Ausflüge : Ja, wo laufen sie denn?

Pferderennen begeistern Zocker, Prominente und Familien. An Ostern beginnt in Hoppegarten die neue Saison. Und dann wird es auf der Galopprennbahn wieder so sein ...

Das Siegerpferd Pastorius und sein Jockey Enky.Alle Bilder anzeigen
Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz
15.03.2013 15:56Das Siegerpferd Pastorius und sein Jockey Enky.

Dieser Text ist ein leicht gekürzter Vorabdruck aus dem zitty-Buch „Brandenburg“, das ab Montag im Handel erscheint (8,50 Euro).

Dominik Moser lehnt an einem Holzzaun und schaut rüber zu Charles Darwin. Charles Darwin ist ein kastanienbrauner Hengst, sein Fell glitzert in der Sonne. Er wird im Kreis herumgeführt. Aufgewärmt für das Rennen auf der Galopprennbahn Hoppegarten, östlich von Berlin, im Märkisch-Oderland. Gleich wird Moser ihn satteln, ihm über die Mähne streicheln, dem Jockey die letzten Ratschläge geben. „Wenn das Pferd in der Box ist, kann ich keine Anweisungen mehr geben, anders als die Kollegen beim Fußball“, sagt der 39-Jährige. „Von da an bin ich machtlos.“

Seit drei Jahren ist Moser Trainer. Als Kind wollte er Jockey werden, wie sein Vater einer war. Der baute ein Gestüt auf in ihrem Heimatort in der Lüneburger Heide bei Hamburg. Doch schon mit 16 merkt Moser, dass er zu groß wird, zu schwer. Also wird er Trainer. Hauptsache irgendetwas mit Rennpferden. Die letzten 200 Meter, das sei es, was Pferderennsport ausmacht. Moser schwärmt. „Wenn die Adern unter dem Fell hervortreten. Wenn die Augen groß werden, die Nüstern, wenn sie in den Schlusskampf reingehen!“

Der Trainer schaut Charles Darwin in die Augen. Er kommuniziert mit dem Tier. „Ich bin kein Pferdeflüsterer oder so etwas“, sagt er. „Aber in irgendeiner Form spricht es zu mir.“ Wenn das Pferd das Fell aufstellt, fühlt es sich unwohl. Dann muss Moser es beruhigen. Wenn es Glanz in den Augen hat, dann ist der Trainer zufrieden. „Der Glanz zeigt, dass das Pferd nicht tot ist, nicht traurig.“ Ein wichtiges Zeichen. Glanz bedeutet Lust.

Moser steht nicht an der Strecke während des Rennens. Er verfolgt es von einem Monitor aus. Konzentriert. Nach dem Rennen hat er nur kurz Zeit, Einspruch einzulegen, falls sein Pferd auf der Strecke behindert worden ist. Trainer ist ein harter Job. „Da ist es dann doch wie im Fußball“, sagt Moser. „Das Pferd ist die Mannschaft. Wenn das Pferd nicht läuft, fliegt der Trainer.“

In der Jockey-Kabine wartet Bayarsaikhan Ganbat, alle nennen ihn Enky. Er sitzt zwischen Sporttaschen und den bunten Jockey-Trikots. Der 27-Jährige trägt Jeans und Sneakers. Man könnte meinen, er komme gerade vom Einkaufsbummel am Kurfürstendamm. Enky wurde in der Mongolei geboren als Sohn von Nomaden. Als er 13 ist, zieht seine Familie nach Berlin. In einer Zeitungsanzeige liest er, dass Jockeys gesucht werden. Enky wiegt 54 Kilo, er ist 1,60 Meter groß. „Das hat gepasst. Die haben mich sofort genommen.“

Nach drei Jahren Ausbildung ist der junge Mongole hauptberuflicher Rennreiter. Das Alter spielt bei Jockeys keine Rolle. Der älteste Jockey im Feld ist 52. Nur das Gewicht zählt. Vor dem Rennen isst Enky wenig, er muss leicht sein. Laufen, schwitzen, hungern – das ist sein Leben. „Rührei, immer wieder Rührei“, sagt er, „und auf keinen Fall Kohlenhydrate.“ Hungern gehe, sagt er, durstig sein sei viel schlimmer. Stunden vor dem Rennen trinkt Enky nichts mehr. Das Pferd spürt jedes Gramm.

In der Hauptsaison nimmt Enky mehrmals in der Woche an Rennen teil. An den Wochenenden bis zu fünf Mal am Tag. Immer mit verschiedenen Pferden. Manchmal welche, auf denen er nie zuvor geritten ist. Kurz vor dem Start redet Enky mit dem Pferd. „So wie mit Menschen“, sagt er. „Na, Dicker? Alles gut!“ Er streichelt es.

