Zeitung Heute : Aus Erfahrung gut

Die Politik entdeckt die Stärken des Alters–der Arbeitsmarkt ignoriert sie noch

Dagmar Dehmer

Der Bundestagsfamilienausschuss befasst sich mit dem 5. Altenbericht. Was muss passieren, um die Stärken von Senioren und Seniorinnen künftig besser nutzen zu können?

Der Ruhestand dauert heute nicht mehr drei oder fünf Jahre, sondern 30. Das sagte Familienministerin Renate Schmidt (SPD), als sie den Auftrag für den fünften Altenbericht erteilte, der sich mit den „jungen Alten“ beschäftigt. Schmidt wünscht sich ein „produktives Leitbild des Alters“, denn die Gleichung: alt gleich krank, einsam und arbeitslos, gelte nicht mehr. Im Gegenteil: Noch nie waren so viele Ältere so jung, so fit, so engagiert, so tatendurstig und wissenshungrig und finanziell gut ausgestattet. Allein – ihr Potenzial wird noch viel zu selten abgerufen. Vielfach fehlt es an entsprechenden Angeboten.

Deutschland hat nicht nur eine niedrige Geburtenrate. Hier werden auch besonders wenig ältere Arbeitnehmer zwischen 55 und 65 Jahren beschäftigt. Die Beschäftigungsquote in dieser Altersgruppe liegt gerade mal bei 40 Prozent. Das Ziel der Europäischen Union, bis 2010 mindestens die Hälfte dieser Altersgruppe bis zur Pensionsgrenze am Arbeitsplatz zu halten, ist in Deutschland kaum erreichbar, sagt Gerhard Bosch, Leiter des Instituts Arbeit und Technik. Lediglich bei den gut qualifizierten Männern sei dieses Ziel ansatzweise erreichbar. Bei den Frauen schaffen es nicht einmal die gut qualifizierten, bis zur Altersgrenze im Job zu bleiben. Bei den gering Qualifizierten gelingt es weder Frauen noch Männern. Vor 50 Jahren sei das noch ganz anders gewesen, sagt Bosch. Damals malochten die Arbeiter viel länger als die gut Ausgebildeten, die es sich leisten konnten, früher in den Ruhestand zu gehen. Besonders dramatisch ist heute die Lage für türkische Einwanderer. Nur 20 Prozent der türkischen Männer, die älter als 55 Jahre alt sind, arbeiten noch, und lediglich zehn Prozent der türkischen Frauen dieser Altersgruppe sind noch erwerbstätig.

Dabei ist die Einbindung der Älteren in den Arbeitsmarkt der Schlüssel für ein neues Bild vom Alter. Denn auch viele Ehrenämter haben unsichtbare oder sichtbare Altersgrenzen. Gerade dann, wenn die Menschen Zeit dafür haben, wird ihnen gesellschaftliches Engagement oft verwehrt, weil sie nicht mehr 30 sind. Gerhard Bosch sieht zwar durchaus eine Trendwende in den Betrieben. Vor allem kleinere Unternehmen hätten schon immer auch ältere Arbeitnehmer beschäftigt. Doch von der Erkenntnis, dass sie es mit alternden Belegschaften zu tun haben, bis zur Einstellung von über45-Jährigen sind vor allem die großen Unternehmen noch weit entfernt. Sie werden sich wohl erst dann an die neuen Notwendigkeiten anpassen, wenn der Arbeitskräftemangel in einigen Jahren bereits Wirklichkeit sein wird. Selbst dann gilt: Bei fünf Millionen Arbeitslosen können die Älteren mit den Jüngeren kaum konkurrieren.

Die Unternehmen müssen sich aber noch aus einem anderen Grund auf die „jungen Alten“ einstellen. Sie spielen als Konsumenten eine immer wichtigere Rolle. Dennoch gibt es bisher nur wenige Angebote, die sich gezielt an diese Altersgruppe richten: Viele Anbieter von Reisen oder Kommunikationsprodukten befürchten offenbar immer noch, jüngere Konsumenten zu verprellen, wenn sie älteren maßgeschneiderte Angebote machen. Gerhard Bosch hält zudem besonders Bildungsangebote für ein „lebenslanges Lernen“ für notwendig.

Das Tarifrecht sei übrigens kein großes Problem, sagt Bosch. Denn in den wenigsten Branchen steigen die Löhne noch automatisch mit dem Alter. Und im öffentlichen Dienst wird das gerade abgeschafft. „Das ist genau die Reform, die wir auch vorgeschlagen hätten“, sagte Bosch dem Tagesspiegel.

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