Zeitung Heute : Aus Liebe zu Goethe

Die Wirtschaftsbeziehungen brummen

Juliane Schäuble

Der Eindruck trügt. Wer durch die schier grenzenlos wirkende Zehn-Millionen- Stadt Seoul fährt, sieht überall Wohntürme mit der Aufschrift „Lotte“. Aber das Firmenkonglomerat, zu dem neben Kaufhäusern, Fast-Food-Restaurants und Vergnügungsparks auch Hotels und Apartmenthäuser gehören, ist trotz deutschen Namens von einem Koreaner gegründet worden. Dennoch: Deutsche Unternehmen wie die Deutsche Bank, Volkswagen oder die Allianz sind in Südkorea sichtbar vertreten. Laut dem Auswärtigen Amt investierten sie im vergangenen Jahr insgesamt rund 7,6 Milliarden Dollar (5,6 Milliarden Euro) in dem asiatischen Boomland. 200 deutsche beziehungsweise deutsch-koreanische Unternehmen beschäftigen mehr als 80 000 koreanische Arbeitnehmer.

Die wirtschaftlichen Beziehungen sind eng. Das belegt die Statistik: Korea ist für Deutschland nach China und Japan der drittwichtigste Absatzmarkt in Asien, Deutschland für Korea Handelspartner Nummer eins in Europa. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2006 eine Rekordhöhe von 21,5 Milliarden Dollar. Koreanische Unternehmen wie Kia, Daewoo oder LG Electronics investieren pro Jahr rund 1,4 Milliarden Dollar in Deutschland. Dabei konzentriert sich das Engagement stark auf das Rhein-Main-Gebiet.

Auch auf dem Gebiet von Forschung und Technologie wird Korea zunehmend interessant. Immer mehr deutsche Forschungseinrichtungen kooperieren mit koreanischen Partnern, an der Spitze die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft. Um Forscher noch besser zu vernetzen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Herbst 2006 die Kampagne „Korea und Deutschland: Partner in Forschung und Entwicklung“ gestartet. Sie soll bis zur Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft in Korea im Oktober laufen.

Auf die wachsenden wirtschaftlichen Beziehungen nicht nur mit der Hauptstadt setzt die Lufthansa große Hoffnungen. Schon seit längerem fliegt sie täglich von Frankfurt nach Seoul – im vergangenen Jahr eine der fünf ertragreichsten im weltweiten Lufthansa-Netz. Vor kurzem eröffnete die Fluglinie nun einen Direktflug von München in die südkoreanische Hafenstadt Busan, wo unter anderem die weltgrößte Schiffswert Hyundai Heavy Industries angesiedelt ist. Nutzen sollen die neue Verbindung vor allem Geschäftsreisende.

Aber auch aus touristischer Sicht ist eine zusätzliche Strecke interessant. Mehr als zehn Millionen Überseereisen unternehmen die Südkoreaner inzwischen jährlich – dabei zählt Deutschland zu den beliebtesten Zielen. Rund 300 000 Übernachtungen konnten hiesige Hotels und andere Unterkünfte im Jahr 2005 verbuchen. Bis 2015 wird sich diese Zahl mindestens verdoppeln, schätzt die Deutsche Tourismuszentrale. Die Bundesrepublik gilt in vielen Bereichen – neben den USA – als Vorbild. So würde Südkorea die deutsche Wiedervereinigung am liebsten als Modell für den Umgang mit Nordkorea kopieren. Und auch Johann Wolfgang von Goethe hat dort viele Fans. Der koreanische Wirtschaftsmagnat Sin Kyuk-ho soll von den „Leiden des jungen Werther“ und dessen Liebe zu Charlotte so angetan gewesen sein, dass er sein Imperium „Lotte“ nannte. Juliane Schäuble

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