• Aus zwei mach eine Zeitung - der Zeitungskonzern Hearst kauft den "San Francisco Chronicle" und läßt seinen eigenen "Examiner" sterben

Zeitung Heute : Aus zwei mach eine Zeitung - der Zeitungskonzern Hearst kauft den "San Francisco Chronicle" und läßt seinen eigenen "Examiner" sterben

Gerti Schön

In den USA geht das Zeitungssterben weiter. Und in Fortsetzung des Trends der vergangenen Jahrzehnte trifft es eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen, das sich unter die Ägide eines Konzerns begeben muß: Die Hearst Corporation, die den "San Francisco Examiner" besitzt, kaufte Ende der vergangenen Woche den traditionsreichen "San Francisco Chronicle" für die Summe von 660 Millionen US-Dollar (1,19 Milliarden Mark). Die Stadt an der US-Westküste wird damit eine von vielen mit nur noch einer einzigen Tageszeitung .

Dass der "Chronicle" kränkelt, war schon im Mai bekannt geworden. Damals wurde eine Unternehmensberatung damit beauftragt, den finanziellen Zustand des Blattes zu untersuchen, das unter der chronischen Krankheit namens Auflagenverlust leidet. Kam der "Chronicle" Anfang der 90er Jahre noch auf eine verkaufte Auflage von annähernd 600 000 Exemplaren, lag sie als immerhin zwölftgrößte Zeitung der Nation zuletzt bei 482 000. Zwar besitzt das Unternehmen noch weitere Medienbetriebe, darunter den privaten Fernsehsender KRON-TV. Doch mit dem Engagement der großen Konzerne Knight Ridder, Gannett und Hearst, die schrittweise alle lokalen Zeitungen in der Umgebung Nordkaliforniens aufgekauft haben, wurde dem Familienunternehmen das Wasser abgegraben.

Die beiden Erzrivalen "Chronicle" und "Examiner", die über mehr als 100 Jahre miteinander in Konkurrenz standen, werden mit der Übernahme funsionieren, falls sich nicht durch ein Wunder noch ein Käufer für den "Examiner" findet. Der "Examiner" lag gegenüber seinem Konkurrenten schon immer im Hintertreffen, nicht zuletzt durch die weitaus geringere Auflage von knapp 115 000. Weil es die amerikanischen Kartellgesetze jedoch verbieten, daß ein Konzern in einer Stadt zwei große Zeitungen besitzen darf, wird der neue "Chronicle"-Besitzer Hearst den "Examiner" einige Wochen lang zum Kauf freigeben. Wenn dann kein Interessent auf den Plan getreten ist - und die Chance dafür ist nach Ansicht von Industrie-Analysten sehr gering - wird der Deal wahrscheinlich problemlos durchlaufen.

Ein Grund, warum der "Examiner" für andere Konzerne wenig attraktiv scheint, ist, dass die beiden Rivalen 1965 ein Abkommen geschlossen hatten. Um Geld zu sparen, wurden Produktion und Vertrieb der beiden Zeitungen an einen Ort zusammengelegt: der "Examiner" erschien als Nachmittagszeitung und der "Chronicle" am Morgen. Gleichzeitig konkurrierten die Blätter jedoch weiterhin um Leser. Während der "Chronicle" mit seiner großen Reichweite in der weitgehend liberal geprägten Bay-Area seit 1865 als Institution gilt, fiel der "Examiner" mit einer zusammengestückelten Berichterstattung auf. Der "Chronicle" meldet und der "Examiner" klappert hinterher, hämte so mancher Branchenkenner.

Den 2000 Angestellten des Gemeinschaftsunternehmens wurde von Hearst zugesichert, dass ihre Arbeitsplätze erhalten blieben, ebenso den 375 Beschäftigten beim "Chronicle" und den 217 beim "Examiner". Dies dürfte zumindest bis 2005 gelten, denn so lange läuft der Vetrag über die Produktions- und Vertriebsstätten. Die gemeinsame Webseite der beiden Zeitungen ( www.sfgate.com ) berichtete umfassend von dem Kauf und zitierte Hearst-Präsidenten Frank Bennack, der das bevorstehende Ende des "Examiner" als "bittersüss" bezeichnete. Schließlich wurde das Blatt in San Francisco 1887 die erste Zeitung im legendären Medienimperium des Moguls William Randolph Hearst. Das New Yorker Medienunternehmen besitzt inzwischen zwölf Tageszeitungen, 16 Magazine und 26 TV-Stationen, und wurde auf der Forbes-Unternehmensliste im vergangenen Jahr auf Platz 60 gesetzt.

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