Zeitung Heute : Ausflüge in Brandenburg: Zappelnde Beute im Netz

Claus-Dieter Steyer

Abfischen bedeutet Knochenarbeit. Die Männer in ihren bis knapp unter die Achseln reichenden Gummi-Anzügen ziehen und zerren an dem großen Netz. Nicht nur das kalte Wasser und die mit jedem Schritt in Richtung Ufer schwerer werdende Last macht ihnen sichtlich zu schaffen. Der Boden unter den Füßen gibt nach und wirkt wie Pudding. Bei dem schlammigen Untergrund der Blumberger Fischteiche bei Angermünde verwundert das schwierige Vorankommen kaum. Endlich zappeln genügend Karpfen im großen Netz. Für sie gibt es jetzt kein Entrinnen mehr. Ein Kran lässt ein zweites, viel kleineres Netz herab, zieht es nach kurzen Augenblicken wieder hoch und lädt den Fang in großen Bottichen ab. Das Spektakel wiederholt sich noch mehrere Male.

Gewöhnlich bleiben die Fischer bei ihrer "Karpfenernte" unter sich. Zuschauer würden sie wahrscheinlich nur ablenken oder womöglich gar nicht finden. Denn mit Ausnahme der Peitzer Fischteiche bei Cottbus liegen die Karpfenzuchtanlagen meist versteckt in der Landschaft. Am kommenden Wochenende aber haben sich die Männer in ihren wasserdichten Hosen an den Blumberger Teichen auf viel Publikum eingestellt. Das nahe gelegene Informationszentrum des Naturschutzbundes Nabu veranstaltet am Sonnabend und Sonntag einen Großen Fischzug. Neben dem traditionellen Abfischen wird noch einiges mehr geboten: Brot aus dem Backofen, Lagerfeuer und Glühwein, eine Ausstellung über den Fischfang in der Uckermark sowie ein Schaufischen in den Gewässern rund um das einem Baumstumpf nachempfundenen Gebäude.

Getreide für den Silvesterkarpfen

Die Teiche gehören dem Naturschutzbund. "Folglich müssen wir uns an dessen Auflagen halten", erklärt Andreas Schulz von der Teichwirtschaft Blumberger Mühle. Kraftfutter sei da nicht erlaubt. "Wir geben den Karpfen fürs Wachstum etwas Getreide ins Wasser, aber das fällt nicht unter intensive Aufzucht." Um die 700 Gramm bringen die hauptsächlich für die Festtafeln zu Weihnachten oder Silvester bestimmten Karpfen auf die Waage.

Doch nicht nur Fischen begegnet der Ausflügler in der Umgebung der Blumberger Mühle. Kormorane, die der Firma pro Jahr rund zehn Prozent des gesamten Ertrages rauben, sind ebenso zahlreich vertreten wie Kraniche. Zu Tausenden bereiten sie sich entlang den 21 Fischteichen mit einer Gesamtfläche von 140 Hektar auf ihren Flug in wärmere Gefilde vor. Eine spezielle Beobachtungskanzel bietet beste Sicht auf den Ein- und Ausflug dieser beeindruckenden Vogelschwärme. Dazu tauchen vor dem Fernglas wie auf Bestellung ein majestätisch gleitender Seeadler, Saat- und Blessgänse, Graureiher, ein Habicht, eine Gruppe von Schwänen sowie Löffel- und Schell-Enten auf. Sie lassen sich nicht vom vorüber fahrenden Transporter der Fischereifirma stören. "Die Tiere wittern fette Beute auf dem Grund der abgelassenen Teiche", weiß ein erfahrener Naturführer.

Er verrät das Geheimnis dieses Naturreichtums. Bis 1989 war das Gelände der schon im 13. Jahrhundert angelegten Fischteiche weiträumig abgesperrt gewesen. Der Titel "Staatsjagdgebiet" sage alles. Schließlich liege die Schorfheide nur einen Steinwurf entfernt. Außerdem habe die Fischerei ihr Betriebsgelände ebenfalls umzäunt.

Heute steht das weitläufige Gebiet rund um das Info-Zentrum nicht nur zum Fischzug-Fest am Wochenende für jedermann offen. Wem die fünf bis sieben Kilometer Fußweg an die Teiche zu beschwerlich erscheinen, kann entweder auf den Kremser umsteigen oder sich ein Fahrrad ausleihen. Ausgebildete Naturwächter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin stehen an den Wochenenden für sachkundige Führungen zur Verfügung.

