ist vor diesem Hintergrund gestiegen. Begünstigt werden diese Überlegungen noch durch zwei Sonderfaktoren. Die Fußball-Weltmeisterschaft verschafft insbesondere dem Wirtschaftszweig der Konsumelektronik zahlreiche Abnehmer. Die Sportbegeisterten wollen das Turnier auch mit der neuesten Technik erleben. Die angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer führt bei größeren Vorhaben zu so genannten Vorzieheffekten. So stehen in den Überlegungen häufig die kostenintensiven Anschaffungen im Vordergrund. Ein neues oder zumindest anderes Auto, die Renovierung der Wohnung, aber auch größere Haushaltsgeräte oder neue Möbel werden überdurchschnittlich oft als Konsumwunsch genannt.

Diese Wünsche sind Ergebnis des in den letzten Jahren geübten Konsumverzichts. Die Kaufkraft nahm in den letzten Jahren stetig ab und die Privatleute sparten verstärkt, um für eventuelle Engpässe gewappnet zu sein. Jetzt scheint der Punkt erreicht, an dem die Ersparnisse langsam wieder aufgelöst werden. Weil sich die wirtschaftliche Gesamtlage verbessert, können Reserven zurückgeführt werden, auch wenn die Kaufkraftentwicklung noch stagniert. Das Statistische Bundesamt hat für den Einzelhandel einen Rückgang des Anteils an den Konsumausgaben seit 1991 um 7,9 Prozentpunkte festgestellt. Nimmt man den Einzelhandel im engeren Sinne in die Betrachtung, so steigt der Rückgang sogar auf 12,6 Prozentpunkte. Diese gesunkene Nachfrage nach Gütern hat auch Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Situation gehabt. Der Teufelskreis begann sich zu drehen. Durch die fehlenden Konsumausgaben wurden die produzierenden Betriebe geschwächt. Die Kaufkraft der Arbeitnehmer fiel weiter. Ein ähnliches Phänomen hat das Deutsche Institut für Wirtschaft kürzlich auch für das Haushaltsgebaren des Landes Berlin ausgemacht. Gleichwohl wurde die Notwendigkeit zum Sparen im Haushalt bestätigt, die Auswirkungen auf das Wirtschaftsklima seien jedoch nicht zu übersehen. So wurde dann auch in der Presse getitelt „Berlin spart sich kaputt“.

Die Trendwende beim Privatkonsum wurde schon lange herbeigesehnt. Schließlich lebte die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren vor allem von den Exportüberschüssen. Ein Effekt von dem die Region Berlin-Brandenburg kaum profitieren konnte, denn die hier angesiedelten Unternehmen sind nur in wenigen Fällen exportintensiv, wie der Berliner IHK-Präsident Eric Schweitzer erst kürzlich im Rahmen der Jahrespressekonferenz feststellte. Für die beiden Bundesländer ist die Binnennachfrage viel bedeutender. Folglich litten sie in den letzten Jahren besonders stark unter der Konsumflaute.

Umso wichtiger ist das für dieses Jahr prognostizierte Zwischenhoch in der Konjunktur. Die Stimmung in der Wirtschaft ist so gut wie schon lange nicht mehr. Der ifo-Geschäftsklimaindex erreichte im März 2006 mit einem Wert von 105,4 ein Niveau, das zuletzt 1991 vorgeherrscht hat. Dass es sich dabei aber nur um ein Zwischenhoch handeln wird, ist unter den Wirtschaftsforschern einhellige Meinung. Für das Jahr 2007 wird ein Rückgang der konjunkturellen Daten erwartet, wenn die jetzige positive Tendenz nicht durch flankierende Maßnahmen der Politik gestützt wird. Dadurch könnte sich der Trend stabilisieren und aus eigenem Antrieb weiter wachsen. Empfohlen wird in diesem Zusammenhang auch die günstige Grundstimmung für Investitionen zu nutzen. Sowohl im unternehmerischen als auch im privaten Bereich lohnt sich derzeit dafür auch eine Kreditaufnahme. Damit kann kommenden Zins- und Preissteigerungen ein Schnippchen geschlagen werden.

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