Sobald Enky sich umzieht, beginnt die Verwandlung. Von da an ist er konzentriert. Hört sich die Anweisungen des Trainers an: Nach dem Start nach vorne ziehen oder sich eher im Mittelfeld aufhalten. Jedes Pferd hat andere Gewohnheiten. Manches hängt leicht nach rechts, manches zieht zu viel. „Pferde sind keine Maschinen“, sagt Enky. Dann geht er raus aus der Kabine. Gleich ist sein erster Start. Für Platz eins bis vier gibt es Preisgeld. Enky geht zum Pferd. Alles gut, Dicker!

Auf der Picknick-Wiese knallt die Sonne vom Himmel. Die Besucher strömen durch die Einlassgitter. Die Kapelle spielt einen Tusch, dann immer wieder „Die Berliner Luft“. Knapp 15 000 Schaulustige kommen zu manchen Galopprennen. Philipp Müller-Armbruster ist mit seiner Frau und den Kindern hier. Die Kinder spielen auf der Wiese, Papa holt sich noch ein Bier. Müller-Armbrüster wohnt in Prenzlauer Berg und arbeitet für ein Start-up-Unternehmen. Vor 20 Jahren war er zum ersten Mal in Hoppegarten. Alle fünf Jahre zieht es ihn zur Rennbahn, wenn das Wetter passt. „Früher war der Andrang größer. Dann war eine Weile nichts. Nun ist es wieder hip geworden, herzukommen. Auch wenn das alles hier immer schon hip war.“ So fasst er die Geschichte zusammen.

Promis, Zocker, Familien, Studenten, Hipster, Touristen. Berlin ist nicht Ascot. Und trotzdem verwandelt sich der Hoppegarten zum Flaniergebiet, es geht ums Sehen und ums Gesehenwerden, nur mit etwas weniger Pomp, vielleicht mit weniger Stil, dafür mit etwas mehr Lässigkeit. Eine Alternative zum sonntäglichen Spaziergang Unter den Linden oder auf der Kastanienallee. Die Sonne genießen, Bier trinken, wetten. Auch Müller-Armbruster wettet. „Aber nur kleine Beträge“, sagt der 39-Jährige. Fünf Euro, höchstens zehn. „Denn von Pferden habe ich keine Ahnung.“

Auf der Promi-Tribüne ist das anders. Der Prinz ist nervös. Ach, nervös sei gar kein Ausdruck, sagt er. Seit drei Tagen hat er nicht mehr geschlafen. Wie denn auch? Das sei doch Wahnsinn alles, oder? Dass sein Pferd jetzt nur noch gewinne. Und dass er jetzt immer der Favorit sei. „Ein Waaahhhnsinnn“, sagt er. Franz Prinz von Auersperg, Pferdebesitzer, Kosmopolit, Schöngeist, Lebemensch. Der Prinz steht ganz oben auf der für Mitglieder und Promis reservierten Tribüne des Rennklubs und schaut übers Gelände. Wahnsinnsgelände. Wahnsinnstag. Wahnsinnssofa mit weißer Ledergarnitur, auf das er sich dann fallen lässt. Da drüben steht der Wolfgang Lippert, Cowboystiefel, Haare wasserstoffgelb gefärbt. Lippi grinst. Der Prinz bestellt einen Espresso und Käsekuchen, dann kommt der Trainer seines Pferdes vorbei, Bussi, Bussi. Dann steht der Prinz wieder auf, dann setzt er sich wieder, dann fängt er an zu erzählen und hört so schnell nicht wieder auf.

Geboren 1949. Sein Vater ein Pferdenarr. Seine Stiefmutter, Engländerin, Springreiterin im Olympiateam 1956. Bei einem Verkaufsrennen in Mailand kauft der junge Prinz eine Stute für 14 000 Mark. Sie ist die Mutter von Pastorius, dem Pferd, seinem Pferd, das zurzeit alles gewinnt. „Der Pastorius ist jetzt ein Rockstar“, sagt der Prinz. „Der ist sich seines Marktwerts bewusst.“ Beim Transport will der schon kein zweites Pferd mehr neben sich haben. Dass ihm das bloß nicht alles zu Kopf steigt, mahnt der Prinz. Er braucht ihn doch noch. Der Pastorius soll doch auch einmal züchten.

