Zeitung Heute : Aus Grünzeug Kohle machen

Werden Küchenabfälle und Stroh erhitzt, entsteht daraus ein hochwertiger Energieträger

Roland Knauer
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Bio-Ingenieure. Die Mitarbeiter von „Suncoal“ stellen Biokohle her. Foto: U. Steinert

Das Rezept klingt fast zu einfach, um zu funktionieren: Heizt man Biomasse in Wasser auf 200 Grad Celsius auf und verhindert mit dem 20-fachen Atmosphärendruck das Verdampfen der Mischung, verliert das organische Material Wasser und verwandelt sich binnen weniger Stunden in eine hochwertige Braunkohle. Mit genau diesem Verfahren aber verwandelt Tobias Wittmann in der Firma „Suncoal Industries“ Gras, Stroh oder Grünschnitt in einen Brennstoff, der Fernwärme oder elektrischen Strom liefern kann. Der Clou an dem Verfahren: Verbrennt man die so erhaltene Kohle, entsteht dabei die gleiche Menge des Treibhausgases Kohlendioxid, die die Pflanzen vorher aus der Luft geholt haben. Also deutlich weniger als beim Verbrennen fossiler Kohle, wie sie unter Berlin und Brandenburg liegt.

Der Name der 2007 gegründeten Firma ist schnell erklärt: Da die Pflanzen das Kohlendioxid mit Hilfe der Sonnenstrahlung aus der Luft filtern und daraus Kohle wird, kamen die Gründer auf „Suncoal“.

Das Konzept überzeugte auch die Jury der Zeitschrift „WirtschaftsWoche“, die die Firma aus Königs Wusterhausen zum Sieger des Gründerwettbewerbs 2008 kürte. Der Preis besteht aus Sachleistungen im Wert von 300 000 Euro für den Werbeauftritt des Unternehmens, die juristische Beratung, Personalberatung und weitere Komponenten aus der Wirtschaftswelt, die ein Unternehmen benötigt, um sich am Markt zu etablieren.

Tobias Wittmann, der an der TU Berlin über regionale Energiesysteme promovierte und zusammen mit drei Kollegen Suncoal führt, glaubt vor allem aus einem Grund an die Geschäftsidee. Für herkömmlichen Biosprit wird statt Getreide Raps angebaut, aus dem Bio-Alkohol gewonnen und mit gewöhnlichem Sprit aus Erdöl gemischt wird.

Bei Suncoal hingegen wird das Stroh verwendet, das nach dem Dreschen übrigbleibt. Auf ein und demselben Feld wächst also sowohl das Getreide für Brot als auch der Grundstoff für die Kohle, die später in Heizkraftwerken verfeuert werden kann. Da Pflanzenabfälle und andere, sonst kaum verwertbare Bioabfälle in die Anlagen gesteckt werden, gibt es keine Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln.

Chemiker kennen zwar schon lange Möglichkeiten, Biomasse in Kohle zu verwandeln. Friedrich Bergius beschrieb das grundlegende Verfahren bereits im Jahr 1913. Das „CarboREN“ genannte Verfahren von Suncoal baut aber nicht nur auf dieser bekannten Methode auf, sondern ist obendrein auch noch sehr effektiv: 80 Prozent der mit Gras, Stroh, Holzstücken, Abfällen aus der Verarbeitung von Zuckerrüben oder aus der „Grünen Tonne“ in den Prozess eingebrachten Energie steckt später in der erhaltenen Braunkohle, die restlichen 20 Prozent gehen nicht verloren, sondern werden in Form von Wärme frei, die wiederum benötigt wird, um das Verfahren in Schwung zu halten.

Liegt der Kohlenstoffgehalt in handelsüblicher Braunkohle wie zum Beispiel aus der Lausitz bei 60, bei Steinkohle bei 80 Prozent und bei Koks bei 90 Prozent, hat die Braunkohle aus dem CarboREN-Verfahren immerhin einen Kohlenstoffgehalt von 70 Prozent. Je mehr Kohlenstoff vorhanden ist, umso mehr Energie kann beim Verbrennen genutzt werden. Die CarboREN-Braunkohle ist daher hochwertig und zugleich klimaneutral. Damit das so bleibt, setzt Chef-Forscher Tobias Wittmann auf kleine Anlagen, die Biomasse aus der nahen Umgebung beziehen. Das spart lange Transportwege – und damit den Ausstoß von Treibhausgasen.Roland Knauer

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