Zeitung Heute : Aus Metaphern auferstanden

Von der Büro- zur Gedenkarchitektur: Was der Wiederaufbau des World Trade Center für die Baukunst der Welt bedeutet

Christina Tilmann

Als die Entscheidung fiel, freute man sich, als hätte einer von uns den Wettbewerb für den Wiederaufbau des World Trade Centers gewonnen. Ein Berliner Architekt. Wirklich? Daniel Libeskind, in Polen geboren, in Israel studiert, amerikanischer Staatsbürger und zum Zeitpunkt der Entscheidung in Berlin lebend, ist von der öffentlichen Meinung so schnell eingemeindet worden wie sonst kaum ein Zugezogener. Was auch daran liegt, dass seine ersten erfolgreichen Bauten in Deutschland stehen: zwei Museen, die den Architekten schlagartig berühmt machten. Das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück und das Jüdische Museum in Berlin zeigen die typische Libeskind-Handschrift: furiose Zick-Zack- Bauten in schimmerndem Aluminium, die je nach Blick als zerbrochener David-Stern oder Zeitachsen der deutschen Geschichte gelesen werden konnten. Eine Architektur, die längst nicht mehr bloß funktional ist, sondern Kunstwerk an sich.

Libeskind, der seit diesen ersten Bauten als Spezialist für bedeutungsgeladene Memorial-Bauten gilt, hat auch bei dem Entwurf für Ground Zero tief in die Metaphernkiste gegriffen: Ein „Keil des Lichts“ soll genau in der Zeit zwischen 8.46 Uhr und 10.46 Uhr, dem Zeitpunkt der Aufpralls des ersten Flugzeugs und des Zusammenbruchs des zweiten Turms, auf den zu Füßen des neuen World Trade Centers geplanten „Park der Helden“ fallen. Der zentrale „Freedom Tower“ soll, dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung entsprechend, 1776 Fuß (541 Meter) hoch sein und, als Analogie zur Freiheitsstatue, mit einer großen Antenne versehen werden. Und oben in den luftigen Höhen sollen die „Gärten der Welt“ vom Sieg des Lebens über den Tod künden.

Ob sich der Architekt mit seiner Bedeutungsarchitektur gegenüber dem Investor Larry Silverstein und dem mit der Gesamtplanung beauftragten Architekten David Childs durchsetzen wird, ist noch unklar. Gerade erst gab es Meldungen von Abstrichen, die Libeskind hinnehmen musste, von Zugeständnissen an eine bessere kommerzielle Verwertbarkeit der Bauten: mehr Büros, weniger Symbolraum. Und doch ist klar: Es war das Ende der Büro- und der Beginn der Gedenkarchitektur, als im Februar die Entscheidung für den Wiederaufbau des World Trade Centers auf Libeskind fiel. „Die Welt wird nicht mehr sein wie vorher“, hieß es, als die Türme fielen. Wenn sie, spätestens zum zehnten Jahrestag des Anschlags 2011, wieder aufgebaut sein werden, wird auch die Welt der Architektur nicht mehr sein wie vorher.

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