Zeitung Heute : Aus Rache?

Die Taliban in Afghanistan haben den Krieg verloren – ihre Gefährlichkeit nicht

Ulrike Scheffer

Sie wollen zurück an die Macht. Und für dieses Ziel ist den Taliban jedes Mittel recht, Terror eingeschlossen. Seit die ehemaligen Herrscher des Landes am Hindukusch den Krieg verloren haben, agieren sie im Untergrund. Im Osten und Süden Afghanistans finden sie Unterschlupf bei den Paschtunen, ihren ethnischen Brüdern. Und auch jenseits der Grenze in Pakistan sind sie willkommen. Schon im vergangenen Jahr warnten Experten, die Taliban und die mit ihnen verbündeten Kämpfer der Al Qaida seien dabei, neue Strukturen in Afghanistan aufzubauen.

Erst am Mittwoch lieferten sich Soldaten der afghanischen Armee in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion nördlich der Stadt Spinboldak Gefechte mit versprengten Taliban. Bilanz des blutigen Zwischenfalls: 40 Tote auf Seiten der Taliban, sieben bei der Armee. Am Freitag kündigte der lokale Taliban-Kommandeur, Hafiz Abdul Rahim, Rache an: Taliban-Führer Mullah Omar habe den Befehl erteilt, afghanische und ausländische Truppen anzugreifen, sagte Rahim der Agentur Reuters. Zwar erwähnte Rahim nicht ausdrücklich die Isaf, deutsche Sicherheitsbehörden hatten aber schon seit einiger Zeit Hinweise auf gelpante Anschläge gegen die Friedenstruppe. Die Isaf-Soldaten seien einer „beachtlichen Gefährung“ ausgesetzt, hieß es schon vor einigen Monaten in Sicherheitskreisen. Mehrere Anschlagsversuche gingen seither glimpflich aus.

Im vergangenen September bekam auch der afghanische Präsident Hamid Karsai zu spüren, dass die Taliban sich nicht geschlagen geben. Bei seiner ersten Reise in die frühere Taliban-Hochburg Kandahar entging er nur knapp dem Tod, als sein Wagen beschossen wurde. Beinah zeitgleich explodierte auf einem belebten Marktplatz in Kabul eine Bombe. Mindestens 30 Menschen kamen ums Leben. Beide Anschläge werden den Taliban zugeschrieben.

Karsai bat die internationale Gemeinschaft danach inständig, das Mandat der Isaf auf ganz Afghanistan auszuweiten, um die Gotteskrieger endgültig zu vertreiben. Doch die lehnte ab. Bis heute verfügt die afghanische Regierung daher außerhalb Kabuls kaum über Einfluss. Hier haben lokale Kriegsherren das Sagen, die früher mal auf dieser, mal auf jener Seite gekämpft haben. Im Krieg gegen die Taliban hatten sich einige von ihnen mit den Amerikanern verbündet – auch deshalb ließ man sie später gewähren.

Nicht wenige dieser Lokalfürsten haben inzwischen jedoch islamistische Regime aufgebaut, die sich nur wenig von dem der Taliban unterscheiden. Beobachter schließen nicht aus, dass sie sogar Allianzen mit ihren früheren Gegnern eingehen, um Karsai zu stürzen. Frontwechsel dieser Art sind in Afghanistan nichts Ungewöhnliches und haben den mehr als 20 Jahre währenden Bürgerkrieg in dem Land immer wieder angeheizt.

Anfang des Jahres zogen die USA die Notbremse. Seit Februar bauen sie „Provincial Reconstruction Teams“ auf, die den Kriegsherren auf die Finger schauen sowie den Aufbau von Infrastruktur und Verwaltung voranbringen sollen. Berlin steht bei Washington im Wort, ebenfalls ein solches Team aus Soldaten und zivilen Helfern aufzustellen. Bis zum jüngsten Anschlag schien sich für den Einsatz breite Zustimmung abzuzeichnen. Auch die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Bundestages, Christa Nickels (Grüne), sagte am Freitag dem Tagesspiegel: „Diese Teams sind besser als nichts.“ Um Afghanistan wirklich zu befrieden, muss aus ihrer Sicht aber mehr getan werden: „Wir haben immer gesagt, die Isaf muss flächendeckend ausgeweitet werden.“

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