Über sich selbst sagt der Prinz, er sei einer, der die Welten verbindet. 20 Prozent bei den Reichen und Schönen. 80 Prozent bei den Jockeys, den Pferden und bei seinem Trainer, so ist sein Alltag aufgeteilt. „Wir müssen die starren Regeln aufweichen“, sagt der Prinz. „Mein Sohn bindet sich keine Krawatte um. Der ist im Musikbusiness tätig.“ Natürlich war auch der Prinz jahrelang im Musikbusiness tätig. „Unter anderem mit Bands wie Nirvana“, sagt er. Dann Schweigen. Das Kuchenstück ist gegessen. Franz Prinz von Auersperg schaut auf die Rennbahn. Das Rennen beginnt. „Demut“, flüstert er noch. „Im Pferderennsport lernt man Demut.“

Ob die Zocker das genauso sehen? Eine Katakombe mit künstlichem Licht. Bis hier dringt die Sonne nicht durch. Gleich nebenan das Männerpissoir. Der Duft von Urin und Bratwurst weht herüber. Hier, in der Höhle der Zocker, zeigt die Rennbahn ein anderes Gesicht. Weniger glitzernd. Zwei, drei Mal im Jahr kommt Hans-Günter Thiersch, Bauunternehmer aus Ketzin an der Havel, in den Hoppegarten. Seine Familie ist draußen auf der Wiese. Dort, wo die Sonne scheint und fünf Euro gewettet werden. Er ist drinnen in der Höhle, bei den großen Summen. Thiersch wettet nur gelegentlich. Aber diese Szenerie, dieses Kaputte, das ziehe ihn magisch an.

Zigarettenrauch. Dreitagebärte. Graue Mäntel. „Die echten Zocker verhalten sich unauffällig“, sagt Thiersch. „Man erkennt sie daran, dass sie kein Portemonnaie benutzen, sondern Geldklammern. Und Geldbündel.“ Morgens kauft sich Thiersch die „Sport-Welt“, liest sie durch, von der ersten bis zur letzten Seite. Er merkt sich die Stärken und Schwächen der einzelnen Pferde. Wenn ein Rennen läuft, geht Thiersch raus. Er will es live sehen. Die echten Zocker starren auf die Monitore. „Ich bin noch nicht einmal ein Halbprofi“, meint Thiersch. Sein höchster Gewinn bislang: 340 Euro. Bei zehn Euro Einsatz.

Das Rennen ist nun vorüber. Pastorius hat gewonnen. Ein violetter Farbtupfer sticht aus dem Schwarz der Pferde hervor. Um ihn kreist ein Karussell aus Reitern und Besitzern, Stars und Sternchen. Warum sie heute Violett trägt? Das entscheidet sie immer morgens. Spontan. Tini Gräfin Rothkirch ist die Grande Dame des Hoppegartens. Seit 20 Jahren gehört sie zur Rennbahn. Sie ist Vorsitzende des Rennklubkomitees. „Es macht Spaß, dabei zu sein“, sagt sie mit rauer Stimme, „und es hat Spaß gemacht mitzuhelfen, diese wunderschöne Rennbahn wieder zum Leben zu erwecken.“

Die Gräfin muss viel Small Talk machen dieser Tage. Schauen, wer alles da ist: der Berliner Millionär Jörg Woltmann. Eduard Prinz von Anhalt, der seinen Enkelsohn mitgebracht hat. Der eine Schauspieler, den man aus den Krimis kennt und der Bluejeans trägt. Eigentlich geht das nicht. Aber da werden schon mal beide Augen zugedrückt. „Wir wollen nicht so elitär sein“, sagt die Gräfin. „Auch die Damen müssen nicht mit Hut kommen, aber immer mehr tun das. Und das macht mir Freude.“

Die Gräfin ist die Tochter eines preußischen Gutsbesitzers aus Hessen. Der Großvater war Rennreiter, nahm 1932 als Springreiter an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles teil. Im Alter von drei Jahren lernt die Gräfin, auf Pferden zu voltigieren und reitet später Vielseitigkeit. Mit 24 kommt sie nach Berlin, wird Deutschlands jüngste Hotel-PR-Chefin und später Managerin eines Fünf-Sterne-Hotels. An einem Tag wie heute gibt sie nichts aus der Hand: Sie hat die Blumendekoration selber gemacht, schaut noch mal, ob in jeder Vase ein Deutschlandfähnchen steckt. Sie sitzt jetzt im Speisesaal. Eine Bedienung läuft vorbei. Auf dem Tablett Spargelröllchen, umwickelt mit gekochtem Schinken. Die Gräfin trinkt einen Schluck Kaffee. Dann muss sie los. Raus zu den Menschen. Zu den Pferden. Zu Pastorius, dem Sieger. Das Violett verschwindet in der Masse.

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