Verzichtet der Wanderer auf diese Begleitung, könnte er einiges verpassen. Einen versteckt liegenden Steg etwa oder ein unheimlich wirkendes Moor. Nicht auszudenken, hier vom glatten Holz abzurutschen und in der braun-grünen Brühe zu landen. Ungefährlicher ist es da, sich das Moor im Info-Zentrum erklären zu lassen.

Beim Spaziergang zu den Fischteichen kann man - mit etwas Glück - die Spuren eines seltenen Gesellen entdecken. Der Biber fällt hier stramme Baumstämme, um Wasser anzustauen und seine Burg zu bauen. "Biber und Otter rücken immer mehr an unser Zentrum heran", erzählt Geschäftsführerin Kathrin Succow-Hoffmann. Ihre Scheu vor den Zweibeinern haben sie verloren. "Wir vertragen uns gut miteinander", sagt die Expertin.

Strom vom eigenen Acker

Zwischen 1995 und 1997 wurde das Besucherzentrum Blumberger Mühle gebaut. 13,5 Millionen Mark wurden investiert - und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein liebevoll angelegtes Areal, in dem man lebendigen "Anschauungsunterricht" bekommt. Es eignet sich hervorragend für Schulklassen und Familien. Die Namen der Projekte für Schüler klingen vielversprechend: "Im Reich des Froschkönigs", "Farben, Düfte, Töne - das Leben auf der Blumenwiese", "Auf Spurensuche des Bibers" und "Strom vom eigenen Acker - erneuerbare Energien".

Obwohl von November bis März die hauseigene Gaststätte schließt, muss niemand auf Landkost verzichten. An der Straße zwischen Angermünde und der Blumberger Mühle wartet das Gut Kerkow mit einem Hofladen und einer Bauernstube auf Gäste. Angermünde selbst bietet mehrere kleine Schenken rund um den restaurierten Marktplatz. Garantiert stehen hier auch Gerichte auf der Speisekarte, deren wichtigsten Zutaten aus den Blumberger Teichen stammen.

Tipps für die Blumberger Mühle

Anreise: Mit dem Zug von Berlin im Stundentakt bis Angermünde, Fahrtzeit rund 60 Minuten. Vom Bahnhof Angermünde verkehrt zum Informationszentrum Blumberger Mühle die "Biberbahn" als Panoramabus. Ein Rad- und Wanderweg ist ausgeschildert.

Autofahrer nutzen die Autobahn A 11 Berlin-Prenzlau bis zur Ausfahrt Joachimsthal, von dort auf der B 198 nach Angermünde und weiter in Richtung Prenzlau. Von der Bundesstraße zweigt in Kerkow nach links eine Straße nach Görlsdorf ab. Der Weg ist mit "Naturerlebnis Blumberger Mühle" ausgeschildert.

Öffnungszeiten: Blumberger Mühle: bis 31. Oktober täglich 9 bis 18 Uhr, 1. November bis 31. März montags bis freitags 9 bis 16 Uhr, sonnabends und sonntags bis 17 Uhr.

Bauernmarkt Gut Kerkow: donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Eintritt: Blumberger Mühle: Erwachsene acht Mark, ermäßigt 6,50 Mark, Kinder von vier bis 14 Jahren 4,50 Mark, Familienkarte 20 Mark. Bei Vorlage eines Fahrscheins der Bahn gibt es 33 Prozent Ermäßigung.

Veranstaltungen: Täglich kostenlose Exkursionen in die Umgebung um 11, 13 und 15 Uhr sowie Kutsch- und Kremserfahrten, Fahrradverleih und spezielle Führungen.

Großer Fischzug am 3. und 4. November ab 9 Uhr 30 an den Blumberger Teichen mit Schauabfischen am Sonnabend und Schaufischen in der Naturerlebnislandschaft am Sonntag von 13 Uhr an. Außerdem gibt es ein Programm speziell für Kinder und ein Lagerfeuer.

Advent in der Blumberger Mühle am 9. Dezember von 9 bis 17 Uhr mit Adventsmarkt, Konzert, Kindertheater, Spezialitäten, Back- und Räucheraktionen.

Neujahrswanderung am 1. Januar um 12 Uhr, zweistündige Exkursion mit der Naturwacht, Fischspezialitäten aus dem Räucherofen, Sektempfang und warme Getränke.

Auskunft: Nabu-Erlebniszentrum, Blumberger Mühle 2, 16278 Angermünde, Telefonnummer: 033 31 / 260 40, Telefaxnummer: 033 31 / 26 04 50, im Internet unter der Adresse: www.blumberger-muehle.de , E-Mail-Adresse: info@blumberger-muehle.de

Gut Kerkow, Telefon: 033 31 / 262 90, Telefax: 033 31/26 29 39, im Internet unter: www.gut-kerkow.de

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