''Auschwitz-Album'' : Unerträgliche Leichtigkeit

Im Liegestuhl, beim Ausflug, mit Hund – so zeigen Fotos die Täter in Auschwitz. Was erzählen die Bilder?

Christiane Peitz
070922auschwitz
Leben in Auschwitz. Karl Höcker, Adjutant des Lagerkommandanten, bei einem Ausflug auf der Solahütte. -Foto: dpa

Sie lächeln in die Kamera. Frauen und Kinder an der Rampe von Auschwitz, deportiert aus Karpatien. Sie schauen zum Fotografen und tun das, was jeder tut, der geknipst wird. Es ist Mai 1944.

Ein anderes Foto mit Frauen und Kindern stammt vom Juni 1944. Auch sie lächeln, allerdings dösen sie dabei, auf den Liegestühlen des Auschwitz-Refugiums „Solahütte“. Das Bild stammt aus dem Fotoalbum des SS-Obersturmführers Karl Höcker, Adjutant des letzten Lagerkommandanten Richard Baer: 116 Schnappschüsse, auf 16 Pappseiten geklebt. Ein US-Geheimdienstmann hat das Album kürzlich dem Holocaust Memorial Museum in Washington vermacht, das die Täterbilder nun auf seiner Website zeigt – im Verbund mit den 308 Fotos aus dem sogenannten „Auschwitz-Album“, das von der SS fotografierte Opferbilder von der Rampe versammelt.

Die Nazis privat. SS-Offiziere beim Feiern, Sommerfrische auf der Hütte, ein Jagdausflug, Schießübungen, Trinkgelage, man macht sich locker mit Zigarette. Höcker mit Schäferhund, Höcker mit Waffe, Höcker, die Jultanne anzündend, Höcker beim Open-Air-Singen im Offizierschor mit Akkordeonspieler. Auf einer Fotoserie teilt er einer Schar von SS-Helferinnen Heidelbeeren aus; am Ende drehen sie ihre geleerten Obstschalen lachend vor der Kamera um. Seht her, wie brav wir aufgegessen haben: eine Pose, ein Hohn. Ein paar Meter weiter verrecken Menschen in Massen.

Das Wissen um die Banalität des Bösen ist nicht neu. Die menschliche, im Alltagsdetail allzu menschliche Seite von Hitlers willigen Vollstreckern kennt man spätestens seit Hannah Arendt, seit Eberhard Fechners Majdanek-Dokumentation „Der Prozess“ von 1984, seit Goldhagen, seit Götz Aly. Es gab unter den Nazis hochgebildete Leute ebenso wie gewöhnliche Männer und Frauen, fürsorgliche Väter und Mütter, liebende Eheleute, brave Staatsbürger, die höchstens mal ein Glas zu viel tranken. Nur konnte man sich bisher selten so konkret und sinnlich ein Bild davon machen. Davon, dass das Auschwitz-Personal nicht die Spur eines Unrechtsbewusstseins hatte. Die Täter haben ein gutes Gewissen. Von dieser Unschuldsvermutung in eigener Sache erzählen Höckers Fotos. Stichwort Abu Ghraib: Man braucht die Täter gar nicht bei ihren Missetaten zu sehen, um über diese Selbstwahrnehmung zu erschrecken.

Täter sind sexy. Kaum dass die Nachricht von den Fotos gestern die Runde machte, war die Museums-Website (www.ushmm.org) im Nu überlastet: der Voyeurismus der Nachgeborenen. Wer sich aber die Mühe macht, das Auschwitz- und das Höcker-Album vergleichend zu betrachten, der kann sehen, wie entsetzlich nah und doch rabiat getrennt die Welten sind. Beide Alben versammeln überwiegend Gruppenbilder, beide sparen den Tod nicht aus, nur dass die Reisenden hier mit dem Zug zur Gaskammer und dort mit dem Bus zur Jagdhütte fahren.

Gräueltat und Freizeitspaß: Von dieser Gleichzeitigkeit gibt es kein dokumentarisches Bild aus der NS-Zeit. Dass Menschen ohne jede Verrenkung zu beidem fähig sind, kann nur die Fiktion zusammendenken. Wie in der Szene aus „Schindlers Liste“, in der Ralph Fiennes als Lagerkommandant mal eben vom Balkon aus ein paar KZ-Häftlinge erschießt.

Karl Höcker lebte nach dem Krieg mit seiner Familie als Bankangestellter in Engershausen bei Osnabrück; erst nach dem Eichmann-Prozess wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung 1970 arbeitete er wieder bei der Bank. Er starb mit 89 Jahren im Jahr 2000.

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